Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 1 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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NKJE WCiOML-ZEiOING XIV. JAHRGANG. WIEN, 12. JANNER 1912. Nr. 1. < ± A<-r^/V, . . -• ^> v \> Das Zionsgespenst \W.:*> - >*. iv Von Maxim Anin. ^. fT-v I. Der Mensch ist ein Mikrokosmos. Zweifellos hat der Allmächtige die Sefele seines auserwählten Volkes am ersten Tage der Schöpfung erzeugt, im Tohu-Wabohu aller Weltelemente, im wirren Durcheinander von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, von Wahrheit und Lüge, von Schönheit und Häßlichkeit. Israel ist die psychische Wiederspiegetlung des kosmischen Chaos, der seelische Kampfplatz aller Gegensätzlichkeit und allen Widerspruchs. Und jeder seiner psychischen Inhalte weist diese Doppelnatur auf. Auch die in der Volksseele tief wurzelnde Zionsl iebe, die das Volk auf seinem langen historischen Wege begleitet, ist seinen Äußerungen und Wirkungen nach ein scharf ausgeprägtes Janus-Phänomen mit positiven Stimulationen und negativen Hemmungen. Einerseits: Ein Reservoir und Akkumulator nationaler Energie in Perioden assimilatorischer Selbstentäußerung, sozial - wirtschaftlichen Wohlergehens und Profitjagd, politischer und gesell schaftlicher Gleichheitsduselei und rationalistisch-kulturellen „Aufklärichts". Eine hehre Meäodie, die in der Seele unserer Edelstein und Genialsten — innerhalb und außerhalb der Ghettomauern — geklungein hat, das Bewußtsein ihres tiefinnersten Zusammenhanges mit unserem Volkstum in ihnen erzeugend. Ein Merkmal und Bestandteil des Ewig-Jüdischen. Anderseits: Ein bleierner Hemmschuh auf den wunden Füßen des Wandervolkes in Perioden nationaler Aktivität, bei jeder Möglichkeit sozialer und politischer Neugestaltung und geistig-kultureller Gesundung des jüdisch an Lebens. Ein auf uns allen — Gläubigen und Ungläubigen, Zionsfreunden und Zionsfeinden — schwer lastender geistiger Alpdruck. Ein unholdes Gespenst, das jeder national-politischen Regeneration feindlich ist. Es ist ja der große und grundsätzliche! Zwiespalt in der Wirkung imd Bedeutung unserer gesamten ideologischen Tradition, die national-konservierend ist in der Diaspora-Knechtschaft und feindselig-hemmend bei der Befreiung vom Golusjoch. Wir wollen hier nicht eine Abschätzung der positiven Kraft der Zionsideei und Zionsliebe in unserer Geschichte vornehmen. Es ist von vorwiegend historisch - wissenschaftlichem Interesse. Dagegen ist ihre negative Wirkung für uns gegenwärtig von aktuellster Bedeutung. Niel war sie so retardierend wie in der jüngstem Zeit. Nie hat sie eine so krasse Verkörperung erlangt wiei im heutigen Zionismus. Es wird manchem wie ein Paradox klingen, darf aber nicht ungesagt bleiben: Die Zionsidee repräsentiert heute viel mehr die Ideologie d e r G o 1 u s b e j a h u n g a 1 s d i e seiner inneren Verneinung und äußeren Uebeirwindung. Das Zionsgespenst verleitet heute das vielgeplagte Judentum auf aussichtslose Irrwege. Dem Rabbinismus, diesem Nutznießer der Diasporamisere, dient es als Waffe in seinem Kampfe gegen unseren weltlich-nationalen Freiheitsgedanken. Und zwar als die gefährlichste seiner Waffen, denn eis gibt ihm die Möglichkeit, sich unter einer Freundesmaske in das Lager der Feinde einzuschleichen und dort die schwersten Verheerungen anzurichten. In ihrer klingenden Phraseologie ergießt sich diei Zionsliebe in platonischer Anerkennung der territorialen Lösung des Judenproblems»; tatsächlich dient sie — direkt oder indirekt — als Schild und ideologischer Aufputz für die Sisyphus-