Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 1 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Lemberg und Krakau bilden mit ihrem jetzigen Wahlsystem keine Repräsentanz der jüdischen Bevölkerung und ihre Präsidenten sind bekannte Hausjuden, denen das l?ii< kgrat fehlt, um die Interessen des Judentums würdig zu vortreten. In der jüdischen Bevölkerung herrscht bezüglich der Wahlreform fast gar kein Interesse. Das beweist leider am besten, wie schwach das politische Lehen pulsiert und wie wenig Mut die „jüdischen" Abgeordneten haben, mit eigenen Postulaten im Interesse der jüdischen Gesamtheit hervorzutreten. Die zionistischen .,Politikerwarten, bis das fertige Wahlgesetz ihnen die Möglichkeit geben wird, Mandate anzustreben. Uueger-Denkmal, f^ultusvorstand und Börse . . . „Wie reimt sich das zusammen?" So laulct eine banale Phrase. Es reimt sich aber doch. Geheime Fäden verbinden ja längst den Wiener Kultusvorstnnd mit der Fabrik für Hausse und Bais.e am Schottenring. Wir meinen da nicht etwa, daß ein Kul(us\orsteher oder gar — Rabbiner hie und da einen „Schluß" an der Börse macht und dadurch reich geworden ist. Das ist Geschäftssache des einzelnen. Aber daß gerade Zierden des Effektenhandels eine präponderante Stellung im Kultusvoratande einnehmen und ihre „Moral" auch auf die Geschäftsgebarung des Kultusvorstandes zu übertragen suchen, das ist bedenklich. Noch niemals hat das Börseeiement sich so breit gemacht in der Kultusgemeinde wie jetzt. Dr. Stern ist der Börse dafür dankbar, daß sie ihm die Mittel verschallt hst, die seinen einzigen „Rechtstitel" zum Präsidentenstuhl bilden. Er hat sich nun an der Börse die Tüchtigsten herausgesucht, die nicht einmal Zeit haben, Vorstandssitzungen ZU besuchen: Bankier Leopold Langer, Bankier Leopold v. Lieben und Bankdirektor Weishut. Kein Auge eines profanen Zeitgenossen hat sie noch je in einer öffentlichen Sitzung gesehen. Daß sie würdigeren Männern, die gern dem Judentum mit Leib und Seele dienen möchten, den Platz wegnehmen, das geniert den Dr. Stern gar nicht. Am liebsten wäre ihm, wenn ihm alle Vorstandsmilglieder bloß Handlangerdienste leisten möchten. Kuüusvorsteher von Lieben ist auch Präsident der Börsekammer. Kultusvorsteher Leopold Langer ist Börserat. Sie bilden die Expositur des Kultusvorstandes in der Börse. Oder ist Dr. Stern die Expositur der Börse im Kultusvorstande? Die Antwort muß die nächste Zukunft geben. Die Wiener Börsekammer hat eine Charakterlosigkeit begangen, die als moralische B 1 u t s c h ä n d u n g bezeichnet werden muß. Sie hat für das Lueger-Denknial einen namhaften Betrag gespendet, für das Denkmal jenes Mannes, der die Juden mit dem Großkapital gegen besseres Wissen identifiziert hat und unter diesem Schlagwort in demagogischer Weise die christliche Bevölkerung Wiens gegen die Juden aufgewühlt hat. Lueger ist tot, aber sein Denkmal auf dem schönsten Platze, den Wien zu vergeben hat, soll eine Apotheose und eine Demonstration sein für seine Persönlichkeit, die einzig und allein durch die maßloseste Hetze gegen Juden zur politischen Macht emporgehoben wurde. Und dieses Denkmal, dessen Anblick jeden Juden an eine Zeit der tiefsten Demütigungen und meuchlerischen Verfolgungen erinnert, hat die Wiener Börsekammer durch eine Spende gefördert . . . Nr. 1 Die Wiener Börsekammer steht unter der Leitung eines Juden, eines Kultusvorstehers: Leopold von Lieben. Unter den 3ü Mitgliedern sind 18 Juden und 2 Täuflinge. Die Juden haben es in der Hand gehabt, den Antrag zu stürzen. Sie haben es nicht getan. War es Feigheit. Schamgefühl oder Charakterlosigkeit?. .. Das muß erst festgestellt werden. Die Herren sollen sich melden und ihr Vorgehen entschuldigen. Tun sie es nicht, dann umso ärger für sie. Drei Männer sind dazu verpflic! tet, weil sie öffentliche Aemter bekleiden: Leopold von Lieben und Leopold Langer sind Kultusvorsteher, W i I h]e 1 m Anningcr ist V i z e p r äsident der „Union". Die jüdische Öffentlichkeit muß von ihnen Rechenschaft fordern, warum sie so tief gesunken sind und den jüdischen Namen so geschändet haben. Und die Männer im Kultusvorstande, die noch Ehre im Leibe haben, müssen sich von ihren beiden „Kollegen" lossagen . . . Der Wiener Kullusvorstand hat anläßlich des Todes von Dr. Lueger der Gemeinde kondoliert. Ist es nicht vielleicht eine logische Konsequenz, wenn die Börse zum Denkmal beiträgt. Wenn das Denkmal fertig wird, können dann Dr. Stern und Leopold von Lieben Arm in Arm zur Enthüllung erscheinen. L. * * * Non olet. (Die Wiener Moutagszeitung .Der Morgen" widmet in ihrer letzten Nummer clor seltenen Tat der Börsekammer folgende Sahre.) Der Knlissier: Nun, was >agcn »Sie dazu? Der Bankier : Was soll ich dazu sagen? Der Kulissier: Finden Sie's am End' gar in Ordnung V Der Bankier: Soll ich mich vic leicht wegen tausend Kronen aufregen? Der Knlissier : Wieso tausend? Ilaben .^ie nicht gelesen, daß es zehntausend sind? Der Bankier: Soll ich mich wegen zehntausend Kronen aufregen? Namentlich wenn es gar nicht meine sind V Der Kulissier : So? Und die Schand' ist nichts? Daß die Börsekammer für das Denkmal unseres ärgsten Feindes Geld herschenkt, s o i l einen nicht aufregen? Der Bankier: Wieso FeindV Wann war er denn donon ihr Feind? Sind in der Börsekammer vielleicht Hausierer aus der Leopoldstadt? Und luvt sie nicht recht die Bürsokammer? Ist es nicht am gescheitesten, man verhält sich mit al.er Welt? Worden Sie ihr was tun, weil sie's hergibt? Der Kulissier: Ich V Was kann ich ihr tun V Der Bankier : Na sehen Sie! Aber die anderen, hätten die ihr nichts tun können, wenn Sie nein gesagt hätt'? Und ist die Börsekammer wegen der Politik da oder zum verdienen? Der Knlissier: Wieso kann man damit Geld verdienen V Der Bankier: Wer sagt Geld verdienen? Müssen denn reiche Leute grad immer Ge'd verdienen? Ist Ehre nicht so viel wie Geld wert? Der Knlissier: Was glauben Sie? Am End' nimmt das Komitee das Geld gar nicht? Der Bankler: Sind Sie — wie sag' ich nur höflich — überschnappt V Die werden Geld nicht nehmen V Del" Kulissiet: Glauben Sie nicht doch? Wegen den Parteigrundsätzen? Der Bankier; Was hat das mit den Grundsätzen zu tun? Kennt man so einem Monument an, wer daza gegeben hat? Wie noch die Dukaten waren, da wär's vielleicht möglich gewesen. Aber heutzutag'? Warum? Ist denn so ein Seheck beschnitten?