Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 FEUILLETON. M Spektor: Der 1 aufzettel. Skizze aus dem russischen jüdischen Leben. (Sl Ü ) IV. So finden wir denn die Familie Lewinstein kurze Zeit darauf wieder in Petersburg. Mareks alte Klienten von „Sonoj Rinok" und „Gosljowo-Dwor" freuten sich sehr über seine Wiederkehr und brachten ihm wie früher alle ihre Sachen zur Erledigung bei Gericht. „Marek Pawlowitsch," sprachen sie zu ihm, „du bist doch ein ganzer Kerl! Da sieht man erst wie gescheit du bist. Du warst ein kluger Jude und jetzt bist du unser bester Bruder! Du warst ja schon seit jeher einer von den Unsern!" Und vor lauter Freude küßten ihn auch einige ab. Lewinstein paßte sich dem neuen Leben schnell wieder an, ganz so wie bei seinem früheren Petersburger Aufenthalt. Doch Rachel konnte kein jüdisches Haus führen wie ehedem. Ihr Mann hatte sie davor gewarnt. Sie solle sich noch mehr als früher davor ja hüten. So mußte sie denn ihren jüdischen Haushalt, alle rituellen Gebräuche vor der Mitwelt verheimlichen. Auf diese Weise änderte sich die Lebensart im Hause Lewinstein sehr stark. . . . Der Sommer war vei-gangem und man ging in den Monat Elul. Das Rausch-Haschonohfest stand vor der Tür. Da erinnerte sich Rachel daran, daß sie ja noch keinen Platz in der Synagoge habe, um an den höchsten Festtagen des Jahres ihre Gebete verrichten zu können. Und so fragte sie denn Marek. „Weißt du, daß bald Rausch-Haschonoh ist? Hast du mir schon einen Platz im Tempel besorgt?" „Was sprichst du, Rachel? Wie kann ich dir einen Platz mieten?!" Lewinstein war ganz erschrocken. Daran hatte er nicht gedacht, daß Rachel unbedingt an den hohen Feiertagen in den Tempel gehen wolle. Bei seiner Antwort, die ja nur eine Gegenfrage war, überzog eine tiefe Blässe ihr verhärmtes, schönes Gesicht. Doch sie faßte sich schnell und begann wieder: „Was sind das für Fragen? Hast du dir etwas anderes denken können, als daß ich an diesen Tagen beten gehe? Und zwar als Jüdin mit Juden? Soll ich mein ganzes jüdisches Gefühl verleugnen und nicht einmal an jenen Tagen, die der Jude für die heiligsten und höchsten hält, vor meinem Gotte mir mein Herz ausschüten können und ihn um seine Hilfe und Beistand bitten? Wrie kannst du so etwas glauben?" Blaß und verstört saß Lewinstein in seinem Sessel. Lange vermochte er seiner Frau keine Anwort zu geben. Schließlich versuchte er es: ..Aber Kind! Nimm doch Vernunft an! Stürze die Kinder, dich und mich doch nicht ins Unglück! Wir dürfen doch in keiner Synagoge beten." „Es ist mir alles ganz gleich! Ich will davon nichts wissen. Das ganze Jahr kannst du mit mir tun, was du willst. Aber an Rausch-Haschonoh und Jaum-Kipur muß ich, wie es alle Juden tun, im Tempel beten und Gott um ein gutes Jahr für uns alle bitten." Rachel wird immer aufgeregter. Marek sucht sie zu beruhigen. „Aber ich bitte dich! Du kannst doch gerade so gut zu Hause beten." „Nein, nein und noch einmal nein! Das kann ich nicht. Ich bin das von zu Hause nun einmal nicht anders gewöhnt, nie habe ich es bei meinen Eltern anders gesehen. Und das könnte ich nicht überleben, wenn ich an diesen Tagen nicht beten gehen könnte." Und Tränen benetzen, während sie immer nervöser und hastiger die Worte hervorbringt, ihre Wangen, Lewinstein will beruhigend einlenken. „Reg' dich doch nicht so auf, es ist noch lang bis zu Rausch-Haschonoh" . . . Damit war ihr Gespräch für diesmal beendigt. V. Die Tage vergingen rasch. Morgen sollte bereits der Vorabend des Neujahrfestes sein . . . Rachel hatte alle Vorbereitungen zum Feste getroffen. Sogar Honig und Weintrauben fehlten nicht. Lewinstein hatte ihr ein Gebetbuch in prächtigem Einbände gebracht. Tränenden Auges hatte er es ihr übergeben und sie dabei angefleht, sie solle zu Hause beten . . . Und sie gab schließlich nach . . Sie mußte! sich mit aller Gewalt am ersten Rausch-Haschonohtage zwingen, zu Hause zu bleiben. Aber unaufhörlich flössen ihr die Tränen beim Beten auf das neue Gebetbuch. Es bedrückte ihr Herz so furchtbar, daß sie heute zu Hause bleiben mußte, wo doch die anderen jüdischen Frauen und Männer im Gotteshause waren . . . Die Aufregungen der letzten Wochen mit ihrem Manne hatten sie ganz heruntergebracht. Dazu kam noch die heutige körperliche Abspannung, die ihr, eine Folge des andauernden Weinens, ein furchtbares Herzklopfen und Kopfschmerzen verursachte . . . Schlaflos verbrachte sie die Nacht zum zweiten Festtage . . . Und wenn sie mit Ketten angebunden gewesen wäre, es hätte sie heute nicht zu Hauset gelitten. Sobald ihr Mann weggegangen war, um seine Geschäfte zu erledigen, verließ auch sie das Haus. Wenn sie schon nicht ins Bethaus ging, so wollte sie doch wenigstens in jene Straße gehen, wo es stand. Wollte wenigstens draußen stehen und hören, wie Juden beten. In den Tempel will sie nicht hineingehen. Das hatte sie ihm versprochen. Aber von draußen darf sie sich doch das Beten imd besonders das Schofarblasen anhören . . . In ihrem besten Kleide hat sie' sich, wie in einem Traume befangen, die Hintertreppe hinabgeschlichen und war zu dem Platze geeilt, wo sich die Synagoge befand. Der Weg war ziemlich lang und als sie vor dem Bethause ankam, hörte sie gerade das Schofarblasen . . . Bei diesen Tönen hatte sie ein Gefühl, als ob jetzt in ihrem Herzen etwas entzweigerissen wäre. Sie konnte sich kaum mehr auf den Füßen halten. Und ein Tränenstrom floß aus ihren verweinten Augen . . . Vorübergehende wurden auf sie aufmerksam. Doch sie wußten, daß die Juden heute einen Feiertag haben, an dem viele weinen und so fiel sie nicht besonders auf . . . Eine unwiderstehliche Gewalt zog die Halb-