Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1911-12-15 · Heft 25 (15.12.1911) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 25 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425829-2425855--2222-2428638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 „Neue National-Zeitung" Seite 3 wird stutzig, wenn man hört, daßviele Emigranten am selben Tag, da sie ankommen, gleich wieder weiterfahren. Daß deren hiesiger Aufenthalt also keine 7 Kronen kostet, ist doch sonnenklar ... Und wenn die „Allianz". auch große Werke der Wohltätigkeit, mit diesen 7 Kronen ausführen würde, so müssen wirsie doch ganz energisch fragen, woher sie die Berechtigung nimmt, a r m e n L e u t e n das Geld wegzunehmen, um es für ihre Vereinszwecke zu verwenden? ... Ein zweites Faktum: Es kommt ein junger Mann aus Szwanee mit einer Empfehlung des dortigen Bureaus in Wien an. Seine Reise hat er bezahlt und außerdem noch die oben erwähnten drei Euhel. Er hätte in der Tat am gleichen Tage weiterfahren können, . . . aber ohne einen Heller in der Tasche zu haben, ist die Fahrt ja unheimlich. Er verlangt also bei der „Allianz" die überschüssigen drei Rubel, wird aber abgewiesen. Ein Landsmann legt sich für ihn ins Mittel. Der kam aber bei dem Sekretär der „Allianz", Dr. Kantinka, schön an! Dieser schrie den betreffenden Herrn an: „Was mischen Sie sich in die Sachen der „Allianz"? Wie kommen Sie dazu?" usw. Als der also Angeschrieene, der übrigens Beamter in einem Reisebureau ist und die Verhältnisse genau kennt, erwiderte, er könne kein Unrecht mit ansehen, da schrie der Allianzdoktor in größter Aufregung, er verbiete ihm den Eintritt in das Lokal . . . Die drei Rubel hat aber der junge Mann doch bekommen . . . Ein Beweis dafür, daß sich der Herr Sekretär nach der Aufregung etwas besonnen zu haben scheint . . . Die ,,Allianz" als Wechselstube. Jetzt noch einige Worte über die „Umrechnungskunst", die von der „Allianz" beim Wechseln von Rubeln in Kronen an den Tag gelegt wird. Die Bureaux der JCA in Rußland schicken an die Wiener „Allianz" bekanntlieh Geld in.russischer Währung. Und was bemerken wir da bei der Umrechnung in Kronen? Die Allianz berechnet den Rubel — wahrscheinlich weil es eine runde Zahl ist und es sich damit besser rechnen läßt — mit 2 K 50 h, während der Kurs doch 2 K 53 h bis 2 K 54 h steht. Das will bei größeren Summen schon etwas heißen. Ferner: Die Reise von Basel nach Argentinien kostet 128 Kronen. Der Emigrant zahlt für die Reise Wien- Argentinien 148 Kronen, sodaß die „Allianz" 20 K für die Reise Wien-Basel berechnet. Also wieder eine runde Zahl. Sie selbst zahlt aber an die hiesigen Reisebureaux netto 19 K . . . Wir fragen daher: Wohin kommt die eine Krone des Emigranten, der jeden Heller bitter nötig hat?? Bei der Menge der Emigranten summiert sich da innerhalb eines Jahres ein erklecklicher Betrag. Umso verwunderlicher ist es, welche schwere Hand die „Allianz" hat, wenn es sich darum handelt, mit einigen Kronen einen Emigranten zu unterstützen, den betrügerische Agenten ausgeplündert und seiner Sachen beraubt haben. Zum Schluß möchte ich an die beteiligten Faktoren einige Fragen stellen. Die erste an die russischen Bureaux des JCA, welche die russischen Emigranten an die Wiener Allianz" schicken: „Wissen die russische/Bureaux JCA, die es eigentlich schon wissen müßten, daß die Wiener . „Allianz" an der jüdischen Emigration P r o f i tgeschäfte macht? Warum fordern sie dann nicht eine sorgfältige und gewissenhafte Behandlung der jüdischen Emigranten, warum setzen sie nicht ein Minimum des ihnen zu gewährenden Schutzes fest? Warum wird kein Angestellter der „Allianz" . zur. Uehernahme der Emigranten an den. Bahnhöf geschickt? Warum wird nicht für eine kostenlose Unterkunft der Emigranten, eventuell in einem zu; diesem Zwecke gegründeten H e i m gesorgt? Warum wird die Weiterbeförderung oft ohne Grund maßlös verzögert? - An die „Allianz" selbst-'hätten wir nur die eine Frage zn stellen: „Warum behanlelt die „Allianz" Emigranten, welche zu ihr kommen, und die bereits ihre Reisekosten seil) st bezahlt haben, in so schändlicher Weise, ja noch schlimmer als Bettler?" Das muß anders werden! Bertold}. * * * Der Leibwachmann der „Israelitischen Allianz«.*) Es klingt übertrieben, phantastisch, wie eine Legende, es ist aber doch traurige Wahrheit. Die Pierren ..Wohltäter" von der „Allianz" haben eine Heidenangst vor den armen Leuten, die zu ihnen kommen, um ihren Schutz zu erbitten . . . Das Bureau des Herrn Vorstehers ist sorgfältig von einem k. k. Sicherheitswachmanne bewacht, welcher strenge die Ordnung und die Disziplin im Vorsaale aufrecht zu erhalten hat. Mann für Mann, Weib für Weib werden einzeln dem Herrn Vorsteher vorgeführt und nachdem sie erledigt sind, einzeln vom Wachmanne übernommen. Die Behandlung derselben geschieht nun nach einem dreifachen Maßstabe: Sie werden entweder hinausg e f ü h r t oder hinausg e w o r f e n oder gar — arretiert. So geschieht es in der „Wohltätigkeitsanstalt", genannt „Israelitische Allianz zu Wien". Für die Wirtschaft der Allianz ist folgender Vorfall, welcher sich vor einiger Zeit ereignet hat, sehr charakteristisch. Da bewegte sich durch die Wiener Straßen eine typische Figur aus dem Osten, ein alter russischer Jude mit einem Kinde auf dem Arm. Derselbe traf auf seiner Durchreise nach Amerika mit Frau und zwei Kindern in Wien ein. Er war bereits im Besitze bezahlter Schiffskarten; auch die Reise von Wien bis zum Hafen hatte er bereits bezahlt. In Wien aber ist der alte Mann plötzlich augenleidend geworden und mußte zurückbleiben, um sich zu heilen. Sein Unglück war umso größer, als sein Weib mit einem Kinde davonlief, um allein die Reise nach Amerika anzutreten. Er selbst konnte jedoch nicht nachreisen, weil er behufs Heilung seines Augenleidens noch mindestens eine Woche in Wien bleiben mußte. Allein zu diesem siebentägigen Aufenthalte in Wien fehlten ihm die Mittel. Nachdem er nun zwei Tage und zwei Nächte obdachlos und hungernd mit seinem Kleinen auf dem Arme in den Straßen zugebracht hatte, entschloß er sich endlich, die Hilfe der „Allianz" in Anspruch zu nehmen. Da kam er aber gut an. Dort trug man ihm nach, daß seine Frau eine ihr anvertraute Nähmaschine nicht zurückgestellt habe und verweigerte ihm brüsk jede Unterstützung. Hierauf erklärte der alte Mann in seiner Verzweiflung, er werde sich in die Donau werfen. Der humane Vorsteher war gerührt. Er ließ sofort den Sicherheitswachmann holen. Offenbar um den Selbstmord zu verhüten, übergab er den Mann der Ohhut der Polizei. Der alte Mann aber konnte den humanen Zweck dieser Maßregel nicht einsehen, sträubte sich gegen die Wegführung, wobei dem Leibwachmanne der Allianz zwei Metallknöpfe vom Mantel abgerissen wurden. Damit war das Schicksal des Emigranten besiegelt und der Zweck der Allianz war erreicht. Der Mann war versorgt. Er wurde *) Dieser Artikel ist dem „Fraind" entnommen. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.