Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 26 Gouverneur Wilson sprach in seiner Eede die Ansicht aus, Bußland habe 40 Jahre lang seine vertragliehen Verpflichtungen hauptsächlich deswegen auf die leichte Schulter genommen, weil die amerikanische Eegierung sich nur zum Mundstück spezieller Interessen gemacht und von einem besonderen Gesichtspunkt aus Stellung genommen habe, nicht aber als Vertreterin des ganzen amerikanischen Volkes. Er führte aus, die Israeliten seien hier in erster Linie amerikanische Bürger und sie repräsentierten in dieser Sache Prinzipien, welche die eigentliche Grundlage unseres Eegierungssystems seien. Wilson verschloß sich nicht der Einsicht, daß Amerika in Bußland kommerzielle Interessen wahrzunehmen habe. Aber er erklärte, er befürchte in dieser Hinsicht keine Verluste, denn die Beziehungen zwischen zwei Mächten gründeten sich nicht auf Gefühlsduselei, sondern auf materielle Interessen. Diese Beziehungen stützen sich auch nicht auf die gegenseitige Achtung. Wie kann uns denn Bußland achten, wenn es sieht, daß wir schon seit 40 Jahren unsere materiellen Vorteile höher stellen als unsere Menschenrechte. Nun ist das ganze amerikanische Volk erwacht und die Sachlage ist geändert. Die amerikanischen Bürgerrechte stehen auf dem Spiel. Da gibt es nur ein Entweder — Oder. Entweder wird der Vertrag eingehalten oder er wird aufgelost. Der Präsident des Repräsentantenhauses. „Speaker" Champ Clark ist ebenfalls erschienen, als sichtbarer Bepräsentant des einstimmigen Entschlusses aller Eepräsentanten, den Vertrag mit Eußland zu kündigen. Clark versicherte, daß noch vor Weihnachten der Kündigungsbesehluß vom Bepräsentantenhaus gefaßt werden wird. Es handle sich nicht um Juden oder Christen, sondern um eine Frage der Gleichberechtigung aller Bürger und um die Unantastbarkeit des nordamerikanischen Passes. „Kein Staat hat die Verpflichtung, mit uns einen Handelsvertrag zu schließen; ist er aber einmal geschlossen, dann müssen ihn beide Teile einhalten. Sonst muß er aufgelöst werden. Bußlands Verhalten hat allgemeinen Abscheu erregt und allgemeinen Protest hervorgerufen. Wir appellieren an das moralische Gefühl der ganzen Welt, an jenes moralische Gefühl, an welches Daniel Webster im Jahre 1823 .zugunsten der Griechen appelliert hat — an jenes moralische Gefühl, welches, wenn es einmal erwacht, stärker ist, als Krupp-Kanonen — und dem keine menschliche Kraft widerstehen kann." Reminiscenzen aus Oesterreich. Auf einige interessante geschichtliche Tatsachen wies Präsident Jacob Gould Schurman von der Cornell- Universität hin. Eine war, daß Oesterreich zu Metternichs Zeiten seinen mit der Türkei abgeschlossenen Vertrag so auslegte, wie Eußland jetzt den Vertrag mit Amerika, das heißt, Oesterreich behandelte die türkischen Untertanen mosaischen Glaubens auf die Art, wie es die eigenen Juden damals behandelte. Die Türkei bestand aber auf Erfüllung des Vertrages nach seinem Wortlaut und Metternich mußte nachgeben. Eine andere Tatsache war, daß das britische Parlament 1870 einen Beschluß annahm, der eine Modifizierung des mit den Vereinigten Staaten abgeschlossenen Auslieferungsvertrages involvierte. Präsident Grant ließ sich das aber nicht gefallen und sechs Monate später wurde der betreffende Parlamentsbeschluß zurückgenommen. Die Resolution. Die Versammlung nahm mit großer Begeisterung folgende Eesolution an: „Diese Versammlung, von Vertretern aller Teile des Staates einberufen und alle Schattierung der öffentlichen Meinung repräsentierend, fordert den Kongreß der Vereinigten Staaten dringend auf, in der gegenwärtigen Session, die jetzt vor dem Senat und dem Eepräsentantenhause sehwebenden Besolutionen anzunehmen, welche auf den Widerruf des Vertrages von 1832 zwischen den Vereinigten Staaten und Eußland unter Beobachtung einer einjährigen Kündigungsfrist in Gemäßheit seiner ausdrücklichen Bestimmung abzielen, zu dem Zwecke, damit unser Land endlich nicht länger mit Gleichgültigkeit eine Klassifizierung seiner Bürger hinnehmen muß, welche, wenn sie zu einem Präcedenzfall wird, schließlich das politische System untergraben würde, welches es zum größten, sittlichen Faktor der Erde gemacht hat." Unter den 400 Personen, welche auf der Plattform Platz genommen hatten, befanden sich: Dr. Felix Adler, James Creelman, Henry Green, Frau J. Boeden, Harriman, Edward Lauterbach, Kongreßmitglied Jefferson M. Levy, Louis Marshall, Jacob Schiff, William Sulz er u. a. Die Versammlung wurde mit dem Gebete des Pastors D i c k s o n eingeleitet und mit dem Gebete des Eabbiners Silverman geschlossen. Sie hat das Schicksal des Handelsvertrages entschieden. Taft mußte zur Einsicht gelangen, daß er mit seiner kunktatorischen Haltung nichts erreiche und höchstens sich selbst unmöglich mache. ä * ± Die Debatte im Repräsentantenhause. Der Handelsvertrag wird gekündigt. Washington, den 13.Dezember. Nachdem vorgestern eine Deputation der hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten von Nordamerika, wie Oskar Strauß, Oberster Bichter Sulz berger, Jacob Schiff, die Abgeordneten Goldfogle und Levy, Dr. Cyrus Adler u. a. vor dem Kammerausschuß für auswärtige Angelegenheiten unter Vorlage eines umfassenden Materials die Auflösung des Handelsvertrages mit dem ganzen Nachdrucke ihrer Beredsamkeit und ihres Einflusses betrieben hatte, wurde die bezügliche Eesolution gestern im Ausschusse einstimmig angenommen. Vorsitzender William Sulz er wurde beauftragt, über die Eesolution zu referieren und sie in geeigneter Weise zu begründen. Goldfogle präsidiert im Repräsentantenhause. Das Bepräsentantenhaus, welches heute mit 300 gegen 1 Stimme dem Zarenreich den Vertrag kündigte, hat es sich nicht nehmen lassen, auch in formeller Beziehung den russischen Despotismus tief zu verletzen. In dieser Sitzung des Bepräsentantenhauses führte ein Jude, der Abgeordnete des Ghettos von New-York, Heinrich Goldfogle, den Vorsitz. Speaker Clark hat ihm absichtlich den Vorsitz abgetreten. S u 1 z e r eröffnete die Debatte mit einer fulminanten Bede, in welcher er erklärte, daß die Eesolution für sich selbst spreche und daß niemand dafür um Entschuldigung zu bitten brauche. Die Eesolution verlangte die Nullifizierung des russischen Vertrages von 1832, weil Eußland seit einem halben Jahrhundert sich geweigert habe, seine Vertragspflichten zu erfüllen und die Pässe amerikarischer Bürger ohne Eücksieht auf Basse und Eeligion anzuerkennen. Nach einer eingehenden Erläuterung der Vertragsparagraphen, welche in Betracht kommen, fuhr Sulzer fort: „Dies ist nicht eine jüdische Frage. Es ist eine amerikanische Frage. Sie dreht sich um ein großes Prinzip. Sie berührt die Eechte aller amerikanischen Bürger. Bußland weigert sich nicht nur, amerikanische Pässe anzuerkennen,