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Neue Nationalzeitung · 1912-01-12 · Heft 1 (12.1.1912) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 1 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 1 Dr. A. Carlebach-Lübek, J. Rosenbeim-Frankfurt und J. Pels- Emden hielten Begrüßungsansprachen. Zu Vorsitzenden wurden Dr. Biberfeld-Berlin, Eli Lazarus-Berlin und M. Jakobsen-Hamburg gewählt. Der Geschäftsbericht konstatierte, daß der Verband 13 9 Ortsgruppen mit 4612 Mitgliedern und 477 Einzelmitglieder zählt. Die mit dem Verbände eng liierten Peah-Tnstitutionen beschäftigten durchschnittlich 33 Arbeiter: sie haben im abgelaufenen Jahre an Löhnen und (Behältern 42.ÜUU Mark ausgegeben. Die geplante Darlehenskasse konnte immer noch nicht verwirklieht werden, da das erforderliche Kapital von 200.000 Mark noch nicht aufgebracht ist. Der Verband gab wieder eine Anzahl Schriften im Interesse der Sabbatförderung heraus. Die dem Berichte folgenden Verhandlungen beschäftigten sich hauptsächlich mit Fragen der Agitation für den A'erband — es wird da mehr Tatkraft gewünscht — und der Stellenvermittlung. tytf AUCN W5lTOil£N Neue Pogroms in Sicht! Vergebens haben bereits Hunderte der bekanntesten russischen Persönlichkeiten gegen die systematische Vergiftung der Volksmassen mit dorn Ritualmordmärchen protestiert. Der in Kiew die Untersuchung in Angelegenheit der Emordung des Knaben Justschinsky führende Untersuchungsrichter Fenenko bemüht sieh unausgesetzt, dem Mord das Gepräge einer rituellen Tat zu verleihen. Er hält nicht nur den Juden B e i 1 i s, dessen Unschuld erwiesen ist, wochenlang im Gefängnis, er stellt sogar eine Enquete darüber an, in welche Kategorien die Kiewer Synagogen zerfallen, wieviel sogenannte Chassidim, wieviel Misnagdim unter den Juden sind, er kümmert sieh um die verschiedenen Differenzierungen unter den Rabbinern usw. Alles offiziell mit und großem „Ernst". Jeder dieser Schritte hat natürlich nur den Zweck, die Phantasie der aufgeregten Volksmassen mit aufreizenden Schreckbildern zu nähren. In der „Nowoje Wremja" hatte dazu ein anonymer „Professor" eine spezielle Ideologie ausgeklügelt, wonach es nicht Ritual-, sond ern geh eimnisv oll e Rächern orde mit 49 Blutabzapfungen gebe, welche die jüdische Rasse in den verschiedenen Jahrhunderten am Stifter der christlichen Religion ausübe. Gerade mitten in dieser immer mehr sieh verdichtenden Pogromstimmung hat soeben das Kiewer Geistlichenkonsistorium die Popen im Gouvernement Kiew angewiesen, sich überall an die Spitze der Filialen des Pogromlüsternen Verbandes des russischen Volkes zu stellen. Die Millionenerbschaft eines russischen Juden. Eine reiche Erbschaft ist einem armen Juden namens Prisant in Bialystok zugefallen. Demselben ist von der Behörde in Kapstadt die amtliche Mitteilung zugegangen, daß sein Onkel, der im Jahre 18<>3 aus Bialystok nach Afrika ausgewandert, in Kapstadt vor einigen Monaten gestorben ist und ihm, seinem Neffen, sein ganzes Vermögen, bestellend aus drei Eisenbahnlinien inKapstadt und einigen Go 1 dgrüb e n in Johannisburg testamentarisch als Vermächtnis hinterlassen hat. Universitätsprofessor Salonion Lefmann in Heidelberg, einer der hervorragendsten Sanskritisten feierte vergangene Woche seinen achzigsten Geburtstag. Am 25. Dezember 1831 in Telgte, einem Westfälischen Dorfe, geboren, wurde Lefmann ursprünglich zum Handwerkerstande bestimmt. Da er hierzu jedoch keine Neigung fühlte, wurde er Volksehuilehrer. Diesen Beruf übte er mehrere Jahre an verschiedenen Orten, zuletzt in der Nähe von Bonn, aus. Hier lernte ihn durch einen Zufall der nachmalige verewigte KaiserFriedrieh kennen, der damals in Bonn studierte. Der Prinz interessierte sich für den jungen Lehrer und veranlaßte ihn zum Universitätsstudium. In verhältnismätiig vorgerücktem Alter absolvierte Lefmann nunmehr das Gymnasium und studierte alsdann in Bonn, Heidelberg und Berlin. Hier schloß er sich bald einem jüdisch-wissenschaftlichen Kreise, indessen MittelpunktZunz stand, an; ebenso häufig verkehrte er in anderen jüdischen Gelehrtenkreisen und schloß sich eng ans traditionelle Judentum an. Von dieser Zeit ab sehen wir Lefmann, wo es nur angeht, bei jüdischen Fachgelehrten sein jüdisches Wissen erweitern. Kein Wunder, daß er heut in Heidelberg, wo er viele Jahre der Leitung vieler philantropischer Vereine angehörte, auch als Jude sehr hoch geschätzt wird. In der weiteren gebildeten Welt ist er vornehmlich bekannt geworden durch seine „Geschichte des alten Indien", die in Onkens ..Weltgeschichte in Einzeldarstellung" erschienen ist. Auch der jüdischen Welt ist Lefmann kein Fremder geblieben durch zahlreiche Vorträge jüdisch-wissenschaftlichen Inhalts und durch Veröffentlichungen im „Jahrbuch der jüdischliterarischen Gesellschaft". Zum Oberrabbiner in Triest wurde Dr. C h a j e s, Dozent am Rabbiner-Seminar in Florenz gewählt. Dr. Chajes stammt aus Brody und ist 37 Jahre alt. Er hat das Wiener Rabbiner-Seminar absolviert. Landtagsabgeordneter Dr. Leopold Levy in Hohensalza. Am 20. Oktober 1<)11 ist bei der Ersatzwahl für den preußischen Landtag an Stelle des zurückgetretenen Geheimrates Lusensky der jüdische Großindustrielle und Vorstand der Synagogen gemeinde zu Inowrazlaw Dr. Leopold L e v y gewählt worden. Der neugewählte Abgeordnete ist 42 Jahre alt und war bereits als Hilfsrichter beim Landgericht in Bromberg tätig, doch mußte er infolge des Todes seines Vaters dessen industrielle Betriebe fortführen. Dr. L e v y ist auch bayr is c h e r R i 11 m e i s t e r in der Reserve. Und dabei Kultusvorsteher! . . Das könnte bei uns nicht passieren! Gründung eines jüdischen Arbeiterklubs in Beirut. Dieser Togo wurde in Beirut (Syrien) ein j ü d iseher Arbeiterklub nebst Bibliothek und Lesehalle eröffnet. Dies ist der zweite jüdische Klub in Beirut. Einen solchen besitzen nämlich auch die jüdischen Hörer des amerikanischen College. Dieser Studentenzirkel führt den Namen „Kadimali". Eine neue Eisenbahnlinie Port-Said—Jaffa? Wie die Zeitung „Haor" in einer ihrer letzten Nummern mitteilt, bewirbt sich eine anglo-ägyptisehe Gesellschaft um die Konzession zum Bau einer neuen Eisenbahn von Port- Said nach Jaffa. Die seit längerer Zeit schwebenden Unterhandlungen mit der türkischen Regierung haben durch den Ausbruch des tripolitanisehen Krieges eine Unterbrechung erlitten, doch sollen nach einer Meldung der englischen Zeitung „Globe" die Verhandlungen vor kurzem wieder aufgenommen worden und dem Abschluß nahe sein. Man schätzt die Kosten des Bahnbaues auf 0 0 Millionen F r a n c s. Die betreffende Gesellschaft erwägt auch den Plan einer Weiterführnng der Eisenbahn nach Jerusalem über Beer-Scheba. Sollte das Projekt zur Ausführung gelangen, so würde damit eine direkte Eisenbahnverbindimg zwischen J a f f a bezw. Jerusalem und Kairo geschaffen sein. Dies wäre für die Entwicklung des Handels und Verkehrs zwischen Palästina und A e g y p t e n von der allergrößten Bedeutung. Von der Klageiiiauer. Die Jenisa]einer Stadtverwaltung hat die Aufstellung von Stühlen und Ruhebänken auf dem Platze vor der Klagemauer verboten. Diese Verfügung bat in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung große Erregung hervorgerufen. In einer Versammlung des W a a d - K a i r wurde beschlossen, den neuen Chachambaschi aufzufordern, beim Pascha von Jerusalem Protest zu erheben und nötigenfalls durch Vermittlung des Großr^bbinors II :i i m Nah um bei der Zentralregierung vorstellig zu werden. Die Juden von Jerusalem sehen in der

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