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Neue Nationalzeitung · 1911-12-15 · Heft 25 (15.12.1911) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 25 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite }2 „Neue National-Zeitung' Nr. 25 „Sei nur unbesorgt, meine Rachel! Brauchst nicht traurig zu sein! Wir werden bald wieder - in Petersburg sein! Dann werdein wir wieder so leben können wie früher. Mach' dir nur keine Sorgen!" Rachel wischt sich die Tränen aus den Aug3ii ur.d schaut verwundert auf Marek, der jetzt lebendig zu werden scheint. „Wir brauchen ja nur einen Taufzettel!" Er wußte selbst nicht, wie er diesen Satz über die Lippen gebracht hatte. Aber jetzt, wo es einmal gesagt war, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Eigentümlicher Weise blieb aber Rachel bei diesen letzten Worten ganz ruhig. Sie hatte noch nie etwas von einem Taufzettel gehört. So fragte sie denn nur ruhig: „Was ist das, ein Taufzettel?" „Ach, weißt du, das ist gar nichts. Das ist nur so ein Papier. Wenn wir das haben, dann hält man uns nicht für Juden. Dann können wir frank und frei in Petersburg wohnen, können dabei ruhig weiter ein jüdisches Haus und jüdische Küche führen. Du kannst am Freitag Abend die Sabbathlichter anzünden, allerdings dürfen das Fremde nicht sehen. . . . Unsere Kinder brauchen noch keinen Taufzettel, so lang© sie klein sind. Und später werden wir schon, so Gott will, für sie sorgen. Bis dahin werden die Juden schon überall wohnen können." Im Anfang konnte Rachel gar nicht verstehen, was ihr Mann mit dem Taufzettel meinte. Sie überlegte: Ein Papier, das den Zweck haben sollte, den Leuten vorzuspiegeln, sie seien keine Juden, damit man ihnen das Wohnrecht gewähre. An dieses Wohnrecht, das durch ein Papier gewährleistet wird, war sie schon seit ihrer Hochzeit und ihrem Aufenthalte in Petersburg gewöhnt. Eine koschere Küche könnte sie trotzdem weiter führen, sagte ja Marek. Sabbathlichter würde sie auch weiterhin anzünden können. Was wolltet sie sich da noch den Kopf über diese Papiere zerbrechen? Ihr Mann ist doch ein Advokat und weiß, welche Papiere gut und welche schlecht sind. Dann kamen ihr wieder Bedenken. Dieses Wort: Taufzettel. Was hieß das, was sollte das bedeuten? Doch nur, daß die Christen denken sollten, sie seien keine Juden. Und was die denken, daran könnte ihr doch nichts liegen. Im Herzen blieb sie doch eine echte Jüdin, Und so gelang es Lewinstein in einigen Wochen, seinem Weibe alles im schönsten Lichte darzustellen und ihr den Taufzettel als «ine reine Formalität zu erklären. „Der Taufzettel ist nur ein Stück Papier, das man sich von einem Geistlichen ausstellen lassen muß, um das Wohnrecht in Petersburg zu erhalten." So pflegte er in sie hmeinzusprechen. Und sollte es ihm bei seiner Redekunst nicht gelingen, sein ihn so sehr liebendes Weib zu überreden? Sie dachte nur daran, die Lage ihrer Kinder zu verbessern und daß sie ja J ü d i n bleiben könnte. . (Schluß folgt.) Die Tragödie eines Proselyfen. Wir lesen in hebräischen Zeitungen folgende tragische Geschichte eines Mannes, der in den letzten Jahren nach einer Kette von allerlei Erfahrungen und Leiden den Weg zum Judentum zurückgefunden hat.. " Da wandelt wie eine lebende Ruine ein alter Mann durch die Straßen Warschaus "dahin, den' man fast einen Heiligen nennen könnte. Viel weiß er von seiner Kindheit nicht zu erzählen. Auf seine Eltern kann er sich nicht erinnern und würde nicht in seinem Passe schwarz auf weiß geschrieben stehen, daß er früher Hirsch Waldmann hieß, so würde ihm auch sein eigentlicher Käme unbekannt geblieben sein. : Fr.üher, -denn seit vielen Jahrzehnten mußte ,er auf einen anderen Namen hören. Er war ein Waisenkind und hatte keine Annehmer, und so war es ja ganz natürlich, daß er schon im Kindesalter gewaltsam von der Behörde einer Militärerziehung übergeben wurde. Es war das Jahr 1854, die kritische Zeit der sogenannten Kantonisten und tausende schutzlose jüdische Knaben wurden damals auf diese Weise ihren Angehörigen und dem Judentum für immer entrissen. Hirscli Waldmann wurde der russischen Kirche zugeführt Er aber vermochte nicht shh darin heimisch zu fühlen. I »er Knabj, der nicht einmal das Beten in hebräischer Sprache erlernt hatte, hütete doch das Judentum im Herzen, w ewohl er äußerlich sich alle Gepflogenheiten der russischeu Religion aneignete Und führte ihm ein glücklicher Zufall einen Juden in den Weg, so ließ er nicht von ihm, bis er ihn in die Gesetze der Religion und in die Sprache der Gebete einführte. Volle. 22 Jahre oblag der junge Mann dem Militärdienste. Aeußerlich ein rechtgläubiger Russe, war er doch im Innern ein Jude geblieben und so oft er es machen konnte, suchte er die Gesellschaft von Juden auf, betete, fastete und feierte mit ihnen. Nach beendetem Militärdienst erhielt er eine Sekretärstelle in der Warschauer Festungsverwaltung, in welcher er ein echtes Warannenleben führte. Da die Stelle sehr einträglich war und es ihm auch gelang, immer mehr Fühlung mit seinen Glaubensgenossen zu gewinnen, so heiratete er eine jüdische Frau aus Warschau und ließ seine Kinder zu Juden erziehen. Die Sehnsucht trieb ihn aber nach seiner Heimat zurück, und so erhielt er auf seine Bewerbung die Stelle eines Pristaws (Polizeimeister) in einem Städtchen in der Nähe seiner Heimatstadt Schitomir, wo es ihm auch gelang, mehrere Familienangehörige ausfindig zu machen. Als erster Polizeibeamter des Städtchens hatte er Gelegenheit, den Juden des Ortes viel Gutes zu erweisen, und bald knüpfte sich ein ganzer r-agenkranz um das Haupt des sonderbaren, so ungewöhnlich judenfreundlichen Polizeigewaltigen. Nun schritt das Unheil schnell heran. Eine Denunziation beim Generalgouverneur veranlaßto eine nähere Untersuchung der Amtshandlungen des Polizeimeisters. Als die Obrigkeit eines Morgens die Amtsstube betrat, überraschte sie den Pristaw bei einem hebräischen Gebetbuche in Tallis und Tefillin gehüllt. Nun begann eine hinge Untersuchung, der bald 'Amtsenthebung und längere Gefängnishaft, fulgtci-. Als er das Gefangiiis verließ, war inzwischen in Rußland die Vorlüge betreffs der Konfessionsfreiheit durch Dumabeschluß zum Gesetze geworden. Der frühere Pristaw machte als einer der ersten davon G-braue.i und meldete seinen Rücktritt zum Judentum an. Das konnte ihm freilich nicht mehr verwehrt werden, aber alor Ehren und Würden entiml>on und in Ermanglung aller Erwerbsmittel zog er mit seiner Familie nach Warschau zurück, wo er jetzt u.it seiner Familie n ch einem bewegten Leben in größter Not lebte. Die jüdischen Zeitungen in Warschau haben eine Sammlung für den Mann veranstaltet, die, wie man hört, ein befriedigendes Ergebnis gezeitigt hat. Interieurs und Büros möbliert zeitgemäss vornehm preiswert 33 Merkur" Möbelfabrik und Architektur: VI. Bezirk, Mariahilferstrasse Nr. 31.

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