Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 2 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 5 stisch-gekünsteltei — Konkretisation der abstraktischen Geiste&erscheinungen bemänteln. Das schaffende Judentum hatte im Gegenteil stets wie weit möglich vom konkret-materiellem Substrat der Lebcf/i&erscheinungen abstrahiert. Man hat dies oft mit Reicht als. Grundzug des jüdischen Genius bezeichnet. Nie war zum Beispiel dem Juden der Staat als Souveränitätsgewalt über einen böeümmten Landstrich ein Ziel, sondern mir als Grundlage für ein freies soziale« und kulturelles Schaffen. Das Ideal des physischen Wurzeins und Haftens an einer bestimmten Scholle war ihm seelisch fremd. Er hat seine Staatsordnung und Gesellschaftsverfassung unabhängig vom Lande — und aucii außerhalb desselben in der Wüstenwanderung — geschaffen. Und auch heutzutage! sind die Juden nicht bloß infolge ihrer Zerstreuung die eifrigsten Anhänger des exterritorialen Personalitätsfprinzipes in der Lösung der modcirnen Nationalitätenfrage. Das Zionsgespenst dagegen beruht auf einer scheinbaren Konkretisierung einer eigentlichen Abstraktion. Denn die Zionsliebe ist einei in nationalpolitischer Hinsicht geschichtlich-sterile Emotion, im Grunde nichts als eine Abstraktion, einei Fata morgana. Und man läßt sich nur von einer geistigen Aberration verleiten, wenn man den heutigen Zionismus, d. h. dein prinzipiellen Palästinismus, als realistische Bewegung bezeichnet. Das genau konkretische Endziel spricht keineswegs dagegen, sondern gerade dafür, denn bei völliger Unbestimmtheit und Aussichtslosigkeit der Bewegung, ja eigentlich bei Abwesenheit jeglicher „Bewegung" auf ds)m Wege zum Endziel, war das genau präzisierte Endziel stets das Merkmal der Utopie. So muß denn die ganze palästino-zentrischei Ideologie auf dogmatischen Dekretierungen beruhen, wie/ diese: „Solange der Judei an seinen Gott glaubt, ist er mit Palästina verbunden, mit Jerusalem . . . Sein Gott ist übetraJI, aber konkret befindet er sich im Jerusalemer Tempel (.'?). Jerusalem aber wurde zu Zion, zur Abstraktion, zum Ausdruck des schaffenden Judentums" (1. c. p. 20). Ferner: „Zion ließ das Judentum nicht sterben ..." Darin mag ja ein Slück Wahrheit enthalten sein; aber mit gleichem Reicht ließe es sich behaupten: Zion hinderte nicht selten das Judentum, zu einem gesunden nationalen Leben zu gelangen. (Uganda!) Oder: „Palästina ist das materielle Subslrat des göttlichen Schaffens der jüdischen Nation" (p. 35). Das ist elbenso unbegründet wie apodiktisch. Denn aus der Tatsache, daß das Judentum seine höchsten Kulturkiisttungen in Palästina vollbracht hat, darf und kann auch keineswegs der Schluß gefolgert werden, daß dort die kulturschaffende Kraft der jüdischem Rasse überhaupt erst entstanden ist oder gar, daß der jüdiche Genius mit dsir Zionsscholle unzertrennlich, wie Ursache und Wirkung, verknüpft ist. Der Palästinozentrismus ist nichts anderes, als die logische Projektion d es psychologisch ein Zionsgespenstes auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes und eo ipso detren tendenziöse Entstellung. Man bedenke: Achad-Haam, der nüchternste Analytiker und rationalistischeste Schematikeir in der modernen jüdischen Literatur, wurde zum Apostel der Zionsliebe, des heutigen „geistigen" Zionismus. Ist das — Zufall? Trägt denn sein Zionismus „des Herzens und des Gemütes" nicht alle Merkmale eines totgeborenen Hirngespinstes, eines gekünsteltem Erzeugnisse«, der spintisierenden Vernunft? Man höre: „Di>E< Zionsliebe ist weder ein Teil des Judentums, noch eine Beigabe zu demselben, sondern das Judentum selbst in seiner ganzein Totalität, aber mit Verlegung des Mittelpunktes" („Am Scheidewege/', p. 108). Soll das eiine konkretemotionelle Auffassung der Wirklichkeit sein? Oder ist es nicht vielmehr ihre Verstümmelung und Einzwängung in eine pilpulistisch ausgeklügelte Formel? Wir haben es gesehen, wie leicht dem amor populi intellektualis eines Achad-Haam diet Behauptung fällt, daß die Zionsliebe mit dem Elend des Einzelnen, dm Juden nichts zu tun habe. Pereat mundus-vivat Zion! Wie anders dachten, lehrten und lebten die Großen und Edlen, die| dem Schmerz des Volkes und des Einzelnen nicht kalt raisonmierend, sondern blutenden Herzens mitempfunden haben — ein Hirsch, ein Pinsker, ein Herzl . . . Bei diesen war die Zionsliebe nicht ein Gespenst, dem sie ihre Liebe zum Volke blindlings opferten, es war in der Regel eine zeitweilige Schwäche, ein Tribut der „induzierten Psychose", die sie früher oder später in sich zu überwindem verstanden haben, Leidieir scheint ein direkter Kampf gegen diese Massenpsychose des Judentums wie auch gegen sein nichtjüdichies Gegenstück — gegen die antisemitische Psychose — aussichtslos zu sein. Denn der Golus, das große Unglück, hat sie beide efrzeugt und nährt sie beständig. Mit ihm werden sie verschwindem . . . t)ie Abfallbewegung imd der hebräische ^Religionsunterricht.*) Wien, im Jänner 1912. Es wurde in letzter Zeit viel über die Abfallbewegung geschrieben, und in dem gemachten Gegenvorschlägen oft betont, daß das wirksamste Mittel eine gründlichere Kenntnis dieö Hebräischen und der Psalmenlehre wäret Gestatten Sie, daß ich, mit Rücksicht auf die ohnehin durch das Studium in den öffentlichen Schulen genügend angestrengte Jug<e|nd meine und meiner Gesinnungsfreunde gegenteilige Ansicht äußere, und einem Religionsunterricht in deutscher Sprache das Wort rede, bei weichem das Hebräische nicht als obligatorisch giefiehrt werden möge, sondern nur dann dociert werde, wenn es besonders strenggläubige Eltern verlangen. Ich will vor allem feststellen, daß von den Hunderten meiner jüdischem Mitschüler, welche die Mittelschule mit mir vor zirka 20 Jahren absolviert *) Wiewolil wir mit den Zielen umi den Ausfiihruniren dieses Artikels durchaus nicht einverstajid e n sind, haben wir uns dennoch entschlossen, demselben zu veröffentlichen, weil er von sehr beachtenswerter Seite stammt und im Zuge der von uns eröffneten Diskussion dazu dienen soll, den Stai: Ijiunkt der gut jüdisch -dankenden (ieirner des -hebräischen l'utevri-chtes darzulegen. Wir erwarten, daß die berufenen Fachmänner die Gelegenheit ergreifen werden, die Argumente des Verfassers zn widerlegen. Die Redaktion.