Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 25 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425855--2220-2428636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NQUE XHL JAHRGANG. WIEN, 15. DEZEMBER 1911. Nr. 25. Die Misstände in der Wiener „Israelitischen Allianz44. Zu wiederholten Malen haben wir in diesem Blatte darauf hingewiesen, daß die „Israelitische Allianz ' zu Wi=n in ihrer heutigen Zusammensetzung den hohen Zwecken, die ihr durch die Statuten und durch die Tradition gewiesen werden, nicht gerecht wird. Sowohl ihr Präsident, David v. Gutmann, als auch die leitenden Vorstandsmitglieder Doktor K a t z a u, Dr. Arthur Kuranda usw. gehören jenen gewissen Wiener Kreisen an, welche vom Wahne befangen sind, daß ihnen alle jüdischen Ehrenämter gebühren, wiewohl sie in Ermangelung von nötigen Lebenserfahrungen und losgelöst von allen Beziehungen zu den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu jeder sozialen Hilfstätigkeit einfach unfähig sind. Während wir nun lesen, daß ähnliche Vereine in Deutschland, England und Amerika den Kreis ihrer Tätigkeit immer mehr erweitern, sehen wir, daß in Wien eine Koteriewirtschaft petrifiziert wird, welche ihre persönliche Eitelkeit höher stellt als das Wohl der Allgemeinheit und als ihre Pflichten gegenüber der von ihr geleiteten, für allgemeine Zwecke' bestimmten Organisation. Und so zeigt sich die totale Unfähigkeit der Wiener „Allianz" geradezu am krassesten an ihrer Stellungnahme gegenüber der E m i g r ä t i o n sfrage. In allen Staaten, wo die jüdische Massenemigration überhand nimmt oder auch nur durchzieht, haben die jüdischen Hilfsorganisationen in den Auswanderungszentren und an den Grenzstationen Bureaux errichtet, welche den Emigranten mit Rat und Tat auf ihrem schweren Wege zu helfen bemüht sind. Wir haben bereits wiederholt darauf hingewiesen, was beispielsweise nach dieser Richtung der „Hilfsverein der Deutschen Juden" in Berlin leistet. Nur die Wiener „Allianz" sieht nichts, weiß nichts. Tausende Juden wandern jährlich aus Galizien aus, tausende russische Juden werden an dein österreichischen Grenzstationen, ja selbst in Wien, von betrügerischen Agenten ausgeraubt. Die satten Herren von der „Allianz" wollen nichts sehen und nichts hören. Auf der vorjährigen Emigrationskonferenz in Libau (28. September) wurde unter deutlichem Hinweis auf die Wiener „Allianz" der Wunsch ausgedrückt, „daß die österreichischen Juden mehr als bisher auf dem Gebiete des Schutzes der Emigranten, die durch Oesterreich fahren, leisten sollen und daß in allen wichtigen Grenzstationen arbeitsfähige Komitees gegründet werden." Seitdem ist ein Jahr verstrichen, die „Allianz" kümmert sich um diesen Beschluß gar nicht. Am 19. November vorigen Jahres hat der gewesene Abgeordnete Dr. Mahler in einer öffentlichen Kultuswählerversammlung an den Präsidenten der Kultusgemeinde und Vizepräsidenten der Allianz, Dr. Alfred Stern, folgende Anfrage gerichtet: „Heute nachmittags erschien bei mir eine russische Jüdin, die nach langen Irrfahrten mit ihrem Manne in Wien einlangte und um Hilfe bat. Sie war bereits in der „Allianz" und dort wurde ihr gesagt, ihr Mann soll auf Schub gehen, und die Frausolle sich drei Stricke kaufen und aufhängen. Dies wurde mir berichtet, und da diese Be<- handlung der russischen Juden durch die Allianz nicht zum erstenmal e vorkommt, so frage ich Herrn Dr. Stern, als Präsidenten der Gemeinde und Vizepräsidenten der „Al- 1 i a n z", ob er geneigt sei, der Sache nachzugehen, die Schuldigen zu bestrafen und dafür zu sorgen, daß in dieser jüdischen Institution auch ein jüdischer Geist herrsche."