Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 26 Zirkolär der Wiener Handels- und Gewerlbekammer lExportabteilung). Wien, am 12. Dezember 1911. Geehrte Firma! Von vertrauenswürdiger Seite in Ii o stow a. ü. Hegt uns folgender Bericht vor: „Immer wieder ereignet sich der Fall, daß österreichisch >. oder ungarische Kaufleute, und zwar zumeist Reisende, die bereits im Westen und Norden Rußlands ihre Touren absolviert haben, hieherkommen, um Bestellungen aufzunehmen, ohne mit dem im Artikel 12 des Handelsvertrages vom 15. Februar 190ö vorgesehenen russischen Gewerbescheine (Kommis-, Gildenschein) versehen zu sein, die dann, wenn sie mosaischer Konfession sind, nicht einmal im Hotel übernachten dürfen. Gewöhnlich finden sie auch noch erst in den späten Nachmittag-stunden oder gar in den Abendstunden den Weg zum Konsulate, dem sie zuzumuten (!) geneigt sind, für ihre Unterkunft sorgen zu müssen Wenn es in einzelnen Fällen auch möglich war, vom Stadthauptmann ausnahmsweise Duldung (!i bis zum nächsten Tag zu erlangen, damit die Partei den Gildenschein nachträglich lösen kann, ist dieses bei allzu häufiger Inanspruchnahme der Gefälligkeit des Stadtoberhauptes sehr erschwert, seit namentlich Reisende am nächsten Tage abgereist sind, ohne den Gewerbeschein zu lösen. Alle Handlungsreisende, welche nach Rußland gehen, werden somit aufmerksam gemacht, daß sie nach dem Handelsvertrage einen russischen Gewerbeschein zu haben verpflichtet sind, wenn sie überhaupt irgendwo in Rußland sich geschäftlich betätigen wollen ur d sich deshalb mit einer heimatlichen Gewerbelegitimationskarte versehen müssen, um gleich in der ersten russischen Stadt den im Artikel 12 des Vertrages vorgesehenen russischen Gewerbeschein lösen zu können. In den Gebieten der Don-, Kuban- und Terekkosaken (mit den Städten Rostow am Don, Nachitschwan am Don, Taganrok, Noworossisk, Azow, Jekaterinodar, Armavir, Jeisk Termjuk, Anapa, Maikop, Wladikawkas, Piatigorsk, Essentuki, Grozny, Kisliar etc) wo auch russische Juden kein Aufenthaltsrecht haben, woferne sie nicht Ortszuständige sind, können ausländi-che Handlungsreisende mosaischer Konfession jedenfalls nicht einmal über Nacht Unterkunft finden. Wie streng z. B. auch für russische, aber nicht ortszuständige Juden das Verbot des Aufenthaltes gefaßt ist, mag schon die Tatsache beweisen, daß zwar akademisch gebildete Juden als Aerzte und Advokaten mit ihren Familien von dem Verbote ausgenommen sind, deren Söhne und Töchter aber sofort wieder dem Aufenthaltsverbote verfallen, sobald sie mit dem 21. Lebensjahre ihre Großjährigkeit erlangt habe n". .Die Exportabteilung der n.-ö. Handels- und Gewerbekammer. Pereis m. p. f)ie jüngsten Ereignisse in der "Wiener J^ultusgemeinde. Wie n, den 25. Dezember. Eine öfientliche Vorstandssitzong — einmal jährlich! Die größte Judengemeinde in Oesterreich hat einen Vorstand, der das Licht der Oeffentlichkeit scheut. Einmal im Jahre treten die Herren, die während der Wahlbewegung den P. T. Wählern alles Mögliche und Unmögliche versprechen, vor das »Volk*, weil das Gemeindestatut ausdrücklich die Vorlage des Budgets in öffentlicher Sitzung anbefiehlt. Sonst würde auch diese einzige Möglichkeit den Steuerträgern benommen werden, »ihre* Vorsteher bei der Arbeit zu sehen. Man kann zahlreichen Vorstehern bei dieser Gelegenheit eine gehörige Dosis von Mut nicht absprechen, jenen Mut, der dazu gehört, nicht einmal in dieser einzigen öffentlichen Vorstandssitzung zu erscheinen. Sie beweisen, wie verachtenswert ihnen die Wähler erscheinen, die sie gewählt haben. Gibt es jemanden, der die Herren David von Gut mann, Moriz von Kuffner, Dr. Arthur Kur a n d a und Leopold Langer jemals in einer solchen Sitzung gesehen hat? Allerdings weiß auch die große Oeffentlichkeit vielleicht gar nicht, welche Ehre diese Herren der Gemeinde erweisen, wenn sie überhaupt ein Mandat annehmen . . . Herr Leopold Langer z. B. hat bei soviel Verwaltungssrats-Sitzungen Präsenzgelder zu beheben, daß ihm für die Vorstandssitzungen keine Zeit übrig bleibt. Trotzdem hat Dr. Stern bei den vorjährigen Wahlen seinen Mameluken diese Kandidaten mit aller Gewalt aufgedrängt. Ein ewig abwesender Vorsteher kann einem despotischen Präsidenten nicht widersprechen. Die einzige öffentliche Sitzung dieses Jahres hat am 23. Dezember stattgefunden. Von 36 Vorstandsmitgliedern sind 21 erschienen. Die anderen waren — meinte ein Beamter — am Semmering. Er kennt ja seine Leute. In dieser Sitzung wurde das Budget für das Jahr 1912 vorgelegt und in 3 Stunden durchgepeitscht. K 103.565-43 - Defizit. Das Budget weist K 3,228.203-66 Einnahmen und K 3,326.769*09 Ausgaben, somit ein Defizit von K 103.56543 auf. Da das vorjährige Defizit K 295.723-13 betragen hat, so haben wir immerhin einen Fortschritt zu verzeichnen; das chronische Defizit im Gemeindehaushalte ist diesmal kleiner. Daß aber aus dem Defizit des Voranschlages ein Ueberschuß des Ergebnisses werden könnte, wie bei der vorjährigen Budgetberatung mehrere Vorsteher recht naiv behaupteten, läßt sich an der Hand der Ziffern widerlegen. Für das Jahr 1910 ergibt selbst der Rechnungsabschluß ein Defizit von K 7l.l40'61. Für 1911 wird es noch größer sein. An der dreistündigen Debatte beteiligten sich die Herren Dr. Gustav Kohn, Dr. Rappop ort, Dr. Schreiber, Dr. Spitzer, Brod und der Finanz-Referent Frank. Dr. Rappoport lamentierte über die großen Ausgaben und möchte sparen. Sein ceterum censeo geht aber dahin: Nur den 10 Krunen Steuer-Census nicht einführen. Er hat Angst um sein Bankerl. Dagegen brach für die 10 K-Steuer eine Lanze Herr Brod. Es ist der einzige wahrhaft volkstümliche Mann im Vorstande, der sein Versprechen, für die Herabsetzung des Wahlcensus einzutreten, ernst meint. Er wies gegenüber dem rein fiskalischen Standpunkte des ehemaligen Oberfinanzrates Rappoport nach, daß es sich bei der Frage des 10 Kronen- Gensus nicht darum handle und handeln darf, ob die der Gemeinde dadurch reichere Steuern zufließen, sondern daß hier ein dringender Wunsch der breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung vorliege, die im Zeitalter des politischen Fortschrittes und der Demokratisierung des Gemeindewesens eine Erweiterung des Wahlrechtes verlange. Herr Brod predigte tauben Ohren. Im Laufe der Diskussion wurde auch von der Notwendigkeit eines neuen repräsentablen Amtshauses gesprochen. Zu einem Beschlüsse kam es nicht. Der Ankauf einer neuen Friedhof-Area verursacht Auslagen von ca. zwei Millionen Kronen, die weit dringender sind und auch nur im Wege einer Anleihe verschafft werden können. Als die öde Debatte, der jeder Schwung, jeder weitere Ausblick, jedes höhere Niveau abging, zu Ende war, da fühlte sich der Herr Präsident wieder recht behaglich. Nun hat er wieder für ein ganzes Jahr vor der Oeffentlichkeit Ruhe. Oder doch nicht. In zehn Monaten gibt es wieder Wahlen; er muß selbst in die Arena, dasein Versuch, sich das Mandat