Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 25 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. .25 „Neue National-Zeitung" Seite U FEUILLETON. M. Spektor: Der TaufzetteL Skizze aus dem russischen jüdischen Leben. '1. Fortsetzung.) Die jüdischen größeren Kaufleute waren zum Teil arm geworden, und die Kapitalisten in die Großstadt übersiedelt, da sie in einer Bettelstadt nicht bleiben wollten. Andere waren mit ihren Familien nach Amerika ausgewandert. Denn in den vergangenen zehn Jahren hatte es hier auch einen kleinen Pogrom und zweimal eine Feuersbrunst gegeben. So waren dann nur die armen Leute im Städtchen wohnen geblieben, kleine Krämer und Händler, einige Wucherer, die den Kleinhändlern das Fell über die Ohren zogen und schließlich noch einige Luftmenschen, die von der Hand in den Mund lebten. Einer riß dem andern den Bissen Brot vom Munde weg. Was war also natürlicher, als daß sich bald Bethausvorsteher- und Vorsteherinnen für ihre Armen und diese selbst bei Marek Lewinstein einfanden, sobald sie von der Ankunft des „reichen Petersburgers" gehört hatten? Zu ihm und zu Rachel kam man fortwährend um Almosen. Wenn der eine kaum fort war, kam auch schon der andere. Und Lewinstein gab auch, und Rachel konnte sich nicht bitten lassen, ohne etwas zu geben, wenn auch ihr Mann nichts davon wußte . . . So war denn ein Jahr dahingegangen. Sie lebten nur von dem Gelde, das sie aus Petersburg mitgebracht hatten, denn Lewinstein konnte hier nichts verdienen. Von wem auch? Er mußte hier untätig herumgehen, alle diese Armut, dieses Leiben im Schmutz mitansehen, der hier die Hälfte des Jahreis auf der Gasse herrschte. Es war rein, um den Verstand zu verlieren . . . Was wird aus ihm, seinem Weib, seinen Kindern, wenn die paar übrigen Rubel aufgebraucht sind? Dieser Gedanke konnte ihn Tag und Nacht nicht verlassen ... Da kam ihm die Erinnerung an die guten Tage in Petersburg. An seine Freunde und Klienten, die ihm so viel Geld zu verdienen gaben . . . Und da faßte es ihn mit einem plötzlichen Gedankenblitz, da schlug es wieder Wurzel und machte ihm das Herz schneller schlagen . . . Wie sagten sie doch in Petersburg? „Werde unser Bruder! Sei nicht so dumm!"... Es ließ ihn nicht mehr ruhen . . . Die Worte summten ihm in den Ohren und machten seine Pulse schneller schlagen. Sie verfolgten ihn überall. Im Schlafe, in seinen Träumen hörte er sie, und am Tage durchkreuzten sie alle seine Gedankengänge. Ließen ihm keine ruhige Minute . . . Aber seiner Rachel etwas von dem zu sagen, was ihn so bewegte, fand er nicht den Mut ... Er konnte sie nur im gequälten Tone fragen: „Was wird das mit uns werden? Wie soll das noch enden?" Er gab sich der törichten Hoffnung hin, sie würde vielleicht durch ihre schreckliche Lage gezwungen, durch die Trostlosigkeit der Zukunft entmutigt und zermürbt, ihm eines Tages antworten, es vielleicht unter tausend Qualen, kaum ihrer Stimme mächtig, herauspressen: „Du hast Recht! Es gibt keinen anderen Weg!" Aber das war und blieb nur ein Wunsch Marek Lewinsteins. Ihre Unterhaltungen über ihre trostlose Lage schlössen immer mit Tränen. Geduldig trug sie das schwere Leid. Sie hoffte auf Gott. III. Die Nacht hatte sich herabgesenkt. Von Zeit zu Zeit klopfte der Regen an die Scheiben. In der Stube herrschte lautlose Stille, so daß man drinnen jeden Tropfen, der auf die Scheiben schlug, hören konnte. Diese' monotone Melodie legte sich wie ein Alp auf die Herzen der beiden Menschen, die so untätig im Zimmer saßen. Der Samowar, der mit seinem Brodeln und Sieden die Stille angenehm unterbrach, war schon im Erkalten — wie ein Toter, dessen Seele schon die irdische Hülle verlassen hat, aus der gerade der letzte Rest von Körperwärme entflieht. . . . Die Kinder sind schon lange zu Bett gebracht worden. Und so sitzen denn Marek Lewinstein und sein Weib traurig und allein beim Tisch. Unheimliche Stille herrscht in dem Räume. . . Plötzlich bricht Lewinstein aus: „Diesen fahlen Schein der Nachtlampe hier kann ich nicht mehr ertragen! Ich kann mich nun einmal nicht abgewöhnen von der helleuchtenden Flamme des Gases oder des elektrischen Lichtes. Aber das paßt hier gerade zu dem ewigen Schmutz, in dem man bis über die Knöchel versinkt, zu der schrecklichen Armut hier, zu den Triefaugen der Einwohner. ... Mich erfaßt vor diesem Leben hier ein tiefer Ekel. . . . Nie werde ich mich daran gewöhnen könnten." „Gott wird uns schon helfen und du wirst bald ein gutes Auskommen haben. Dann wird schon alles ein anderes Gesicht bekommen." So tröstete sie. „Aber an ein solches Auskommen ist hier ja gar nicht zu denken, dafür ist keine Aussicht vorhanden. Ich habe schon alle Hoffnung aufgegeben. Ich ersticke hier in dem Schmutz und muß sehen, wie ich jeden Mut, meine Energie, jede Lebenslust mehr und mehr verliere." „Und doch leben hier so viele Juden ganz gut!" „Auch ein Leben! Gott sei's geklagt! Da liegt man im Schmutz. . . . Das ist ja hier für einen modernen Menschen der lebendige Tod! Als ob man schon begraben wäre!" „So leben alle Juden . . . und wir sind doch auch Juden!" Bei diesen Worten füllen sich Rachels schöne AI-gen mit Tränen. Ein schmerzliches Zucken umspielt ihren Mund. . . . Sie schweigen wieder beide eine Zeit lang. Er unterbricht wieder plötzlich die Stille und wird mit ememmale lebendig: