Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 25 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 25 Dr. Stern versprach eine sofortige Untersuchung; bis heute ist das Resultat derselben der Oeffentlichkeit noch immer unbekannt geblieben. Wie wir erfahrein, wird die Indolenz der „Allianz" auf dem Gebiete der Emigrationsfrage damit bemäntelt, daß die Herren Vorsteher, die — bekanntlich sehr reichlichen — Mittel der „Allianz" nicht mit neuen Ausgaben belasten ,zu können erklären. Sie; verlangen daher einen größeren Beitrag von der Pariser JCA. Für jeden Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß diese Behauptung nichts anderes als eine Ausflucht ist. Wenn die ganze Sache nur eine Geldfrage wäre, so müßten die Herren selbst in der Lag© sein, die notwendigen Fonds aufzubringen. Ihr einziges Verdienst ist ja doch nur, daß sie Geld haben, sonst sind siei ja nichts. Sie haben ja gar kein Verständnis für die sozialen Vorgänge im modernen Judentum und für das Wesen einer jüdischen Emigrationspolitik. Man weiß ja nicht mehr, soll man es als kindisch oder senil ansehen, wenn einige dieser Herren anläßlich der Einberufung eines Komitees zur Vorbereitung eines Emigrationskongresses nach Wien ihre ablehnende Haltung damit begründeten, daß man dadurch die Emigration ermuntere . . . Hätten sie1 doch lieber gesagt, daß sie in Ruhe und Behaglichkeit ihre Ehrenämter genießen wollen! Leider scheinen die russischen Emigrationsbureaux der JCA die Verhältnisse der Wiener „Allianz" sehr wenig zu kennen, sonst würden sie ihre Schützlinge nicht der Obhut der Wiener „Allianz" überlassen. Wie diese „Obhut" beschaffen ist, die so weit geht, daß sich die „Allianz" sogar auf Kosten der Emigranten bereichert, darüber erzählen uns die jüdischen Blätter Rußlands merkwürdige Geschichten, Wir erfüllen unsere publizistische Pflicht, wenn wir die markantesten, namentlich gezeichneten Tatsachen, welche schwere Angriffe gegen die Wiener „Allianz" beinhalten, hier in deutscher Uebersetzung veröffentlichen. Man wird nach der Lektüre derselben sich jedenfalls die Frage auferlegen müssen, ob denn die Israelitische „Allianz" der Wiener Judenschaft noch zur Ehre gereiche. L. * * * Die Wiener „Allianz".*) Die Herren der „Allianz" werden nicht müde, ihre Tätigkeit zu rühmen. Und da dür'en wir es auch an deren entsprechenden Würdigung vor der Oeffentlichkeit nicht ermangeln lassen. Vielleicht wird sich alsdann doch jenes schläfrige Geschöpf, das man „die jüdische öffentliche Meinung" nennt, endlich aufwecken lassen, vielleicht wird man doch die ,.großen Werke unserer Wohltäter" unter einer etwas schärfer eingestellten Lupe untersuchen . . . . Schon oft wurde an dieser Stelle erzählt, wie furchtsame Wohltäter die Herren von der Wiener Allianz sind. *) Diesen Artikel entnehmen wir dem Warschauer jiddischen Tagblatte „Der Fraind". Sein Verfasser, Herr Bertold!, ist. ein sehr ernster, in Wien wohnender Schriftsteller, dessen Spezialgebiet die jüdische Emigration bildet und der bereits sowohl in der „Neuen Jfational-Zeitung" als auch in der „Oesterreichischeh Wochenschrift" wiederholt geschrieben hat. Die Redaktion. Sie gerieren sich oft, wenn es sicli um schnelle Hilfe handelt, als Hüter der „heiligen Bibel", als fromme Juden, die auf jeden Fall den Sabbath und auch weniger bedeutende Feiertage streng halten müssen. Die Not und die Tränen eines Emigranten können sie absolut nicht rühren. Der Emigrant soll nur ruhig warten — es ist Sabbath und dieser muß streng gehalten werden. An einem solchen Tage darf kein profaner Fuß die heilige Schwelle der Allianz - überschreiten] Man wird sich doch nicht den Festtag durch einen Emigranten stören lassen .... Davon weiß eine geplagte Auswandererin etwas zu. erzählen ... Kommt da am Vorabend des Laubhüttenfestes eine ■Frau, Marianne Gernik, mit vier' Kindern in Wien an. Am Bahnhof ist natürlich — wie immer — kein Mensch von. der „Allianz" anwesend. Die Arme wartet und wartet, denn man hatte ihr in Rußland gesagt, daß sie bei ihrer Ankunft jemand von der Allianz abholen werde. Endlich wird auch sie des Wartens müde und fährt mit einem Einspänner zur „Allianz", da sie sich ja in Wien nicht auskennt und auf öine andere. Weise nicht hinkommen kann. Drei Kronen muß sie hiefür zahlen, was bei ihrer geringen Eeisebarschaft ein grosses Opfer bedeutet. Doch es war umsonst gebracht, denn in der „Allianz" ist wieder einmal Feiertag. Man ruht sich aus und freut sieh dort des Feiertages. Man kümmert sich also überhaupt nicht um die Weiterbeförderung der Frau und ihrer Kinder, obwohl sie nicht einmal um eine Unterstützung bittet, denn sie hatdas Eeisegeld in Eußland bezahlt ... Sie soll nur warten. So lassen, sich die hohen Herren drei Tage Zeit.*) Diese drei Tage muß sie doch auch irgendwo wohnen. Das kostet wieder 17 Kronen. Am vierten Tage kann die Frau glücklieh aus der gesegneten Wienerstadt abreisen. Der „Allianz" hat sie es zu verdanken, daß ihr von ihrem Eeisegeld noch drei Kronen zurückgeblieben sind .... Groß ist die Wohltätigkeit der „Wiener Allianz", die in ihrer grossen Frömmigkeit den Sabbath und Feiertag so hoch hält und, nicht mit sich selbst zufrieden, scheint sie diese auch auf andere Komitees übertragen zu wollen. So hat sie mit dem Baseler Emigrations-Bureau eine. Abmachung getroffen, daß am Samstag keine Emigranten auf die Weiterreise geschickt werden sollen. Dann kann es vorkommen, daß ein Emigrant, der Mittwoch abends in Wien ankommt, eventuell bis Samstag abends hier auf die Fortsetzung seiner Eeise warten muß ... So erstarkt die jüdische Frömmigkeit auf Kosten der Emigranten. Man nimmt es noch in Kauf, wenn die „Allianz" den Sabbath heiligt .... aber deswegen den Emigranten drei Tagewarten lassen? ... Wie die „Allianz" arme Leute ums Geld bringt. Es sollen hier einige Daten über die Geschäftsführung der Allianz dem Publikum unterbreitet werden: Der Fahrpreis von Wien nach Argentinien betragt- 58 Eubel 50 Kopeken. Die russischen Emigranten zahlen jedoch dem russischen Komitee 61 Eubel 50 Kopeken,. welche an die „Allianz" überwiesen werden. Diese drei Eubel zahlt der Emigrant zu dem Zwecke, um nicht die „Allianz" später umsonst belästigen zu. müssen. Jeder vernünftige Mensch fragt sich aber: „Was geschieht mitdiesen überschüssigen drei Eubeln — das sind 7 Kronen 62 Heller? Zahlt es die „Allianz" den Emigranten zurück? Gibt die „Allianz" den Emigranten was dafür? . . . Man; *) Notabene sind alle diese Herren in ihren eigenen Berufen am Samstag werktätig. Die Redaktion.