Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 26 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ,Neue National-Zeitting" Nr. 26 nach Rußland zu gestatten — wenn es keinem Staate bezüglich seiner jüdischen Bürger dieses Recht bisher eingeräumt feat? Das können wir luhig Männern wie Strauß und Schiff überlassen. Eine Teilarbeit ißt verrichtet, aber die weit schwerere. Jetzt darf die Regierung von Washington nicht mehr zurückweichen. Einen Zollkrieg hat sie nicht zu fürchten, denn ihr Schaden wäre höchst minimal. Ihr Prestige steht auf dem Spiele: das Prestige der Republikaner, die bei der Präsidentenwahl wieder ihren Mann behaupten möchten. Man könnte ihnen aber helfen. Wenn die öffentliche Meinung auch in anderen Staaten in ähnlicher Weise die Regierungen beeinflussen könnte. Zum Beispiel in Oesterreich-Ungarn. Aber bei uns geschieht nichts. Wir haben deutsche, polnische, sozialistische Abgeordnete »mosaischer Konfession", aber keine jüdischen Politiker. Sie haben sich einmal niedergesetzt und nach Washington einen Dank an das Repräsentantenhaus telegraphiert und das war schon mehr, als sie sich selbst zugemutet hätten. Der Abgeordnete des Wiener Handelszentrums und als Handelspolitik« r viel gerühmte Hofrat Kuranda ist ungemein angestrengt durch die — bevorstehenden Gemeinderatswahlen; der Abgeordnete der galizischrussischcn Grenzstadt Brody, Dr. K o 1 i s c h e r, der ökonomische Spezialist des Polenklubs, muß sich ganz in die galizische Kanalfrage vertiefen; die anderen haben weder Lust sich zu exponieren, noch Eignung, das Problem zu erfassen. Abgeordneter G a 11, der komische Hausjude der antisemitischen AlJpoJen, kann durch seine Interpellalion höchstens eine gute Sache kompromittieren. Und kann man da verlangen, daß sieh ein christlicher Staatsmann oder Diplomat noch bei uns fände, um die jüdischen Bürgerrechte zu verteidigen, wenn es jüdische Abgeordnete aus mangelndem Pflichtbewußtsein unterlassen? Darum wollen wir die Einzelheiten des großen Kampfes, den jenseits des Ozeans unsere Brüder führen, festhalten, um uns für den Moment wenigstens über die durch Cliquewirtschaft und Strebertum zerklüfteten und desolat gewordenen Verhältnisse innerhalb der österreichischen Judenschaft hinwegzusetzen. L. , * * * Jacob Schiff gegen den Präsidenten Taft (Russland will Taft bestechen!) New-York, 17. November. Eine Anzahl von hervorragenden indischen Bürgern erschien heute unter Führung von Jacob Schiff im Bureau des Bundessenators James A. O'Cforman, um mit ihm und Senator Eoot wegen der fortgesetzten Weigerung Kußlands, amerikanische Pässe, welche für amerikanische Bürger mosaiischen Glaubens ausgestellt sind, anzuerkennen, -weitere Entschlüsse zu fassen. Nachdem Advokat Louis M a r s h a 11 eine Ansprache an die Senatoren gerichtet hatte, in welcher er energisch für die sofortige Kündigung des amerikanisch-russischen Handels- und Freundseha-ftsvertrages vom Jahre 1332 gesprochen hatte, setzten die Senatoren ihre Ansichten auseinander. Senator K o o t, ein Intimus des Präsidenten. Taft, sagte, daß er mit der Sachlage durchaus vertraut sei und daß er seinen Einfluß beim Staatsdepartement dahin geltend machen werde, daß der russischen Regierung eine Aenderung ihres Verhaltens nahegelegt wird. Herr K o o t glaubt, wie er erklärte, daß 4ie amerikanische Regierung durch geduldiges Verhandeln mit Rußland schließlich zum Ziele gelangen mag. Senator O'G o r m a n nahm einen anderen Standpunkt ein; er sagte, er werde für die sofortige Kündigung des Vertrages von 1832 stimmen, falls sich Kußland nicht sofort bereit erkläre, amerikanische Pässe ohne Rücksicht auf die Religion des Inhabers anzuerkennen. Nachdem die Senatoren gesprochen, ergriff Jacob Schiff das Wort und machte einige höchst sensationelle Mitteilungen. Er sagte u. a.: „Präsident Taft hat in bestem Glauben einer Delegation nach der anderen auseinandergesetzt, daß die Regierung alles in ihren Kräften Stehende tue, um die russische Regierung zu einer Aenderung ihres Standpunktes zu bewegen. Wir bezweifeln nicht die guten Absichten des Präsidenten, aber zur gleichen Zeit, als Herr Taft seine Zusicherungen gab, äußerte sich sein damaliger Botschafter in St. Petersburg, Rockhill, dahin, daß die Paß frage von sehr untergeordneter Bedeutung sei; ihm liege daran, amerikanischen Fabrikanten ein Absatzgebiet zu verschaffen, und er werde sich sehr hüten, diese Interessen aufs Spiel zu setzen. „Vor anderthalb Jahren kam der Finanzagent der russischen Regierung, W i 1 1 e n k i n, zu mir und ersuchte mieb. dazu behilflich zu sein, daß Rußland hier finanziell Fuß fassen könne. Ich erklärte ihm, daß das niemals geschehen würde. Einige Zeit später kam er zu mir und sagte: ,.Ich habe soeben ein sehr günstiges Arrangement getroffen. Ich habe ein Syndikat amerikanischer Fabrikanten für den Export ihrer Fabrikate nach Rußland und für die Errichtung amerikanischer Fabriken unter amerikanischer Leitung in Rußland gegründet. Dies sei von großem Vorteil für Amerika und werde das Land und Rußland einander näher bringen. Ich fragte ihn, welcher Amerikaner diese Arrangements treffe und er erwiderte: „J o h n Hay s II a m m o n d." Ich erklärte ihm, dieser Herr sei kein Fabrikant, sondern Bergwerksingenieur und fragte Willenkin: „Warum gerade er?" Der Russe antwortete : „W egen seines Einflusses auf Präsident T a f t." Hammond ging nach Rußland und kam zurück und erklärte, daß der Zar der liberalste Monarch von d e r W e 1 t s e i. „Stellen Sie sich vor, daß eine Regierung sich einbildet, den Präsidenten der Vereinigten Staaten beeinflussen zu können! Stellen Sie sich diese Beleidigung vor! Sollen wir uns das gefallen lassen? Sollen wir da noch Rußlands Geboten Beachtung^ schenken *? Dies sind Tatsachen, die ich Ihnen hier gegeben habe, nicht Theorien." Diese offene Erklärung Schiffs hat in den weitesten Kreisen einen sensationellen Eindruck hervorgerufen. Sie bedeutet einen schweren Schlag für Taft, dessen Unaufrichtigkeit und diplomatische Doppelzüngigkeit in der Paßfrage vor aller Welt dargelegt wurde. * * * Die „New-Yorker Staats-Zeitung11 gegea Russland. New-York, den 21. November. Eine sehr heftige Sprache gegen Rußland führt die „Staatszeitung", eine der angesehensten Zeitungen und die größte deutsehe Zeitung in Amerika. Der heutige Leitartikel „Die russische Paßfrage" gipfelt in folgendem Schluß: „Wie die Vereinigten Staaten keine Scheidung der Bürger nach Religion und Konfession machen, so können sie auch keinem -Lande, das in Freundserhaft mit ihnen leben will, gestatten, daß es ihre Bürger nach Religion oder Konfession scheidet und Bürgern mosaischen Glaubens die vertragsmäßigen Rechte vorenthalten will. D i e s e - B e-