Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 2 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Di© Herabsetzung des Steuer-Minimums hätte eiraejn Mindestertrag von K 50.000 ergeben, diü der Gemeinde in ihrer Notlage sehr zustatten kämen. Es wärei dann nicht nötig, den Mittelstand, der ohnehin genug an Steuern zu tragen hat, noch mehr zu pressen und ihm als Entschuldigung einen Wisch ins Haus zu schicken, der trotz vieler Gemeinplätze von Wohltätigkeit und Sparsamkeit eigentlich gar nichts sagt. Allein, weil Dr. Stern Präsident bleiben will, müssen 10.000 Gemeindemitgltefder vom jüdischen Gemeindeleben ausgeschaltet sein und die Kultusgemeinde muß alljährlich K 50.000 Stetuern einbüßen. Das sind die Konsequenzen einer senilen Gemeindewirtschaft. L. POLITISCHE RUNDSCHAU. Moses Hess' hundertster Geburtstag- Ohne Sang und Klang, ohne Feier und Jubel hat das jüdische Volk den 21. d.M. vorübergehen lassen. Wer denkt noch heute an Moses Hess, der an diesem T&ge vor einem Jahrhunderte das Lieht der Welt erblickt hat, zu einem Leben voll des Kämpfen.« und Ringens, voll der Entbehrungen und des rastlosen Schaffens im Dienste zuerst des Allenvelts-Proletariates und dann des jüdischen Volkes? Und doch hat Moses Hess ein Recht, daß wir seiner gedenken: mehr als Mendelsohns, Philippsohns u. A. Er hat dem Ghetto-Judentum zuerst einen Lebensinhalt gegeben, er hat es auf eine neue Bahn gelenkt und ihm den Weg gezeigt — zur nationalen Wiedergeburt in seiner uralten Heimat. Zu Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit Sozialist und Anarchist, ja neben Karl Marx einer der hervorragendsten Führer und Schriftsteller der sozialistischen Partei, hat sich der „Kommunisten-Rabbi Moses", wie ihn Rüge nannte, in seinem 50. Lebensjahre auf seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke besonnen und in seinem Buche „Rom und Jerusalem' die Bibel des nationalen Judentums geschaffen. Hier wird zum erstenMal der jüdisch-nationale Gedanke und seine letzte Konsequenz, die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina historisch und völkerpsychologisch begründet. Was bei Dr. Pinsker der Ausfluß philantropischer Gesinnung, bei Dr. Herzl ein Produkt journalistischer Phantasie war, das floß bei Hess aus tiefem nationalen Empfinden und innerster wissenschaftlicher Ueberzeugung. Moses Hess war ein Nationaljude; Herzl und Pinsker waren es nicht. Deshalb kann auch Hess als der Vater der modernen jüdischen Nationalbewegung angesehen werden. Sein nationales Bekenntnis lautete; „Der ,neumodische' Jude, der die jüdische Nationalität verleugnet, ist nicht nur ein Apostat, ein Abtrünniger in religiösem Sinne, sondern ein Verräter an seinem Volke, an seinem Stamme, an seiner Familie." Bei Lebzeiten ist Hess mit seinen Ideen vereinzelt geblieben. Nach dem Tode hat er zahlreiche Jünger gefunden, die sein Werk bekehrt hat. Es ist aktuell geblieben wie die Judenfrage. Zahlreiche Einwürfe gegen das nationale Judentum, die wir heute von den Fanatikern der Assimilation anhören müssen, sind bereits in seiner Schrift widerlegt. Die Unterscheidung zwischen östlichen und westliehen (okzidentalen) Juden hat schon Heß gemacht. Von den östlichen Juden sagt er: „Sie haben den lebendigen Kern des Judentums, ich meine die jüdische Nationalität, treuer bewahrt als unsere okzidentalen Brüder, die alles im Glauben unserer Väter neu beleben möchten, nur nicht die Hoffnung, die diesen Glauben geschaffen, uns durch alle Stürme der Zeiten hindurch lebendig erhalten hat. die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Nationalität/' Moses Heß hat bisher kein literarisches Denkmal erhalten. Selbst die Daten über seinen Lebenslauf sind in keinem jüdischen Buch, sondern nur in der „Geschichte der ersten Soeialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland" von Georg Adler zu finden. Es wäre Pflicht aller Anhänger von Hess, die durch ihn zum nationalen Selbstbewußtsein gelangt sind, diese Dankesschuld abzutragen. Hof rat Camillo Kuranda klagt! Nach dem Erscheinen unserer vorigen Nummer hat der Abgeordnete des Kai-Viertels und k. k. Hofrat i. P. Camillo Kuranda, einer der „beiden" jüdischen Ritter des Leopold-Ordens usw., unserem Herausgeber durch telephonischen Anruf unserer Redaktion die Überreichung der Ehrenbeleidignngsklngo beim Landesgerichte angekündigt. Daraufhin hat unser Herausgeher durch einen gemeinsamen Bekannten dem Privatankläger in spe mitteilen lassen, daß er (der Herausgeber) für den Inhalt der inkriminierten Notiz in der Politischen Rundschau die persönliche Verantwortung übernehme. Die Klage ist bis zur Drucklegung dieser Nummer noch nicht überreicht und wir dürfen uns daher, ohne die kommentmäßigen Regeln zu verletzen, mit Herrn Kuranda noch auseinandersetzen. Herr Kuranda ist ein Glückskind. Als Sohn seines berühmten Vaters ist er trotz seines jüdischen Bekenntnisses ins Handelsministerium gekommen und hat zuerst hier, dann im Eisenbahnministerium dank seinem Fleiße, seinen Fähigkeiten und seiner bureaukratischen Veranlagung Carriere gemacht. Er brachte es bis zum wirklichen Ministerialrat. Dem öffentlichen Leben, insbesondere den schweren Kämpfen, die die jüdische Bevölkerung in den Jahren 1890—1907 gegen den Antisemitismus auszufechten hatte, stand er, schon aus Rücksieht auf seine Beamtenstellung, ganz ferne. Tin Jahre 1907 fanden Neuwahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes statt. Die jüdische Presse und öffentliche Meinung hatten es durchgesetzt, daß für jüdische Abgeordnete zwei Wahlbezirke in Wien direkt zugeschnitten wurden, und Herr Kuranda wird, ohne welche öffentliche Verdienste, ohne politische Schulung, lediglich als Sohn seines Vaters von einer jüdischen Majorität ins Parlament gewählt. Das hätte Herr Kuranda sich merken sollen; seine Pflicht wäre es gewesen, in erster Linie jüdische Interessen zu vertreten, denn nur zum Zwecke der Wahrung jüdischer Interessen wurde sein Wahlbezirk geschaffen. Statt dessen hat Herr Kuranda große Politik gemacht und seinen Ehrgeiz daran gesetzt, im Parlamente durch seine fachmännischen Kenntnisse zu glänzen. Eine einzige, wahrhaft herostratische Tat auf dem Gebiete der jüdischen Politik ist ihm gelungen : Arm in Arm mit den Hausjuden des Polenklubs hat er den jüdischen Kataster in der Bukowina hintertrieben. Nun hätte er Gelegenheit, auch einmal etwas f ü r die Juden zu tun: seine Wähler, die jüdischen Kaufleute des Kaiviertels, deren Reisende und galizische Kunden sind es, die durch die russischen Paßschikanen am schwersten betroffen werden. Anknüpfend an die historisch denkwürdige Vertragskündigung durch den nordamerikanischen Kongreß, an die eingeleitete Agitation des board of deputies (Kultusvorstand) in London und der Handelskammer in Berlin hätte Herr Kuranda als Abgeordneter des Kaiviertels und als Jude den besten Anlaß und die unvermeidliche Pflicht, zu zeigen, daß auch in Oesterreich ein jüdischer Politiker den Mut hat, die Regierung an ihre Pflicht gegenüber den jüdischen Staatsbürgern zu erinnern. Er hätte wenigstens