Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 1 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425859--2264-2428682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite I Leben, seinen Haken. Der Wahrheitsimensch wohnt nämlich beji einer armen Frau, Kubier ist ihr Name, die besitzt ein schlichtes, hübsches Töchterchen, mit der sich der lange Hans in der Nacht seiner Verlobung mit der Million Malchas, ganz anders verlobt. Rosegger nennt es „sündig". Wir stimmen ihm bei... Lieserl hat die Folgen dieser „Verlobung", diei schpn mehr eine Verheiratung bedeutet, schwer zu tragen. Die Mutter ist gestorben und das Gretchen kommt nach allerlei! Irrfahrten zum kleinen Hans. Der ist inzwischen Pfarrprovisor in einem steirischen Dorfe! geworden. Er hat die Anwartschaft, vielleicht Bischof zu werdefri. Das Konsistorium jedoch, das davon gehört, daß der junge Provisor die jugendliche! Person mit ihrem Söhnchen bei sich aufgenommen und durchaus nicht glauben will, dies sei aus reiner, himmlischem Liebe geschehen, sondern irdische, sündige Liebei wittert, versetzt den armen Provisor auf eine Strafpfarre nach Lanzstein, hoch hinauf in die Berge, wohin Liebesiefute wallfahren, die nicht zusammenkommen können. Der lange Hans, detr seine Verlobung mit Malchas Million löste, sucht, von Gewissensbissen gepeinigt, sein Lieserl, findet es endlich, nachdem er sich als Reisebegleiter einen Milliardär aus Chicago, der es aber in Wirklichkeit nicht ist — Pick heißt der Miste)r, rekte Pickbacher, Sohn eines Handelsmannes am Starnbergersee — angeschlossen, oben in Lanzsteön bei den drei Seeaugen. Schluß: Vereinigung des langen Hans mit seinem Lieserl, die nicht zusammenkommen konnten und endlich doch zusammenkamen, im Angesichte des sterbenden, für die Menschheit sich opfernden kleinen Hans, der halb Bauer, halb Geistlicher gewesen. Die Gnade hat gesiegt . . . Rosegger selbst wird die Originalität seines Romans nicht verteidigen wollen. Gleicheis und ähnlicheis lasen wir schon oft. Manche seiner Personen sind prächtig geschildert. Besonders die Bauernleute. Aber — wie sagt das abgebrauchte) Sprüchwort? „Schuster bleib' bei deinem Leisten." Der stearische Dichter schiüdert sieine Landsleute vortrefflich, um aber ein solches Problem zu entwirren, wie er es sich vorgesetzt hat, dazu gehört mehr als der steirische- Dialekt. Roseggers Philosophie und seine Behandlung der großen, die Menschheit beschäftigenden Fragen, kommen uns sehr obelrflächlich vor. Und nun gelangen wir zu dem Punkte, der uns eigentlich veranlaßte, diese Besprechung der zwei Hänse einem jüdischen Blatte zu übergeben. In seinem Romane beschäftigt sich nämlich Rosegger auch e<in wenig mit den — Juden. Nicht in liebevoller Weise, obgleich es unter den Juden doch aeihr viele Mitglieder, natürlich kräftig zahlende, des Schulvereines gibt. Wie sagt Roseggers Motto: „Aller Weisheit höchste ist die Güte." Von der bekamen wi r Juden in diesem Roman weinig zu verspüren. Ist schon so unser Geschick seit Jahrtausenden. In einem modernen Romane müssen Kornwucherer und Bankieirs vorkommen, und dies sind, nach Rosegger und Genossen, meist oder immer Juden. Wenn diese wenigstens nach der Wahrheit — „aller Kräfte größte ist die Wahrheit" — geschildert würden! Hören und staunen wir zunächst nicht über Roseggers „Wahrheit", aber über aeiine „Güte". Zum erstenmal kommt der lange Hans in Hof rata Weisspandtners Hörsaal, alle Plätze sind besetzt, dter Raum ist zu enge, wir befinden uns wahrscheinlich in einem Hörsaale der medizinischen Fakultät Wiens, wie nicht anders denkbar. Hans weiß sich gegen einen neu^n Ankömmling seinen Platz zu behaupten, dieser aber, der den Versuch einzudringen aufgegeben, erringt sich einen Sirz in der nächsten Bank, „wo er einen kleinen, schief gebogenen Juden jungen einfach vom Sitze hob und auf die Fußdielen setzte. Dieser machte sich nichts daraus, sondeirn saß dann buchstäblich (sie!) zu den Füßen des Meisters". Welch' ein Geist, welch' ein Witz! Das Wort „buchstäblich" würde auch dem Zefitungsblatte „Sensation" Ehre machen. Journalisten-Deutsch, Herr Rosegger. Doch dies nebenbei: Wo aber liegt aller Weisheit „höchste, die Güte"? In der germanischen Roheit? Wo die Wahrheit? Lassen sich dies heute die „Ju dein jungen", um im Jargon Roseggers zu sprechen, gefallen? Und wären sie noch so klein und noch so „schiefgebogen"? Auch ein schönes Wort, wahrscheinlich aus dem Antisemiten Lexikon. Gab es in des Hofrats Kollegium keine Jüdischnationalew, sondern nur „Ottonen", denen auch der lange Hans angehörte? Da hätten Weisspandtner und seine Wahrheit schwer auf ihre Rechnung kommen können. Und nun zum zweiten Juden. Der Herr Hof rat verdient viel Geld, braucht aber noch mehr und deshalb bedarf er eines Helfers. Der Geldgeber ist detr Bankier Liejbkindl, Bernhard Liebkindl, der Jude. Wir wollen uns für die jüdischen Bankiers und Millionäre nicht erhitzen. Aber eines wollejn wir Herrn Rosegger sagen: So wie Hetrr Liebkindl, spricht und handelt ein jüdischer Bankier unserer Zeit nicht. Herr Rosegger sitzt in den steirischen Bergen ,kommt wohl hie und da nach Graz, nimmt das Geld jüdischer Bankiers für Bausteine, die für den wackelnden Schul verein errichtet werden, seine Bücher werden von den Töchtern und Gattinnen jüdischer Millionäre gekauft und auf dein Salontisch gelegt, das ist so einmal Sittel in jüdischen, kaufkräftigen Häusern. Aber die jüdischen Bankiers kennt er nicht. Liöbkindl soll sich 700 Gulden, sage und schreibe 700 Gulden mit den dazugehörigen Prozenten, von dem langen Hans abkaufen lassen. Als Preis dafür erhält er Malcha und ihre Million. Wir jedoch behaupten: Ein „Bankrat", wie ihn Rosegger so schön nennt, gibt sich mit einem steirischen Bauernbuben, der doch der lange Hans immer bleibt, überhaupt nicht ab. Da können wir die jüdischen Bankiers schon besser. Diese Figur ist ebenso verzeichnet, karikiert, wie die des Mister Dick, des „Selfmans", wie ihn Rosegger beharrlich nennt. Die Amerikaner aber sprechen von Selfmademans. Die Juden werden demnach Roseggers „beide Hänse" leisen und gerührt sein über die Güte, Liebe und den Opfertod der Kleinen. Man denke), welch' eine Verherrlichung der Religion der Liebe! Wir aber verstehen, wenn wir diesen Roman leisen, viele Erscheinungen unserer Zeit. Ein Roman ist's, in der Tat aus unserer Zeit. Die predigt Wahrheit und was sie) tut, ist Lüge. Sie verkündet Liebe und Güte und was sie übt, ist Haß und Feindseligkeit. Wir glauben nicht an die „beiden Hänse". Der lange Hans, der Mann der Wahrheit, der voll im Egoismus steckt und aus einem Atheisten nahezu ein Betbruder wird, ist ein lebendiger Widerspruch. Der kleine Hans wird sich es wohl auch überlegt haben, wegen eines Mädels, das sich versündigt hat, auf den ihm