Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 25 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 25 unter Beihilfe eines zweiten Sicherheitswachniannes auf die "Wachstube eskortiert. Der Emigrant, der die „Israelitische Allianz" um Unterstützung angegangen hatte, wurde, wie man mir mitteilt, nach Bußland abgeschoben . . . Bertoldi. Die Regulierung der Auswanderung und die Wiener „Allianz".*) Von der „Allianz" hört man zur Zeit wenig Erbauliches. Wien macht darin absolut keine Ausnahme. Der Emigrant wird in ganz Österreich in der schändlichsten Weise behandelt. In verschiedenen Berichten wird von Vereinigungen gesprochen, die sich zur Aufgabe gestellt haben, das Emigrationswesen zu überwachen. Unter diesen sind auch mehrere „Allianz-" Vertreter an verschiedenen Orten genannt. Sie stehen aber nur auf dem Papier, denn von ihrer Tätigkeit ist gar nichts zu bemerken. Sie sind also noch schlimmer als die Wiener „Wohltäter". Wenn diese letzteren auch den Emigranten sehr schlecht behandeln, so tun sie doch wenigstens etwas. Bekanntlich ist Österreich einwichtigesDurchg a n g s 1 a n d für die Emigration aus Groß-Eußland, Wolhynien, Podolien und Beßarabien. Es gibt gar keine andere Eoute als über Österreich. Sogar Besitzer von Schiffskarten, die gewöhnlieh aus ganz anderen Gegenden kommen, werden von den Schiffsgesellschaften, welche nicht im Syndikat sind, durch Österreich befördert, da ihnen der Transport durch Preußen verwehrt ist. Hier gibt es Kontrollstationen. Wie immer die Emigranten dort behandelt werden — man hat es mit einer öffentlichen Anstalt zu tun, und wenn irgend eine Klage zu führen ist, so weiß man wenigstens, wohin man sich um Hilfe zu wenden hat. Und sehr oft haben solche Eeklamationen auch einen Erfolg. Dann findet man auch auf jeder Kontrollstation Vertreter des „Hilfsverein", an die man sieh wenden kann, und die zum größten Teile auch ihre Sache ernst nehmen. In Österreich kommt aber der Emigrant vom Eegen in die Traufe, von den russischen „Schwarzern" (Schmugglern) zu den galizisehen „Wohltätern", jenem Eaubgesindel, das sich als Agenten, Vermittler, Emigrations- oder Expeditionsbureaux ausgibt, und unter dieser Fahne den Emigranten betrügen und ausplündern. Und gegen diese findet sich kein Kläger und kein Eichter — oder weil kein Eichter da ist, kein Kläger. Und diese Klägerrolle sollte die „Allianz" doch in allererster Linie zu übernehmen berufen sein; sie sollte diesem Gesindel energisch zu Leibe gehen! Oder hat sie es nur auf die paar Kronen abgesehen, die sie vom Emigranten bekommt?! Unsere sogenannten „Eegulierer"**) kennen, wie schon gesagt, die ganzen Mißstände und lassen es dabei bewenden. Was sind ihnen Emigranten? Um dieser Leute willen werden sie sich doch nicht mit aller Welt verfeinden! Sie „regulieren" in Eußland; der „Hilfsverein" in Deutschland und die „Allianz" in Österreich. . . . Ausländische Gesinnungsgenossen können da leider keinen Eat schaffen, denn ihnen fehlt die Kenntnis der Verhältnisse, um unsere Bedürfnisse, Forderungen, Proteste und Vorschläge richtig würdigen zu können. Umsomehr sollten unsere einheimischen, russischen „Eegulierer" für eine Besserung der Verhältnisse sorgen. So könnten zum Beispiel eigene Emigrantenbureaux mit eigenen Agenten in den wichtigsten Auswanderungsstationen Österreichs, wie Brody, Woloczysk, Krakau usw. errichtet werden. Das sollen aber absolut keine „Wohltätigkeitsanstalten" sein, sondern kommerzielle Unternehmungen, die gewiß auf ihre Spesen kommen werden, wenn man berechnet, was die „Allianz" bei dem Emigrationsgeschäfte „verdient". Auf diese Weise würde auch den schwindelhaften Agenten das Handwerk gelegt werden, denen der „Hilfsverein", der an der preußischen Grenze eine viel regere Tätigkeit als die „Allianz" in ihrem Gebiete entwickelt, scharf auf die Finger sieht. In Österreich ist noch Vieles nachzuholen, ja es fehlt noch am Aller nötigsten..... H. Tschemerinski. POLITISCHE RUNDSCH/W. Die Chelmer Frage und die Selbstverwaltung von Kongress-Polen. Zwei Gesetzesvorlagen, die letzt in der Duma den Gegenstand heftiger Parteikämpfe bilden, lassen den russischen Absolutismus und den Antisemitismus der Polen in grellstem Lichte erscheinen. Es war ein Macchiavellscher Trick der russischen Eegierung, daß sie beide Vorlagen zusammen in der Duma zur Debatte stellte. Sie wollte beweisen, daß die Polen, die beim Projekt der Loslösung Chelms von Eussisch-Polen über Entrechtung und Unterdrückung jammern, in der Selbstverwaltungsfrage von Kongreß-Polen selbst skruppellos die Juden vergewaltigen. Das ist der Eegierung gelungen. Die Polen haben bewiesen, daß sie unwürdig sind des Mitleides Europas und der "zivilisierten Völker, und wenn sie unterdrückt und geknebelt werden, ihnen nur mit gleicher Münze heimgezahlt wird, was sie noch Schwächeren (den Juden) antun. Ein Kadet rief dem Polenklub zu: „Ihr seid so lange unterdrückt worden, bis ihr jede Empfindung für Eecht und Gerechtigkeit verloren habt!" Die Städte in Kongreß-Polen sind zu 40 Prozent durch Juden bewohnt. Ueber 70 Städtchen haben eine jüdische Mehrheit. Die Polen haben daher Angst, daß die Juden in einem oder anderen Gemeinderat die Majorität, ja sogar das Bürgermeisteramt erobern könnten. Sie haben nun bei der Eegierung folgende Bestimmungen durchgesetzt: Ein Jude darf weder Bürgermeister, noch Vizebürgermeister, noch Schriftführer sein; die Juden erhalten in Städten, wo sie unter 50 Prozent der Einwohner zählen, 10 Prozent, und wo sie die Majorität haben, 20 Prozent der Mandate. Warschau zum Beispiel zählt 600.000 Einwohner, davon 200.000 Juden; von den 160 Mandaten werden die Juden 16 erhalten . . . Die antisemitische Erklärung des Poleiiklubs in der Duma. *) Auch dieser Artikel ist auszagsweise dem „Fraind" entnommen. Die Redaktion. **)' Man versteht in Rußland darunter die Organisatoren der jüdischen Emigrationsbewegung. Die Redaktion. Dei Polenklub hat unter antisemitischer Flagge für die Vergewaltigung der Juden Stimmung gemacht. Er hat eine Erklärung abgegeben, die selbst die extremsten russischen Antisemiten überraschte. Der Polenklub stellte sich, wie Abgeordneter Friedmann meinte, hinter den Eüeken Puryschkiewitsch'. Die in der Sitzung der Duma abgegebene Erklärung lautete: „Im Namen des Polenklubs habe ich die Ehre, folgendes zu erklären: Zu Beginn der Debatte haben wir bereits die Gründe angegeben, weshalb wir das Projekt in der vom Ausschuß festgestellten Fassung annehmen . . . Wir anerkennen, daß die Einführung der Selbstverwaltung