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Neue Nationalzeitung · 1912-01-12 · Heft 1 (12.1.1912) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 1 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 .Neue National-Zeitung1 Seite 7 fraglichen Verordnung der Stadtverwaltung, die ohne jede Begründung erlassen wurde, eine b 1 o ß e S e h i k;i n e, da die Aufstellung von Kuhebänken seit Jahrzehnten üblich war, ohne daß von irgendwelcher Seite Einspruch dagegen erhoben worden wäre. „Haor" erinnert daran, daß db Klägernauer auf Grund eines Firmans des Sultans Abdul- A ziz Eigentum der jüdischen Gemeinde ist und der betreffende Firman den Juden die ungestörte Verrichtung ihrer Andacht an der Klagemauer gewährleistet. Eine jüdische Dame — Offizier der Akademie. Die letzte Nummer des französischen Amtsblattes ..Journal lOfliziel" enthält eine Reihe von Auszeichnungen, wovon eine auch einer jüdischen Dame zuteil wurde. Das Amtsblatt meldet hierüber: Madame Salomon, geborene Wormser, Sous-Direetrice des College Sevignc in Paris, wurde für ihre Verdienste auf dem Gebiete des öffentlichen Erziehungs- und Unterrichtswesens zum uflizier der Akademie ernannt. Ein jüdisches Museum in Toledo. Ein Meuc hen alter lang war eines der herrlichsten Bauwerke Toledos, die einstige Synagoge des Samuel B e n Meir Ha In vi. die dann zur Kirche umgewandelt wurde und ..Sa. Maria del Transite"' hieß, von einem umfangreichen Gerüst umgeben. Dies <fortist ist nun gefallen, die Restauration ist im wesentlichen beendet und man kann die eigenartige Dekoration dieses Raumes endlieh wieder in rechter Weise bewundern. Die Arbeiten, die lange geruht hatten, wurden durch das energische Eingreifen des Marques de la Vega wieder aufgenommen, der liier eine Art j ü d i s c Ii e s Museum unterbringen will. Während der Restaurations«- arbeiten fand man eine sehr gut erhaltene, künstlerisch höchst wertvolle Dekoration, zum Teil in Holz, zum Teil in Stuck ausgeführt. Der wundervolle Raum wird möglichst die Gestalt wieder erhalten, die er als Synagoge besaß und dann sollen hier alte hebräische Manuskripte und Miniaturen sowie Photographien nach alten jüdisch-spanischen Kodizes ausgestellt werden. Die Eröffnung des neuen Museums wird voraussichtlich demnächst in Anwesenheit des Königs stattlinden. Die Juden in der Bukowina. Am U. Dezember 1910 fand die letzte Volkszählung statt. Die Juden in der Bukowina haben aufgehört, lediglich eine Konfession zu sein, ihre Mehrzahl fühlt sich nun auch als Nation. Die Zählung ergab, daß die Juden das Hunderttausend überschritten haben. Ihre Anzahl beträgt nunmehr 102 919. In den letzten zehn Jahren ergibt dies ein Plus von nur 07(»9 Seelen. In Perzenten ausgedrückt, macht dies eine Vermehrung von G'57 P e r z e n t e n aus und bleibt — das erstemal seit dreißig Jahren — hinter d e m L a Ildes d u r c h s c h n i 11 zur ü c k. Das ist eine höchst bedenkliche Erscheinung. Es ergibt sich nunmehr folgendes Bild der Zunahme der Juden in der Bukowina: Jahr Juden Zunahme Perzent 1SS0 . . . b7.418 — — 1890 . . . 82.717 15.2H9 22.09 1900 . . . 90.150 18.4:18 10.24 i'Jlö . . . 102.9Ü» 0.84'." 0,0") Man sieht nunmehr plastisch einen rapiden R ü c kg a n g der Bevölkerungszunahme bei den Juden in der Bukowina seit den letzten 3 Jahrzehnten. Die Mischehen in Preussen. Noch vor 25 Jahren war innerhalb der preußischen Judenheit jede zehnte Eheschließung eine Mischehe; heute ist bereits jede vierte Eheschließung eine Mischehe. So wurden im Jahre 1909 nebst 2584 rein jüdisc hen Ehen 740 j ü d i s e b - c b r i s t- 1 i c h e Ehen geschlossen. Ein neues jiddisches Theater in London. Der Bau des „jiddischen" Volkstheaters in <"'omereinl R'^d. dem Mittelpunkt dos jüdischen Viertels in ih r englischen Hauptstadt, ist nahezu vollendet und man hofft, daß das Theater M i 11 e F e h r u a r eröffnet werden knnn. Die Kesten des Gebäudes betragen mehrere tausend Pfund, die in Einpfundnoten von d'm armen Juden Londons, die begeisterte Verehrer des Theaters sind, zusammengebracht wurden. Bisher war das Pavillon-Theater das Heim des .jüdischen Dramas: da aber die Pacht zu hoch war. konnte es nicht gedeihen und man erwartet, daß es jetzt im eigenen Hause ebenso blühen wird, wie es in .Vewvork der Kai! ist. Von besonderem Interesse i.s-t dabei die Ankündigung des jüdischen Dramatikers Asch, daß es ihm gelungen wäre, Max Reinhardt für das neue Theater zu interessieren. Wie russische Jnden in Berlin behandelt werden. In einer Berliner Tageszeitungfinden wir folgende charakteristische Schilderung: Ich atmete bofroit auf, als ich endlich in Berlin ankam und den tyrannischen Gewalten meines Vaterlandes, das, wie der Leser vielleicht ahnt, Rußland heißt, entflohen war. Kaum hatte icli eine kloine gemütliche Wohnung gefunden und mich häuslich eingerichtet, als mir der Portier einen großen Bogen brachte, der allerhand eingehende Fragen über meine Privatverhältnisse enthielt. Da ich eine gute, von der russischen Polizei erzogene Bürgerin bin, beeilte ich mich natürlich, dieselben gewissenhaft zu beantworten. Nach einigen Tagen, in denen mir Berlin noch sympathischer geworden war, erhielt ich eine Aufforderung, binnen drei Tagen zum nächsten Polizeirevier zu kommen, anderenfalls — —. Xu, der Leser kennt ja wohl diese Drohung. Offen gesagt, bekam ich einen kleinen Schreck. Sollte mich jemand fälschlich als „politisch verdächtig11 denunziert haben? Aber so sehr ich auch nachdachte und mein Gewissen in allen Winkeln durchsuchte, ich konnte nichts finden. Doch halt, — vielleicht war es das. Ich hatte mich eines Diebstahls schuldig gemacht Und das verhielt sich nämlich so : Während des letzten Judengemetzels waren wir von befreundeter Seite benachrichtigt worden, daß die Häuser gestürmt werden würden und nur diejenigen, die sich durch den Besitz von Heiligenbildern als Christen ausweisen könnten, von dem Gemetzel verschont bleiben sollen. Da hatte ich mich um unser teures Leben zu rotten — ich war noch in den Flitterwochen —, in die Wohnung einer Nachbarin geschlichen und dort von der mit Heiligenbildern übersäten Kommode zwei kleine Nippesfigürrhen herangenommen, die ich für den heiligen Nikolaus und Peter den G oßen hielt. Ich bin heute noch nicht ganz sicher, wen sie darstellten. Als nun das Gemetzel begann und auch unser Haus bestürmt wurde, sanken mein Mann und ich in die Knie, jeder hielt sein Xippesfigürchcn sehr vorsichtig empor, um es vor näherer Betrachtung zu schützen, wobei wir uns mit Todesverachtung und dem gewünschten L'rfolg bekreuzigten. Und unser Leben wurde gerettet. Sollte ich vielleicht deshalb? Schw eren Herzens und banger Ahnungen voll machte ich mich auf den Weg. „Wie heißen Sie'.'"' fragte mich ein Beamter mit preußischem Schnurrbart, in einem Ton, hei dein mir das Herz vollständig in die Schuhe sank. Aber gehorsam und demütig antwortete ich wahrheitsgemäß. Nun begann ein sehr scharfes Verhör, das sich aber soweit ganz glatt abwickelte, denn zufällig wußte ich alle wichtigen Daten meiner Verwandten (ich glaube, das Inquisitionsverfahren ging bis ins dritte Glied meiner Verwandtschaft) und gab sie pflichtschuldigst an. Aber dann kam es zu einer Stockung. Xa, ich will lieber das Gespräch gleich ganz wiederholen. Also hier ist es : „Wovon leben Sie V „Mein Mann schickt mir Gold." „So! Warum sind Sie denn eigentlich nach Deutschland gekommen Vu „Ich bin zu Besuch liier, doch mochte i< h mich auch erholen und gebrauche eine Kur. ' «Die Adresse Ihres Arztes, bitte." „Ich bin nicht in ärztlicher Behandlung.u -Zeigen Sie uns den Postabschnitt von der Anweisung Ihres Mannes." „Mein Mann erledigt seine Geldgeschäfte durch Schecks.- «Bedauere, ich habe denselben eingelöst. Doch kommt mein Mann demnächst zu Besuch; vielleicht kann er Ihnen den •rewünsthten Beweis verschaffen."

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