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Neue Nationalzeitung · 1912-01-26 · Heft 2 (26.1.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 2 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite € Neue Nätional-Zeitung" Nr. Z haben, die wenigsten heute noch in der Lage sind, die ihnen damals unter Zwang beigebrachten hebräisciii^ Ke^feiasei des Lesens zu verwehrten. Wir können hettte Äicht mehr jüdische Schriftzeichen erkennen; -selbst die ^uhter Drill" auswendig gelernten Sätze, wie das „Schema" und diel Broches, stoßen auf Schwierigkeiten, geschweige, daß wir noch in der Lagfe» wären, uns deren Sinn deuten zu können. Vergessen ,; Meine Brüder und ich wurden von unseren Elter» wiederholt angieieifert, hebräisch zu lernen; doch der Zwang, der in der Schulte bestand, die Härte nnd, Unfreundlichkeit, mit denen uns manche ReligionslÄrör gegenübertraten, wenn wir bei dem übrigen schweren Pensum, das wir in den Mittelschulen zu absolvieren hattten, dem Hebräischen nicht genügend Teilnahme abringen könnteil, erzielten statt Interesse vollständige Gleichgültigkeit für das Studium des Hebräischen, die später ejiner direkten Voreingenommenheit Platz machten Man nötigte uns, in einer gänzlich unzulänglichen, systemlosen Weise* ein Sprachstudium auf, dessen praktischer Wert uns nicht einleuchten konnte; noch weniger konnten wir in dem mit Widerwillen aufgenommenen Studium Begeisterung oder Erbauung finden.; Ich Will die sicherlich bestehenden Pieirlen der hebräischen Wissenschaft nicht verkennen; für dein Anfänger jedoch bestehen solche absolut nicht! Als Schüler legten wir uns immer die Frage vor! v „Warum lernen wir* nicht all' da« in deutscher Sprache, die wir, verstehen? Wir sind genug belastet durch diei in den Mittelschulen obligaten Fächer, wie Französisch, Englisch, Lateinisch, -Griechisch, und kennen für - das praktische Le-bein ke i n e Nutzanwendung des Hebräischen!" Jedem Studium muß Lieb e und Lust ent- , gegengebracht werden. , Bei dem Hobräischen war dies jedoch n i e der Fall. Es wurden uns Sätze eingepaukt, deren Sinn ui» nur durch die gleichzeitig eingepaukte deutsche Uehersetzung für kurze Zeit im Gedächtnisse blieb; doch bald war das widerwillig Erlernte in beiden Sprachen wieder vergessen! . ,; Ich erinnere mich noch, wie ich, und später meine Brüder,, anlaßlich der Barmizwah in den Tempel geführt wurden. Unterwegs gab sich unser Vater die größte . Mühe, die vor cjem Altar aufzusagender Broclie /unserem Gedächtnis einzuprägen. , , Mühs^i^' stotterten wir dann im Tempel, ohne uns der ethischen Bedeutung dteis Augenblickes gewahr zu werden, ohne jede Begeisterung diese Worte hervor, stockten, so daß uns die anderem die ... -Worte. .zuflüslern_.mußtenr _.. und ..wir dankten erst dann, und zwar in deutsche^ Sprache, als wir die t^i&mmmmeftmmtf*** V ri?!^$fefV HÖR da***als' #P Tempel macTife', War mf rareneirief der schwersten meiner lyJWWÜ&ikilXß^- ^rW^; -ßelühl der Bangigkeit "denke ich hoch heute daran. . ' 33fe)riÄuj thitifofben Empfinduögen hatten auch meine ^rüder^und Freunde. %ocn 's{irewer^wn*kte auf mich in späterer wSe^fti^&fh*™^^ ich in der weihevollen Stunde meiner Trauung, unter dem Traualtar - stehend, bemüssigt war, dein Vorbeter mir gänzlich unverständliche Worte nachzusagen; erst sträubte sich mein männliches Gefühl dagegen, daß ich w i e ein Kind, Worte nachsagen mußte, die mich in mednem Denken und Empfinden direkt störten, und irritierten, da ich sie nicht verstand. Was an Stimmung in mir in jener Stunde vorhanden war, wurde durch die mir unverständlichen hebräischen Gebete verscheucht. Wären deutsche, mir verständlicbei WTorte an mein Ohr gedrungen, so hätte» ich, zeitlebens, ebenso bei der Barmizweh, eine» erhebende Erinnerung behalten! Statt dessen blieb meine Trauung. mir nur eine zwangsweise Prozedur, die ich absolvierein mußte, um nach Neigung und Wahl heiraten zu können. Genau dieselben Empfindungen als ich hatten auch meine Brüder und Vettern, die ebenfalls die ihnen unverständlichen hebräischen Gebete anhören und die Broche verständnislos und bedeutungslos nachbuchstabiwen mußten. Darf man dies von einem erwachsenen, selbst denkenden Mann verlangen? Warum also dieser Zwang? Und warum das Zeremonielle nicht in der uns verständlichen deutschen Sprache? Wir deutschen Juden, die wir bemüssigt sind, die Freiheit nach vielen Richtungen hin besonders zu beanspruchen, wollen auch im eigenen Lager verlangen, daß es jedem anheimgieistellt sei, daß zeremonielle Formen in deutscher oder, nur wenn es ausdrücklich verlangt wird, in hebräischer Sprache stattfinden mögen. Ebenso können wir verlangen, daß Eltern, welche ihrei Kinder in orthodoxer, oder in der jetzigen Weise, oder in der Zukunft nur in rein deutscher Weise Religionsunterricht angedeihen lassen wollen, daran nicht gehindert werden. Von den Verfechtern des hebräischen Unterrichtes, die, vor Dezennien, an demselben gründlich teilnahmen, wird eingewendet werden, daß gerade das Hebräische das Bindeglied sei, welches heute die Judenschaft noch zusammenhalte. Ich stelle mir das künftige Bindemittel dels Judentums ganz anders vor: „Wir sollen als ein großer, die Welt umspannender „V e r e i n der Wohltätigkeit unseren in den ärmsten Verhältnissen lebenden Glaubensbrüdern in Rußland, Galizien, Rumänien usw. hilfreich zur Seite stehen." In einem solchen Vereine wollen wir zusammenhalten. Nichts wirkt belebender und macht seliger, als die Empfindung vollbrachter Wohltaten an den Aermsten der Armen. Mehr als allel Gebete und Zeremonien. Wir können im Wohltun unserer Zugehörigkeit zum Judentume den beredtesten Ausdruck verleihen, indem wir den noch auf tiefster, sozialer Stufe stehenden, und im Elende und Joche schmachtenden Mitbrüdern auf wirtschaftlichem und kulturellem Gelbiete helfend zur Seite stehen, unter anderem die Werke der Alliance Israelite, Schulen, Emigration usw. fördern und die Leiden urtd Krankheiten lindern, z. B. Errichtung eines israelitischen Spitales in der Brigittenau usw. Ich kenne wohlhabende, aufgeklärte Juden, die ihr^ Zugehörigkeit zum Judentume nur noch dadurch bekennen, daß sie den zehnten Teil ihrer Ersparnisse wohltätigen, jüdischen Zwecken widmen,

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