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Neue Nationalzeitung · 1911-12-01 · Heft 24 (1.12.1911) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 24 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Wien. Der älteste humanitäre Verein des XX. Bezirkes, „ Freundschaf tsbund", dessen Hauptbestreben die Bekleidung armer Schulkinder ohne Unterschied der Konfession ist, wird am 3. Dezember d. J. wieder 80 Kinder vollständig equipieren und am Abend desselben Tages im Saale des „Bayerischen Hofes" wie alljährlich eine Matinee veranstalten. Der Obmann, Herr Max Steiner, und die ihm zur Seite stehenden Herren S. Schlesinger, Herrmann Dickstein und Hugo Schönberger sind um den Fortbestand und das Gedeihen des Vereines besonders bemüht. Auch gebührt großer Dank den Damen Frau P o r g e s und Fr. Steiner, da sie durch ihren besonderen Sammelfleiß auch heuer dem Vereine einen Betrag von 800 K zuführen konnten. Lemberg. Der von der Organisation für hebräische Sprache und Kultur und vom Hebräischen Schulverband in Oalizien veranstaltete Hebräer ta g findet in Lemberg am 19-. und 20. d. M. statt. Es sind ai. a. folgende Referate angemeldet: Die hebräische Kurtur in Galizien und der Bukowina in den letzten Jahrzehnten. Die hebräische Volkserhebung. Der heutige Stand der hebräischen Schulen. $|U$ ftllSN W£lTOilSN Oberkantor Josef Singer, der durch einige Dezennien am Seitenstettentempel in Wien tätig gewesen "war, ist am 23. November im Alter von 70 Jahren verschieden. Der Bücktritt vom Amte, der vor einem Jahre erfolgt ist, war ihm nicht leicht; er hat ihn nicht mehr lange überlebt. Der Verstorbene war vom bescheidenen, doch selbstbewußten "Wesen und stand daher in den letzten Jahren mit dem Präsidenten der Gemeinde auf sehr gespannten Fuße; er besuchte oft unsere Eedaktion, um sein Leid zu klagen. Erst infolge Verheiratung seiner Tochter an den Neffen des Präsidenten Dr. Stern wurden die gegenseitigen Beziehungen erträglich. Oberkantor Singer Avar auch ein sehr geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes und stand als Musikgelehrter in hohem Ansehen. Das Leichenbegängnis fand unter großer Beteiligung statt. GipSStrasse 12 a. Dieses Berliner Haus, in dem E ab bin er Israel Hildesheimer Jahrzehnte lebte und lehrte, kennt doch jedermann, der in der neuesten Geschichte des Judentums bewandert ist, wenigstens dem Namen nach. Es war das Zentrum der streng religiösen Judenschaft von Berlin. Es wird jetzt demoliert. Ein Mitarbeiter des Frankfurter „Israelit" widmet ihm einen rührenden Nekrolog, er schildert die Greschichte einer „jüdischen Straße" in Berlin: Ein altes ehrwürdiges und denkwürdiges Haus wird nun bald der Spitzhacke zum Opfer fallen. Das Haus in der Gipsstraße! . . . Wieviel Erinnerungen knüpfen sich für so viele an dieses Haus. Wieviel Weisheit und Gotteserkenntnis wurde unter diesem Dache gepredigt, gelehrt und ging von hier weit in alle Welt hinaus! Die ehrwürdige Stätte, wo unser unvergeßlicher Esriel Hildesheimer gelebt und gewirkt hat, ach bald wird sie nur noch in unserer Erinnerung leben, und da wird sie ewig fortleben. Das Haus Gipsstraße 12 a, im Norden der Stadt gelegen, hat herrliche Tage gesehen. Stolz und stattlich war die Synagoge, weihevoll und erhebend ihr Gottesdienst. Und dann das Eabbinerseminar. Stille, schlichte Eäume, so recht geeignet zum Studium. Aber alles, was Menschenhand geschaffen, wird alt und morsch und der Mensch selbst sehnt sich nach Veränderung. Aber dann war es auch der Wunsch, immer herrlicher Gottes Tempel zu gestalten. Ein hochherziger Gönner fand sich, und im Herbst 1904 konnte die Adaß-Jißroel-Gemeinde und das Eabbinerseminar in der Artilleriestraße weit herrlichere Eäume beziehen. Das Haus in der Gipsstraße wurde verkauft. Aber als ob es tief in sich „Jüdischkeit" aufgenommen, und sie nicht lassen könnte, war es. In die oberen Eäumlichkeiten zog ein jüdisches Eestaurant ein. Im zweiten Stock hatte zuerst ein jüdischer Studentonverein und später bis heute der „Montefiore-Lernverein" seine Vereinsräume. Im Erdgeschoß wurden Läden ausgebaut. Selbst da wahrte man die „Jüdischkeit". Den einen der Läden nahm ein am Sabbath geschlossenes Kolonialwarengeschäft ein, während in dem andern eine koschere Bäckerei sich einrichtete. Und last nos least im dritten tat sich eine hebräische Buchhandlung auf, die aber nach einiger Zeit bereits wieder ihre Pforten schloß. Die Synagoge seihst übernahm zuerst eine Privatgemeinde. Vor einigen Jahren jedoch wurde die Toynbeehalle der Berliner Loge U. O. B. B. dorthin verlegt. So bewahrte sich dieses Haus einen leisen, kleinen Schimmer vom. Abglanz einstiger Größe. Jetzt sind seine Tage gezählt. Am 1. Jänner 1912 soll das Haus geräumt werden. Die Gipsstraße ist eine der interessantesten Straßen Berlins. Man kann fast sagen: man kann das „jüdische" Leben führen, ohne je diese Straße zu verlassen. Denn alles, was man zu einem jüdischen Leben braucht, findet man hier. Einen jüdischen Kindergarten und Kinderhort, eine Eeligionsschule, einen Fortbildungsverein, die Toynbeehalle und das wichtigste, eine Synagoge (in der früheren Baehurimsynagoge wird noch jetzt täglich gebetet). Tn dieser Straße gibt es eine koschere Fleischhandlnng, eine Bäckerei. Ein Kolonialwarengeschäft, eine Eierhandlung, ein Zigarrengeschäft, die den Schabbos achten. Hier wohnen Eabbiner und Lehrer usw. So stellt sich uns heute die Gipsstraße dar. Wahrhaftig eine „jüdische" Straße. Aber wäre sie das je geworden, wenn nicht Esriel Hildesheimer hier sich niedergelassen, von hier das Thorawort verkündet? Das Rathans von Alexandrien am Versöhnungstage geschlossen. Der Magistrat von Alexandrien hat beschlossen, von nun an das Eathaus am jüdischen Versöhnungstag geschlossen zu halten. Der Beschluß gelangte am jüngsten Jom-Kippur bereits zur Ausführung, was unter der jüdischen Bevölkerung große Befriedigung hervorrief. Atfch die Börse von Alexandrien war am Jom- Kippur geschlossen. Der neue Chachambaschi von Jerusalem Soeben ist das Kaiserliche Berat erschienen, durch das die Wahl des ehemaligen Großrabbiners von Ehodus, Eabbi Mose Franco, zum Chachambaschi von Jerusalem bestätigt wurde. Man gibt sich vielfach der Hoffnung hin, daß der neue Großrabbiner die bestehenden Zwistigkeiten innerhalb der jerusalemitischen Gemeinde beseitigen wird. Advokaten gegen die Taufseuche. Die in der letzten Zeit in Kreisen des Advokatenstandes in Eußland überaus häufig gewordenen Uehertritte zum Christentum aus Gründen der Karriere veranlaßten eine Gruppe Odessaer jüdischer Advokatursgehilfen (dies ist gewöhnlich der Charakter der in der Advokatur tätigen Juden, die das Justizministerium wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nic-ht für würdig hält, zu „Eechtsanwälten" befördert zu werden) in der am 18. Oktober stattgefundenen Generalversammlung ihrer Organisation an das leitende Komitee folgende Interpellation zu richten: „Hat das Komitee Kenntnis davon, daß in letzter Zeit häufig Advokatursgehilfen jüdischen Bekentnisses aus Gründen der Karriere zum Christentum übergetreten sind; daß die unlängst stattgehabte Weigerung des Zentralausschusses der

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