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Neue Nationalzeitung · 1912-01-12 · Heft 1 (12.1.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 1 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" arbeit der sogenannten Geigenwarts- oder richtiger Golus-Politik. Praktisch wird eine haarfeine Unterscheidung zwischen „Judaismus" und „jüdisches Volk" gemacht. Dem ersteren gelte alles Trachten und Tun — insbesondere, wenn das Tun. gleichfalls ein Trachten, höchstens ein Reden beideutet. Und das Letztere? — Nun — für das Volk möge der Allmächtigem sorgen. „D ie Zionsliebe hat mit dem Elend des Einzelnen (de's Juden) nichts zu schaffen . . ." (Achad-Haam. „Am Scheidewege!", pag. 60.) II. Wenn dereinst der Historiker des heutigen Zionismus setine psychologische Grundlage, seine Triebfeder und Motivationen zu erforschen suchen wird, wird er sich außer den grundlegenden Arbeiten Achad-Haam's einem literarischen Dokumente) unserer Tage — „Der Seele Israels" von Dr. D. P a s m a n i k*) zuzuwenden haben. Das Büchlein will ein Beitrag zur Psychologie des Diaspora - Judentums sein und i s t eis nur insofern, als es ein Beitrag ist zur Psychologie des Diaspora - Zionismus. Als solcher abeir, ist diese Schrift — dank ihrer ungehemmten Aufrichtigkeit und hie und da frischen Unmitteilbarkeit — ein menschliches Dokument von erheblichen psychologischen Interelsse. Es wäll aber gleichzeitig auch eine geschichtsphilosophische Zusammenfassung der ganzem Vergangenheit des Judentums und sogar ein prophetischer Ausblick in seine,1 Zukunft sein. Es ist aber in Wahrheit nur eine psychologische Abspiegelung der zionistischen Gegenwart — ein s u b j e k t ivistisch verfärb 1/er! Kommelntar zum Basler Programm . . . Es ist also eine Schrift, deren Beirechtigung und Interesse in ihrem Tendenzcharakter beigründet ist. Entsprechend dem Doppelwelsen der Zionsidee ist sie positiv in ihrer temperamentvolle« Verneinung des nationalen Selbstmordes, der inneren Zerrissenheit und Disharmonie zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein in de>r Judenseele. Negativ aber ist sie in ihrer mechanistisch-gekünstelten Bejahung des ZionsgespenstEis mit all' seinem ideologischen Zubehör. Die wahre Psychologie des Diaspora-Judentums erblickt Dr. Pasmanik im Widerstreit von Wert und Würdei; eine tiefste Tragik sieht er darin, daß das Band zwischen Wert und Würde zer rissen wurde. Was sollen diese ne>uen Worte über das uralte Problem sagen? Dr. Pasmanik will eine neue Nüance in allgemeine Geschichtsphilosophie hineinbringen. Die ganze Geschichte der Menschheit sei eiin Kampf um Wert und Würde. „W e r t ist vor allem die schaffende Tätigkeit des unbegrenzten innerein Ich. Würde ist die Projektion des Wertes in die Außenwelt" (pag. 18). Normalerweise schafft also der Wert die Würde. „Würde ohne Wert sowie Wert ohne Würde können sich nicht normal entwickeln" (pag. 30). Um ihre WTerte zu retten, paßten sich die Juden den verschiedensten fremden Lebensbedingungen an, ohne eigenets Leben zu schaffen. So mußte ihre Würde zu Grunde gehen. Sie opferten die Würde den Werten. Nach dieser simplen Geschichtsauffassung lebt ein jedes Volk einem bestimmten in konkreten *) Jüdischer Verla«?. Köln und Leipzig. 1911. Kulturwerfcein verkörperten Ideale, dem es seinen ganzen Lebenslauf und Lebenskampf anpaßt. Diese Werte sind sein gewissermaßen prädestiniertes Schicksal, sein höchstes Lebensgesetz. Es bleibt ein Gdheimnis, warum Dr. Pasmanik sich so heftig gegen die Missionstheorien wendet. Ist denn sein spiritualistischer Teleiologismus nicht eine aufgefrischte Variation derselben? Das Ideal, das Endziel wird dem Judentum hin ^projiziert. Es ist ein geistiges Prokrustesbett, in das es unbarmherzig hineingequält wird. Die Aufoktroyierung des Basler Programms der jüdischen Geschichte und der jüdischein Volksseele. Der vom Autor statuierte Nexus zwischen Wert und Würde ist überhaupt — abgesehen von der Verschwommenheit dieseir Begriffe — weder so wesentlich für dia allgemeine Geschichte, noch so tonangebend für das Judenproblem, wie es Dr. Pasmanik darstellt. Die wahrhaft große werteschaffende Kraft ist nie von der äußeren Würde abhängig. Nie kann diel Würde das Hauptmotiv des, Schaffens gewesen sein. Weiß es doch auch der Verfasser, daß „nicht etwa, um sich bei den anderen Völkern verdient zu machen, Israel für die Menschheit schaffen wird, sondern \v€lil es als Gottesvolk nicht anders kann" (1. c. p. 35). Das ist die Psychologie des wahren Schaffens — ohne Rücksicht auf die äußere Würde, Nicht in der Inkongruenz von Wert und Würde ist das Wesen des Judenproblelms begründet, sondern in der objektiven Unmöglichkeit neue — dettn Genius des Judentums adaequatei — Werte zu schaffen und einen ihm ebenfalls adaequaten würdelvollen Platz in der Kulturmenschheit einzunehmen. Heute aber besteht jene Inkongruenz eiinfach nicht. Denn die Wertet, die das Judentum als solches heute schafft, stehen mit der Würde, die ihm in zivilisierten Ländern zuteiil wird, keineswegs in schreiendem Widerspruch. Aber die Werte, die das Judentum in früheren Zeitetn geschaffen hat! ruft Dr. Pasmanik entrüstet aus. — Nun — so manches Große, was unsere Ahnen geschaffen haben und dessen Bedeutung in seiner unablässigen Betätigung im Leben besteht, ist im heiutigen Juden bereits tot; so Manches — noch nicht wiederaufgelebt. Dem Geistesstarken ist der Ahnenstolz eine Waffe und ein Hort. Beim Schwächling aber ist er — lächerlicher Größenwahn. „Ein Zwerg wächst darum um kein Haar, Weil Goliath sein Urahn war." (Ibsen. „Brand".) Auch nicht, wenn es Dawid war . . . Und gerade in jüngster Zeit gibt man sich bei uns dieser an Größenwahn grenzenden Selbstüberhebung mit Leidenschaft hin, wie man sich noch von kurzem in Selbstzerknirschung und fruchtloser Selbsterniedrigung weidete». Recht würzige Proben erster Art liefert hiei und da auch Dr. Pasmanik. „Was hat die Menschheit Neues auf dem Gebiete der Moral nach Eleasar ben Arach, Simon ben Gamliel, Hillel und besonders nach unseren Psalmisten und Propheten geschaffen? Ich suchei dieses Neue und finde es nirgends" (pag* 18). Wenn man so sprechen hört, könnte man gefneigt sein zu denken, in unserem Dänemark könnei es überhaupt nichts Faules geben . . . Und das wäre ein schädlicherer und folgenschwererer Irrtum als die tiefste Selbsterniedrigung.

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