Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 1 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 rCU LLETON. Prof. Dr. M. Grünfeld Die Juden in *Roseggers neuestem Vornan. Eines wird man den modernen Schriftstellern zugestehen müssen: sie sind alle sehr fleißig und demgemäß auch fruchtbar. Das Jahr 1912 hat erst begonnen, und schon ist eine Menge von Literatur aufgehäuft, die auf dem Titelblatte dieses Jahr ankündigt. So laufen unsere Schriftsteller wirklich der Zeit voraus. Auch der steirisehe Dichter Rosegger beschenkte die Lesewelt wieder mit einem Kinde seiner äußerst fruchtbaren literarischen Tätigkeit, Nach den „FörsteTbuben" hat der Verlag Staackmann in Leipzig den neuesten Rosegger für das Jahr 1912 angekündet. Er hat sich pünktlich eingeistellt und nennt sich diesmal „Die beiden Hanse", (Plural von Hans); er führt aber auch einen Untertitel, der schon etwas stolzer klingt: „Ein Roman aus unserer Zeit". Man wird neugierig. Es gibt ja noch immer viele Leute, die ihre Kenntnissenicht nur unserer, sondern auch anderer Zeiten, gerne aus Romanen schöpfen. Das ist bequem, wenn auch nicht immer, wie man meinen sollte, unterhaltend. Ob diese naiven Leutchen auf ihre Rechnung kommen? Manchmal, aber nicht immelr. Die modernen Dichter verkünden stolz: Wir lehren nur die Wahrheit. Und, wer dies nicht glaubt, der lese das Motto zu Roseggers neluestem Romane „aus unserer Zeit": „Aller Kräfte größte ist die Wahrheit. — Aller Wahrheit beste ist die Weisheit. — Aller Weisheit höchste ist die Güte." Schön, sehr schön gesagt, schön gepredigt, gut geschulmeistert. Eine frohe Botschaft hören wir wieder, aber der Glaube an die Wahrheit, die von den neuen Schriftstellern stolz ausposaunt wird, ist uns Lesern und etwas kritisch gewordenen Beobachtern unserer Zeit und ihrer schönen Literatur, verloren gegangen. Schöne Worte, welche jedoch oft sehr fadenscheinige Tendenzen mühsam verbergen. Der Roman soll ein Spiegelbild der Zeit darstellen. Kein Zweifel, unsere Zeit wirft sehr hohe Wogen. Ein rauschendes Meer möchte man sie nennen. Furchtbar stoßen diei Gegensätze aufeinander. Der Wahrheits&ucher gibt es heute mehr denn ja. Die Religion, einstens die Säule, der Halt, der Stützpunkt frommer Ahnen, ist den Kindern der Welt in dem brandenden Gewoge der Zeiit verloren gegangen. Sie suchen nach neuem Idealen. Schon spricht man von den alleinseligmachenden Naturwissenschaften und dem übermenschlichen Nietzsche. Was bedeuten Liebe, Mitleid, Opferwilligkeit? Ideale sind sie gewesen einer längst versunkenen Welt, heute sind sie Zeichen fortschreitender Dekadenz. Wer uns diese Welt der Gegensätze, des Kampfes darstellte, er verdiente gelesen, studiert, und, wenn er seiner großen, übergroßen Aufgabe gerecht wurde, auch gepriesen zu werden. Nun hören wir, was Rosegger in sejinem neuesten Romane uns zu sagen beliebt. „Die beiden Hänse" — Hans Schmied hießen die beiden Helden — sollen die Gegensätze unserer Zeit darstellen, und diese Gegenpole sind die Naturwissenschaften und die Theologie, natürlich ist die katholische Tneologie gemeint. In dem Kampfe der beiden unsere Zeit beiherrschenden Weltanschauungen — siegt die katholische, denn sie bedeutet Liebe, Opferfwilligkejit, Güte . . . „Aller Weisheit höchste ist die Güte." Der kleine Hans, der Theologe, der katholische Geistliche, siegt über den großen Hans, den Verfechter der Naturwissenschaft, der Medizin. Die Selbstlosigkeit, der Opfertod für andere überwinden die- Selbstsucht. Der Altruismus triumphiert über die Ichsucht. Man wird es Rosegger zugestehen müssen: er hat, wenn auch nicht einen Roman aus unserer Zeit, doch sicherlich einen höchst moralischein Roman geschrieben, der, wenn man gewisse bedenkliche Steilen striche, ganz vorzüglich sich für eine Schulerbibliothek eignete. Der Inhalt des Romans ist bald erzählt, denn, auch dies ist ein Charakteristiken der neueren Schriftsteller: auf Handlung kommt est ihnein nicht an, sie wollen Lehrmeister sein und — predigen. Da verlassen zwei Hanse das Gymnasium, unternehmen die übliche" Reise ins Gebirge nach gewonnener Freiheit. In einer Sennhütte, da sie) durch einen Schneesturm überrascht werden, sich bergend, treffen sie mit einem Universitätsprofessor, Hofrat Professor Dr. Viktor Weiisspandtner, zusammen. Auf dem Heu hält ihnen dieser eine Vorlesung über die künftige Berufswahl. Aehnlich wie Mephistopheles den Schüler — aber nur ähnlich — belehrt sie der Herr Hof rat über Theologie, Jurisprudiefnz und auch die ziemlich deklassierte Philosophie; nur die Medizin wird von detm Professor, etwas reklamenhaft, als der Kräfte größte, als Wahrheit gepriesen. In besagte Sennhütte wird auch Tacitus, aber nicht detr Geschichtsschreiber, sondern der Redakteur des in der Haupt- und Universitätsstadt von ihm herausgegebenen Lügenblattes, „Die Selnsation", hineingeschneit. Die Figur dieises Lügenmenschen wäre gut geschildert, wenn sie etwas mehr der „Wahrheit" entspräche. Uebertrieben, gleicht sie den anderen Haupt- und Nebenpersonen des Romans, d. h. wir können weder an sie, noch an die anderen uns vorgeführten Personen recht glauben. Der große Hans wird Mediziner, er, der Sohn eines steirischen Mühlenbesitzers, der vierschrötige, lange Bauernburtsche kommt erstaunlich schnell zu „Hofrats" — wer kann das bei der Struktur österreichische/r Gesellschaftsverhältnisse glauben? — Der Herr Hofrat, der Mann der Wahrheit, der es im gesellschaftlichen Leben mit diesem Artikel durchaus nicht allzuernst nimmt, dafür nimmt er gerne große Honorare von seinen Patienten — man kennt die Sorte — führt ein großes Haus. Er kann's tun. Zwei Töchter nennt er sein Eigen. Eine, die Schwarze, denn sie) trägt schwarze Seidenkleider, Malcha ist sie genannt, besitzt eine Million und stammt von des Hofrats erster Frau. Sonst ist sie ziemlich unbedeutend, von der Million abgesehen. Die zweite, Evelana — welch' ein moderneir, den alten biblischen ummodelnder Name — zitiert Dehme!s Gedichte und Nietzsche. Wohlbekannte Töchtelr unserer Salons. Der lange Bauernsohn Hans wird nun zum Bräutigam Malchas und ihrer Million designiert. Das wäre für diesen sehr vorteilhaft, hat aber, wie so vieles im