Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 24 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Neue National-Zeitung" Nr. 24 Doch statt vieler Worte sei hier in kurzen Strichen ein erbaulicher Dialog skizziert, den ich vor mehr als einem Menschenalter mitanzuhören Gelegenheit hatte. Wertheimer, Kuranda und Korapert saßen eines Abends zusammen, jüdische Angelegenheiten besprechend. Die Reformierung des jüdischen Religionsunterrichtes war damals eine brennende Tagesfrage und sie kam auch hier zur Sprache. Kompert erwähnte der Massendeputationen von Gemeindemitgliedern, welche die EliminieruDg des Hebräischen aus der öffentlichen Religionsschule und die Vertiefung des Unterrichtes in der Religion forderten. In der Religionsschule, so werde allgemein verlangt, solle Religion und nur Religion und die Entwicklungsgeschichte des jüdischen Volkes vorgetragen werden j was aber das Hebräische anbelange, so müsse dafür, soweit die Bedürfnisse es erheischen, auf privatem Wege gesorgt werden. Hierauf entwickelte Kompert den Plan seiner Reformen. Wertheimer stimmte ihm vollinhaltlich zu. Kuranda jedoch empfahl um des Friedens willen Rücksichtnahme auf die Orthodoxie und auf den von Tag zu Tag zunehmenden Zufluß aus Galizien, Ungarn usw., der Kinder aus konfessionellen Schulen brachte, deren hebräisches Wissen genährt werden müsse. Und schließlich sei es doch von größter Wichtigkeit, die Jugend lür die Synagoge vorzubereiten, die ihr ohne alle Kenntnis der hebräischen Sprache verschlossen bliebe. Kompert war nicht das, was wir heute einen Redner nennen. Er sprach im allgemeinen nicht leicht und nicht flüssig. Doch hatte er Stunden, wo ihn der Redefluß förmlich überkam und aus unerschöpflichem Bronnen zu quellen schien. Erfüllte und begeisterte ihn eine Idee, so bewahrte er sie vorerst lange in sich, bis sie ihm die Brust zu sprengen drohte und das Gehege der Lippen durchbrach. Dann wirkte seine Rede faszinierend. So wars auch diesmal. Ich will und kann auch nur einige Momente dieser Rede, die damals geradezu erschütternd auf mich wirkte und deren Erinnerung mich noch heute ergreift, herausgreifen und sie zu Papier bringen versuchen. Er beschäftigte sich zunächst mit der modernen Orthodoxie, die er satyrisch beleuchtete, sie für kurzlebig erklärend, da sie nicht mehr, wie ehedem, aus einem religiösen Fanatismus, sondern aus einem quietistischen Bedürfnis ihre Nahrung ziehe. Ihr Grundsatz sei: Quieta non movere! Sie wandle vorgeschriebene, von den Ahnen breitgetretene Wege, die sich übrigens auch, wo sie im Leben hinderlich, umgehen ließen. Nur keine Bewegung! Das störe den Lebensgenuß. Man könne sie mit den Worten des ruhebedürftig gewordenen Cäsar charakterisieren: „Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, die des Nachts gut schlafen." Hagere, durchgeistigte, strebsame und selbständig denkende Menschen seien gefährlich; denn sie verließen versicherte breitgetretene Wege und wiesen auf neue, von denen man nicht wisse, wohin sie führen. Was aber den Hinweis auf den steten Zuzug vom Lande anbelange, so dürfe man sich nicht auf zwei Stühlen setzen wollen, sonst falle man mitten durch: Inmitten einer fluktuierenden Bevölkerung müsse die Religionsschule der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht sein. Sie müsse Religion und nur Religion lehren, diese werde alle nivellieren, zumal sie ein gleiches Bedürfnis für alle sei. In den zwei Wochenstunden, die dem Religionsunterricht zugemessen seien, könne unmöglich dieser nur irgendwie mit Erfolg erteilt und zugleich das Hebräische in dem Maße gelehrt werden, daß die Jugend in der Synagoge auch nur mechanisch das Hebräische mitlesen könne. Man quäle also nur ganz nutzlos die Schuljugend und vergälle ihr die Liebe zur Religion. „Ich weiß aber ein besseres und einfacheres Mittel", iuhr er fort, um die Jugend an die Synagoge zu fesseln. Was hat Mohammed getan, als der Berg auf seinen Befehl nicht zu ihm kommen wollte? Er sagte: „Kommt der Berg nicht zu mir, so gehe ich zu ihm". Kommt unsere Jugend nicht zur Synagoge, so komme die Synagoge zu unserer Jugend! Es ist heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit, unsere Schuljugend für die Forderungen der uralten Synagoge vorzubereiten; wohlan denn, so reformieren wir die Synagoge für die Jugend und passen wir sie ihr an. Die Reform, die unsere Ahnen vor 18t0 Jahren, als der Tempel von Jerusalem durch die Römer eingeäschert wurde, durch die Schöpfung der Synagoge ins Werk gesetzt hatten, war eine grundstürzende, ungleich radikaler, als jene wäre: die Synagoge unserer heranwachsenden Jugend anzupassen. Hatten jene das Recht, eine so grundstürzende Reform durchzuführen, warum sollen wir es nicht haben zu einer so harmlosen: die Synagoge, den Bedürfnissen unserer modernen Zeit entsprechend, für unsere Jugend umzugestalten? Und schließlich, sollen wir uns hartnäckig zu unserem schweren Schaden dem Zuge der Zeit widersetzen wollen? — Wißt Ihr, was vor etwa einem halben Jahrhundert der fromme Abbe Lammenais den Prälaten zurief? „Erinnert euch", sagte er, „daß nichts auf Erden von ewiger Dauer ist! Wenn eure Religion nicht mit dem Menschengeschlechte fortschreitet, wenn sie nicht Takt hält mit den Pulsschlägen des menschlichen Herzens, so muß sie rückwärts schreiten und zu Grunde gehen".-- ....... Die Rede, die ich hier nur sehr schwach und in matten Umrissen nachzeichnen konnte, übte auf die beiden Freunde einen starken Eindruck aus. Wertheimers Augen strahlten, Kuranda war tief nachdenklich geworden. Man schied bewegt mit warmen Händedrücken. Es war die Geburtsstunde des Jugendgottesdienstes, in welchem Jellinek sich neuerdings als Meister bewährte. * * * Seine große Begeisterung für die fortschreitende Entwicklung des Judentums hat Kompert, zum mindesten subjektiv arg gebüßt Das hat er mir eines Tags auf einem längeren Spaziergang in den Dornbacher Wäldern in einer elegischen Stimmung gestanden. Da klagte er mir, daß seine poetischen Produktionen allmählig der Vergessenheit anheim fallen, da die im Lichte der Freiheit und des Fortschrittes heranwachsende jüdische Jugend kein Verständnis mehr und daher auch kein Interesse für seine Ghettopoesie empfinde. Kompert erlebte gleichwohl noch die Genugtuung, daß ein namhafter Leipziger Verlag eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstaltete. F. Unsere P.T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.