Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 „Neue National-Zeitung" Seite 3 handlung ihrer Bürger können und dürfen die Vereinigten Staaten nicht weiter mit Gleichgültigkeit hinnehmen. Die Vereinigten Staaten müssen handeln, nur allzulange haben sie sich aufs Beden und Schreiben verlegt. Entweder — oder? Ist EuJßland auch weiterhin an unserer Freundschaft etwas gelegen, so muß es sich auch bereit zeigen, unserer Forderung auf Gleichbehandlung all' unserer Bürger zu geniigen. Fühlt es sich aber berufen, dieser unserer billigen und gerechten Forderung weiterhin hohnzusprechen, so können die Vereinigten Staaten ihni nicht länger mit Freundschaft und Wohlwollen begegnen. Weil diese Forderung so klar liegt und ihre Berechtigung so überzeugend ist, dürfte denn auch zuguterletzt eine Erfüllung zu gewärtigen stehen. Worauf es hiebei unsererseits am meisten ankommen dürfte, ist Entschiedenheit bei ihrer Geltendmachung. Wenn die russische Eegierung erst einmal erkannt hat, daß wir es in dieser Sache dieses Mal ernst meinen und auf weitere Verschleppung uns nicht einlassen wollen, dürfte sie sich zweifelsohne zur vollen Gewährung unserer Forderungen bereit zeigen. Dies umso eher, als die Erfüllung keine Opfer seitens Bußland heischt." * * * Sozialistischer Abgeordneter Victor Berger fordert Kriegserklärung. Milwaukee, den 6. Dezember. Der hiesige Abgeordnete Victor Berger, der einzige Sozialist im Bepräsentantenhause, fordert die Kriegserklärung gegen Bußland. In einer heutigen Auslassung erklärte er das Losziehen sowohl der Bepublikaner wie der Demokraten gegen Bußland in der Paßfrage für lauter Scheinheiligkeit und Heuchelei und sagte, das einzige Heilmittel sei, dem russischen B o tschafter'in Washington seine Pässe zuzustellen, den amerikanischen Botschafter abzuberufen und das Weitere abzuwarten. „Unsere Staatsmänner", sagte Herr Berger, „brauchen nicht zu fürchten, daß die russische Flotte zu uns herüber kommen wird, um etwa Baltimore zu bombardieren. Unsere guten Freunde, die Japaner, haben dafür gesorgt, daß es heutzutage keine russische Flotte mehr gibt und unsere Flotte sollte stark genug sein, um das Landen russischer Kosaken in Alaska zu verhindern. * * * Massenmeeting in der Carnegie-Hali. (5000 amerikanische Bürger protestieren gegen Russland.) New-York, den 7. Dezember. Unter den Auspizien des Nationalen Bürger-Kommitees fand gestern Abend in Carnegie-Hall eine imposante Protestversammlung gegen Bußlands Verhalten in der Paßfrage statt. Alle Bedner, durchweg Männer von nationaler Bedeutung, erklärten die jetzigen Zustände für unhaltbar und die meisten sprachen sich für sofortige Kündigung des Vertrages von 1832 aus, den Bußland durch die Nichtanerkennung der amerikanischen Pässe, die für Juden und christliche Geistliche ausgestellt worden sind, gebrochen habe. Ein dahingehender Beschluß wurde auch von der Versammlung angenommen. Einige Bedner allerdings warnten vor Ueberstürzung. Der frühere Botschafter Andrew D. White, der den Vorsitz führte, sprach sich dafür aus, daß die nordamerikanische Begierung Bußland auffordere, die Angelegenheit dem Schiedsgerichtshof im Haag zu unterbreiten. Als um y.28 Uhr die Türen von Garnegie-Hall geöffnet wurden, warteten bereits 3000 Personen auf Einlaß; als William G. McAdoo, der Vorsitzender des Nationalen Bürger-Komitees, die Sitzung eröffnete, war der über 5000 Personen fassende Saal bis zur äußersten Fassungskraft gefüllt. Unter den Flaggen, die den Biesensaal schmückten, sah man auch Flaggen mit den jüdischen Wappen (Magen David). McAdoo schilderte in seiner Eröffnungsansprache die Situation und sprach sich für sofortige Kündigung des Vertrages aus, wie sie im Vertrage selber mit einjähriger Frist vorgesehen ist. Er warnte eindringlich vor der „Dollar-Diplomatie", welche kommerzielle Interessen höher stelle als Menschenrechte; das müsse ein Ende nehmen! White beantragt Schiedsgericht. Der 80jährige frühere Botschafter Andrew D. White erwähnte in seiner Bede zunächst, daß er zwei Mal auf längere Zeit in Bußland geweilt hat. zuerst in den Jahren 1854 und 1855 und später von 1892 bis 1894. Er erklärte, daß es für die Vereinigten Staaten eine Schande sein w ü r d e, wenn sie sieh die Haltung Bußlands, welches aus religiösen Gründen Pässe vieler amerikanischer Bürger nicht anerkenne, länger gefallen lassen wollten. Als besten und aussichtsvollsten Weg stellte der Bedner den einer höflichen Einladung an Bußland, die Sache dem Ständigen Internationalen Schiedsgerichtshof im Haag zu unterbreiten, hin. Bußland betrachte den Schiedsgerichtshof als seine eigene Schöpfung und sei stolz darauf. Der Bedner gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß Bußland eine solche Einladung annehmen und daß der Schiedsgerichtshof die amerikanische Auffassung von den gegenseitigen Pflichten der beiden Länder als berechtigt anerkennen werde. Senator O'Gorman will sofortige Kündigung. Bundes-Senator James A, O'G o r m a n, der nächste Bedner, betonte in seinen Ausführungen, daß Glaubensunterschiede die Bechte und Privilegien amerikanischer Bürger im Auslande nicht beeinträchtigen dürften. Die Verträge mit anderen Ländern seien nur zugunsten der gesamten Bevölkerung der Vereinigten Staaten abgeschlossen worden. Durch die Auslegung der Bestimmungen des mit Bußland abgeschlossenen Vertrages durch die Begierung des Zarenreiches würden aber zwei Millionen amerikanischer Bürger allein ihres Glaubens wegen der Vorteile dieses Vertrages beraubt. Vierzig Jahre lang habe die Begierung der Vereinigten Staaten vergeblich gegen die Haltung Bußlands protestiert. Inhaber von amerikanischen Pässen seien diese ganze Zeit lang von Bußland schmählich behandelt und die Würde unserer Nation sei damit verletzt worden. „Der Vertrag verlange Gleichheit der Behandlung für alle Bürger und Untertanen der beiden Nationen und eine so eklatante Verletzung der Bestimmungen dürften wir uns nicht länger von Bußland gefallen lassen, föine scharfe Zurückweisung müsse erfolgen, nicht weil es sich um Juden, sondern weil es sich um amerikanische Bürger handelt, die auf den Schutz ihrer Begierung berechtigten Anspruch haben. Die Bechte unserer Bürger auf Immunität von Diskriminationen aus religiösen Gründen müßten von allen Völkern, mit denen wir durch Verträge verbunden sind, anerkannt werden. Die Zeit, dem bestehenden, nicht mehr erträglichen Zustande ein Ende zu machen, sei gekommen." Senator O'Gorman schloß mit der Erklärung, daß er bereit sei, für die Kündigung des Vertrages mit Bußland zu stimmen. Der demokratische Präsidentschafts-Kandidat gegen Russland. Die interessanteste und schärfste Bede war die des Gouverneurs Woodrow Wilson vom Staate New-Jersey, der die größten Chancen hat, als demokratischer Präsidentschafts-Kandidat aufgestellt zu werden.