Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 1 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Seite 3 Durch Selbstüberhobung will man dem Assimilationsprozeß entgegenwirken. „Wozu den Andietren sich anpassen, seht, wie gut, wie edel wir selbst sind!" Zweifellos ist es ein Versuch mit denkbar untauglichsten Mitteln. Als ob die wahre Triebkraft des Mauscheltsums das Bestreben wäre, auf eine höhere Kulturstufe aufzusteigen und nicht auf eine bequemere „rentablere" . . . Am Mangel an Selbstzufriedenheit und beschränkter Selbstgenügsamkeit leidet Mauschel am allerwenigstem. Nein, weder einlullend» Apologie, noch trostlos niederschmetternde Verdammung tut uns Not, sondern stets wachende und stets weckende Selbstkritik. _ (Schluß folgt.) POLITISCHE RUNDSCtt/W. finden am 12. Jänner statt. Der Kampf wird aller Voraussicht nach ein sehr heftiger sein. Der schwarzblaue Block und die roten Bataillone werden als Träger zweier extremster Weltanschauungen um die Vorherrschaft ringen. Die Rolle der jüdischen Wähler ist eine äußerst bescheidene. Ihnen wird es geniigen, wenn die unter allerlei versteckten Visieren kämpfenden Antisemiten, die hei den vorigen Wahlen 230.000 Stimmen aufzubringen vermochten, eine Einbuße an Mandaten erleiden werden. Dazu durch ihren Einfluß, ihre Mittel und ihre Stimmen beizutragen, betrachten sie als ihre Aufgabe. Von einer jüdischen Wahlbewegung, von einer Aufstellung jüdischer Eeichsratskandidaien, von jüdischen Postulaten hört man in ganz Deutschland gar nichts. Die Haltung der jüdischen Presse ist lau, apathisch. Hie und da erschallt ein Kampfruf gegen die Antisemiten oder eine Warnung vor getauften Kandidaten. Aber dazwischen dringt ein Ton dumpfer Resignation hervor. Die deutschen Juden erwarten vom neuen Reichstag für sich gar nichts, sie sehen nirgends einen kommenden Mann, der sich für ihre Rechte „exponieren" würde. Die Reichstagswahlen in Deutschland Die russische Passfrage in England, Deutschland und — Oesterreich. Der Erfolg der amerikanischen Juden hat auch in England und Deutschland die öffentliche jüdische Meinung aufgerüttelt. Wiewohl die jüdischen Bürger dieser Staaten zumeist keine ehemaligen russischen Untertanen sind und die russische Regierung ihnen gegenüber nicht mehr vorschützen kann, daß die Paßfreiheit von jüdischen Revolutionären und Anarchisten mißbraucht werden könnte, werden die Juden Deutschlands und Englands unter das gleiche Ausnahmsrecht in Rußland gestellt. In Deutschland hat das Collegium der Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin die Aktion in die Hand genommen und beim Ministerium entsprechende Vorstellungen erhoben: in England hat die maßgebendste Londoner Presse, mit Ausnahme der von Rußland abhängigen „Times" die Partei der Juden ergriffen. Nur in Oesterreich ist es still. In der österreichischen Delegation sitzt diesmal kein einziger Jude, dafür aber der konfessionslose Sozialdemokrat Dr. Ellenbogen, der sich für „konfessionelle" Fragen nicht interessiert. Hofrat Kuranda, der Abgeordnete einer jüdischen Majorität und der Wiener Handelscity hat plötzlich, wiewohl das Parlament gar nicht tagt, so viel mit den Gemeinderatswahlen zu tun, daß er seine Pflichten als Abgeordneter der Juden und der Kaufleute ganz außer acht läßt. Herr Kuranda hat sich seine weitere Entschuldigung zurecht gelegt, Die Paßfrage ist für ihn eine jüdische Frage und er anerkennt keine „jüdischen Interessen". Warum hat dies Herr Kuranda während des Wahlkampfes nicht erklärt, als er in der Judengasse Versammlungen abgehalten hat, um die Stimmen der polnischen Handelsjuden zu erbetteln? Das Vorgehen Kurandas ist gerade so wie das der „Hausjuden" eine Feigheit gegenüber der Regierung. Er will in der Paßfrage nicht intervenieren, er will auch keine Zeile darüber schreiben, um der Regierung keine Schwierigkeiten zu machen. Ich kann es mir ersparen, zu sagen, wie man im politischen Leben einen solchen Abgeordneten nennt. Die Wähler des Herrn Kuranda werden sich daa merken. Die Wertzuwachssteuer-Debatte im niederösterreichischen Landtage wurde von einem jungen Abgeordneten des Großgrundbesitzes, Graf Rudolf C o 11 o r e d o-M a n s f e 1 d, zu einem Ausfalle gegen die Juden mißbraucht. Während selbst von einem christlichsozialen Abgeordneten auf die wunderbaren sozialen Institutionen des jüdischen Staates: das Erlaßjahr und das Jubeljahr, als Vorbilder, hingewiesen wurde, hat der grälliche Abgeordnete mittelalterliehe Reminiszenzen aus jener Zeit wachgerufen, da den Juden Eigentum an Grund und Boden verwehrt wurde, „in der richtigen Erkenntnis, daß der Jude der Allgemeinheit mit der Spekulation in Grund und Boden schade". Es wäre sehr verlockend, dem feudalen Herrn auf das historische Gebiet zu folgen. Es wäre nicht schwer, nachzuweisen, daß sich die Juden im Mittelalter ihr Brot ehrlicher verdient haben als jene Raubritter, die ihren Besitz durch weit verwerflichere Mittel, als es Spekulation wäre, zusammengescharrt haben, um ihn dann in der Form von Fideikommissen ihren gräflichen und fürstlichen Nachkommen zu hinterlassen. Graf Colloredo hat mit seinen Anzapfungen im Landtage kein Echo gefunden. Selbst die Christlichsozialen sind nicht mehr so dumm, dem feudalen Herrn auf den Leim zu gehen. Der gesunde Sinn der Bevölkerung weiß heute ganz genau, daß die Verteuerer der Gründe und Lebensmittel nicht im Lager der Juden, sondern in dem der Fideikommißbesitzer ä la Colloredo zu suchen sind. * * Die galizische Wahlreform. Der ruthenisch-polnische Konflikt hat bei der Wahlreform für den Landtag eine greifbare Form angenommen. Die Ruthenen verlangen ein Drittel der projektierten Mandatenzahl und drohen mit der Obstruktion; die Polen bieten ein Viertel, jetzt schon 26"4°/0 und schrecken mit der Auflösung des Landtages. Vorläufig wird noch gehandelt. Auf die Juden wird keine Rücksicht genommen. Die Juden bilden 12°/0 der Bevölkerung Galiziens und hätten auf mindestens 20 von den projektierten 196 Mandaten Anspruch. Doch darum kümmern sich beide Teile nicht. Sie weisen den Städtebezirken 36 und den Handelskammern u Mandate zu und bei der Wahlgeometrie wird dafür gesorgt werden, daß außer den Handelskammern, nur die Judenviertel von Krakau und Lemberg sowie einige Städte- Bezirke mit jüdischen Majoritäten für verläßliche Hausjuden geschaffen werden. Allerdings verlangen die Kultusgemeinden Lemberg und Krakau je eine Virilstimme für ihre Präsidenten. Der Wahlreformausschuß hat jedoch diese frommen Wünsche noch gar nicht in Betracht gezogen und es wäre recht sonderbar, wenn er ihnen entsprechen würde. Denn eine Virilstimme gebührt dem Rabbiner und nicht dem Kultuspräsidenten. So hat es die Verfassung für Bosnien und Herzegovina statuiert, indem sie dem Rabbiner von Sarajevo eine Virilstimme einräumte; so hat die Verfassung für Elsaß-Lothringen den Erwählten der geistlichen Konsistorien Sitz und Stimme im Oberhause gesichert. Die Kanals von