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Neue Nationalzeitung · 1911-12-01 · Heft 24 (1.12.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 24 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 „Neue National-Zeitung" Seite 3 POLITISCHE RUNDSCHAU. Der neugewählte Vizepräsident der Wiener Advokatenkammer, Herr Dr. Julius Pfeiffer, ist Christ. Durch seine Wahl ist das Präsidium der Wiener Advokatenkammer, bestehend aus einem Präsidenten und zwei Vizepräsidenten nunmehr ganz christlich. Bisher war es anders. Da war es durch Jahrzehnte Tradition, daß in einer Kammer, deren Majorität Juden bilden, wenigstens eine Yizepräsidentenstelle den Juden reserviert bleibe. Es wäre auch jetzt, nach dem Tode des Dr. Stroß, dabei geblieben. Allein um die Stelle bewarb sich ein Getaufter. Um ihn scharten sich alle jene Renegaten, deren Anzahl im Wiener Barreau geradezu beängstigend zunimmt. Für die Juden war es eine Gewissens- und Ehrenpflicht, ihn nicht zu unterstützen. Und er fiel auch durch. Die Juden blieben in der überwiegenden Anzahl zu Hause und ein von christlicher Seite aufgestellter Kandidat, der sonst keine Chancen hätte, wurde gewählt. Einen eigenen Kandidaten aufzustellen, brachten die Juden nicht zuwege, dazu fehlte ihnen die Energie und Organisation. In anderen Kammern, wo die Juden in der Mehrheit sind, haben sie ihren Präsidenten (Lemberg und Czernowitz) oder Vizepräsidenten (Krakau); in Wien, wo sie zerfahren sind und kein Selbstbewußtsein haben, müssen sie zufrieden sein, daß Christen gewählt werden, damit kein Täufling ihre Eepräsentantenstelle bekleidet. Ein trauriges Wahrzeichen, wie tief das politische Niveau der Wiener Juden gesunken ist. Die Parlamentswahlen in Galizien. In Drohobycz wurde der „Hausjude" Dr. Nathan von Löwenstein neuerlich gewählt. Seine Gegenkandidaten, ein Sozialdemokrat und ein jüdischer Assimilant, den auch die Zionisten unterstützten, erhielten unansehnliche Minoritäten. Löwenstein wird das Mandat annehmen und die verwaisten „Hausjuden" des Polenklubs bekommen wieder einen Führer. Seine bisherige Tätigkeit bildet für uns eine Garantie, daß er nach wie vor an seine Geschäfte und Ambitionen denken wird. An seine jüdischen Wähler sollen andere denken, er hat sie ja — bezahlt. Die Wahl des Heinrieh Reizes in Zloczow bildet eine Ueberraschung. Ein politischer Neuling hat im Kampf gegen den gewesenen Landsmann-Minister gesiegt und das ist in Galizien eine Seltenheit. Erfreulich ist es, daß dieses Mandat, welches bei den Hauptwahlen vom polnischen Zentralwahlkomitee als jüdisch proklamiert wurde, den Juden erhalten blieb. Eeizes ist der einzige Jude aus Galizien, der außerhalb eines jeden Klubverbandes bleibt. Die Gesamtzahl der Juden im Parlamente beträgt nun 14, wie zur Zeit der Auflösung des vorigen; im Polenklub dagegen sitzen nunmehr 7 Juden, statt der früheren 5. Der „Jüdische Klub" ist aufgerieben und die politischen Fluten schwemmen den Eeizes hinauf, der als „parteiloser Jude" kandidiert hat. Die galizischen Juden scheinen die zionistischen Politiker schon gründlich satt zu haben. 800 Rabbiner protestieren. Die unsinnige Blutlüge, die jetzt wieder in Rußland wie eine unverwüstliche Hydra ihr Haupt erhebt, hat 800 russische Eabbiner Den Wortlaut hier anzuführen wäre überflüssig. Seitdem das jüdische Volk im Golus lebt, haben es unsere Eabbiner und Wortführer tausendfach wiederholt: sie haben das Blutmärchen geleugnet und haben ihre Worte oft mit dem eigenen Blute besiegelt. Man hat es ihnen dennoch nicht glauben wollen. Eußland, wo Millionen Juden heute eine neue Aera raffiniertester Inquisition über sieh ergehen lassen müssen, ist umsomehr gegen solche Proteste abgestumpft. Dort nützt die Sprache der Proteste nichts mehr; die Juden müssen das Winseln endlich aufgeben und zu handeln anfangen. zu einer Protest-Erklärung veranlaßt Dr. S. R. Landau: Der Passkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und l^ussland.*) Der Handelsvertrag zwischen den Vereinigton Staaten von Nordamerika und Rußland wurde am 6. (18.) Dezember 1832 in Petersburg geschlossen. Ursprünglich für die Dauer von sechs Jahren bestimmt, wurde er im Sinne des Artikels XII automatisch für je ein weiteres Jahr verlängert und besteht daher in demselben Wortlaute noch heute. Von wesentlichster Bedeutung ist der Artikel II. In demselben wird mit knappen Worten eine Vereinbarung dahin fixiert, daß den Untertanen des einen der beiden Staaten das Recht zusteht, in den Städten, Handels- und Hafenplätzen des anderen zu reisen oder sich aufzuhalten oder zu wohnen, um ihren Geschäften nachzugehen. Wir finden aber keine Beschränkung oder Ausnahmen hinsichtlich der Konfessionen (wie sie beispielsweise der Handelsvertrag zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland vom Jahre 1860 in Artikel XIII bezüglich der Juden aufzuweisen hatte) — alle Untertanen der Vereinigten Staaten sind seitens der russischen Behörden in gleicher Weise zu behandeln. Dieser Handelsvertrag wird in der Praxis ganz eigenartig gehandhabt. Jüdischen Bürgern der Vereinigten Staaten wird trotz giltiger Pässe der Eintritt nach Rußland verwehrt. Selbst der nordamerikanische Botschafter in Konstantinopel, Oskar Strauß, mußte es sich vor einigen Jahren, als er eine Studienreise nach Rußland unternehmen wollte, gefallen lassen, daß ihm die russische Regierung ausnahmsweise die „Erlaubnis" erteilen wollte, drei Städte zu besuchen, worauf Strauß lieber auf die Reise verzichtete, Bekanntlich ist es dem englischen Postminister, Sir Herbert Samuel, vor kurzer Zeit ähnlich ergangen. Allein die Regierung von Washington rührte keinen Finger. Wer waren denn diese jüdischen Staatsbürger? Zumeist arme Emigranten aus Rußland und Deutschland. Sie waren gering an Zahl, ohne Ansehen und Einfluß, ohne politische und soziale Macht. Das wurde aber mit der Zeit anders. Die einstigen Emigranten sind zu Stellungen in der Diplomatie und in der Politik gelangt, sie sind durch ihre Anzahl zu einem in einzelnen Staaten (New- York) entscheidenden Faktor bei den Wahlen ge- *) Dieser Artikel ist in der „Wiener Sonn- und Montagszeitung' am 27. November d. J. erschienen. Er informiert sehr eingehend über die Vorgeschichte des Paßkonfliktes in Nordamerika und seine Bedeutung für Oesterreich- Ungarn. Wir werden selbstverständlich über das Fortschreiten der Aktion in den Vereinigten Staaten unsere Leser genau unterrichten. Den nächsten Schritt des Bürger-Komitees bildet ein großes Massen-Meeting, welches in New-York am 6. Dezember stattfinden wird. Es werden hier u. a. auch der Vize-Präsident der Vereinigten Staaten, Mr. Sherman, das Wort ergreifen. Die Redaktion.

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