Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr.. 26 erschöpfte immer näher und näher an das Gotteshaus heran. So war sie schon an dem Eingangsgitter und hielt sich an den eisernen Stangen fest ... So gerne möchte sie hineingehen. Ihr Leben würde sie dafür geben. Sie sieht drinnen die vielen Lichter, sieht die Männer im Talles, hört die Gesänge des Vorbeters, die Gebete der Andächtigen, die ihr aus ihrer Kindheit noch so gut bekannt sind, daß sie sie zum Teil fast auswendig kann ... Da sind lauter Juden, die inbrünstig beten, und jüdische Frauen, die ihre Gebete vor sich hersagen. Es zieht sie mächtig zu ihnen hinein, sie will mit all den Andächtigen beten, auf den Vorbeter hören . . . aber sie darf ja nicht . . ihres Mannes . . . ihrer Kinder wegen . . . Sie ist ganz in ihr Leid versunken. Plötzlich schrecken sie die ein jedes jüdisches Herz tief ergreifenden Töne des „Unsane Taukeph" auf. Die Stimmen drinnen im Tempel werden lauter, inbrünstiges Schluchzen der Frauen dringt zu ihr heraus . . . herzzerreißende, langgezogene Klagetöne aus hunderten von Kehlen dringen an ihr auflauschendes Ohr. Jetzt hörte sie die Stimme des Vorbeters erklingen: „Waziftach es Sefer Hasichraunaus umeieilow jikorei!"*) . . . Rachel fühlte ihr Herz bis zum Halse hinaufschlagen, fühlte den Boden unter sich schwankein. „Wechausom jad kol odom bau!" **) . . . Plötzlich dringt in die betende Gemeinde ein gellender Schrei, der alles mitten im Gebete verstummen läßt. Von der Tür her hört man Stimmen ... Draußen am Gitter ist eine Frau in Ohnmacht gefallen . . . Einige Männer laufen hinaus, um zu helfen. Auch Frauen kommen hinzu. Ein Arzt tritt aus der Synagoge heraus, um nach der Frau zu sehen. Er neigt sich herab, um nach dem Herzschlag zu hören . . . Seine Miene wird ganz ernst ... Er richtet sich langsam auf und spricht mit trauriger Stimme: „Sie ist tot" Ein Herzschlag hatte ihrem jungen Leben ein Ende gemacht. Die umstehenden Frauen beginnen leise zu weinen. Das junge, schöne Weib erregt das größte Mitleid der Umstehenden . . . Ein Gemurmel erhebt sich: „Wer ist sie?" Aber niemand weiß eine Auskunft zu geben. Keiner kennt sie, weil man sie in der Synagoge noch nie hatte beten sehen . . . Und doch hält sie> in ihren starren, schon erkalteten kleinen Händen ein Gebetbuch, welches ihr — welch' tragische Ironie — ihr getaufter Mann zum Rausch-Haschonohfest geschenkt hatte . . . Sie hält es so fest, daß man es ihr nicht aus den Händen zu winden vermag . . . f)ie jüdischen Seidsäcke. Ein kleines winziges Vorkommnis, aber kulturhistorisch illustrativ: Das Kuratorium der Julie Oppenheim- Stifung, aus deren Mitteln jeden Winter im Schillertheater ein Stück aus dem Lehrplan der ersten Klasse der Gemeindeschulen aufgeführt wird, hatte hei der Schuldeputation beantragt, die nötigen »Schritte 4~ j- Denn du schlägst auf die Denkrolle, die laut den sol,Jst verkündet-. ' .*•> pH]". Bestätigt vini des Menschen eigener Hand. r<$& j^^J^A-:- zu tun, daß Lessings „Nathan der Weise" in den Lehrplan der ersten Klasse aufgenommen Averde. Die Schuldeputation hatte diesen Antrag abgelehnt. Sie sei an den bisherigen Lehrplan „gebunden". Das Kuratorium möge aber immerhin die spätere Aufführung des „Nathan" — „in Aussicht nehmen". Dieser Bescheid wurde ausdrücklich im Einverständnis mit dem Provinzialschulkollegium erteilt. Zum besseren Verständnis dieses Histörchens muß man wissen, waß die Cohn-Oppenheim-Stit'tung eigentlich ist. Die Stifterin ist die anhaltische Baronin Julie von C o h n - 0 p p e nh e i m, die durch ihre Wohltätigkeit zu ihren Lebzeiten und namentlich bei Eröffnung ihres Testaments vor einigen Jahren in ganz Deutschland von sich reden gemacht hat. Von ihrem Vater, dem Bankier des alten Kaisers, Moritz von Cohn, hatte sie ein Vermögen von etwa 60 Millionen ererbt. Von diesem Vermögen fielen beim Tode der Frau nach Abzug aller Stiftungen und wohltätigen Legate an die natürlichen Erben — die an sich begütert sind — kaum mehr zehn Millionen. Die Heimatstadt Dessau erbte etwa fünf Millionen, der gleiche Betrag fiel an die jüdische Gemeinde dieser Stadt. Der herzoglich-anhaltische Hof, zahllose Beamte, und sonstige öffentliche Institute des Landes und des Reiches wurden mit hohen Legaten bedacht. Auch der Kaiser gehörte zu den Erben; es wurde damals als Anekdote erzählt, wie Wilhelm II., als ihm die Nachricht seiner Miterbschaft gebracht wurde, mit den Worten „So ein Prachtweib" ein über das andere Mal auf die Schenkel schlug und den Manen der Frau Komplimente machte. Diese Frau A^erlangte für all ihre ungezügelte Wohltätigkeit die einzige schlichte Zusicherung, daß hei Zuwendungen aus ihren Stiftungen stets ohne Unterschied der Konfession vorgegangen werde. Sie w a r J ü d i n. Und wollte mit ihrem Gelde nur eins erreichen : der religiösen Toleranz eine Gasse bahnen. Jetzt wird von den Verwaltern einer der Stiftungen der Versuch gemacht, der edlen Frau und ihren Bestrebungen durch Aufführung des Lessingschen Hohenliedes der Duldung einen späten, sinnigen Dank zu zollen, und „da sieht sich die Schuldeputation", die, so oft ein Stück überflüssig geworden ist, das Schulprogramm ohne Gewissensbisse umgeworfen hat. „zu ihrem Bedauern an den Lehrplan gebunden". Das ist wundervoll preussisch! Wenn der Kaiser die Aufnahme von Ferdinand Bonns „Jungen Fritz" angeordnet hätte — ob auch dann der „Lehrplan" im Wege gewesen wäre? Man wagt es zu bezweifeln. Aber wer war den die Baronin — Cohn? Eine freigebige Judenfrau, die ihren Zweck mit der Hingabe von Millionen vollkommen erfüllt hat. Das adlige, deutsche Prinzip: von Juden Geld zu nehmen und ihnen dann die Hinterseite zuzukehren! Man braucht ja, um für diese Gepflogenheit — gerade was den Fall der Julie Cohn-Oppenheim anbelangt — Beispiele z\i bekommen, gar nicht einmal dieses letzte Vorkommnis in Betracht zu ziehen Einige Jahre nach dem Tode der Baronin C o h n hatte ein Lehrer des Herzoglichen Friedrichs-Gymnasiuins zu Dessau, als derjenigen Stadt, deren Gemeinde, deren Schulen, deren Fürstenhof der Toten Unübersehbares dankten, mit einem jüdischen Schüler der Anstalt eine Differenz. Im Verlaufe der Auseinandersetzung fiel seitens des Lehrers der lapidare Ausspruch : „Sie wissen ja: einem jüdischen Schüler kommen wir immer mit starkem Mßtrauen entgegen." Der Vorfall wurde ruchbar; wurde durch Zeugen erhärtet; wurde wochenlang diskultiert — es geschah nichts, um den Lehrer zur Bechenschaft zu ziehen für eine Beleidigung, wie sie unerhörter, namentlich eben in Anbetracht der Verhältnisse, nicht gedacht werden konnte. Oder ist es als Disziplinarstrafe zu betrachten, daß der betreffende Lehrer kurze Zeit darauf anstelle eines feinsinnigen, aufgeklärten, humanen Pädagogen zum — Direktor der Anstalt gemacht wurde und diese Funktion noch heute ausübt? Ehenso ungestört ausübt, wie der in allen Zeitungen schon blosgestellte Dessauer Oberbürgermeister Dr. Ebeling sein Amt noch immer bekleidet, ein Amt, unter dessen Schutze er, der einstmals der besondere Günstling der jüdischen Wohltäterin war, nach deren Tode seine israelitischen Mitbürger in der brutalsten Weise beschimpfte und beschmutzte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Alte, fast vergessene Dinge! Die es aber vielleicht lohnt, bei jeder passenden Gelegenheit mit einem unerbittlichen „Ceterum censeo" wieder ans Licht zu zieTien. Dinge, die — genau wie der jüngste Berliner Vorfall — lehren, was eigentlich tausend kleine Züge unserer vornehmen Gesellschaft tagtäglich beweisen sollten: „Der deutsche Mann mag keinen Juden leiden, doch seine Gelder nimmt er gern." D. M.-Z. (Berlin). Srieurs y- <0^m® V&tsrrvS>r.-. f*..i* tftit- ■ " A möbliert zeitgemäss vornehm preiswerte* >) A ivZMW, '~\^.>*r*!\i"--A ' Merkur" Möbelfabrik und Architektur: VI. Bezirk, Mariahilferstrasse Nr. 31.