Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 23 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 23 Ich sehe daher nicht ein, warum sich die amerikanischen Regierungen einer Bewegung gegenüber mißtrauisch verhalten sollten, die der chaotischen, anarchischen Einwanderung ein Ende zu bereiten und die Regulierung der Emigration mit geeigneten Mitteln, wie Emigrantenbank. Verträge mit Sehiffsgesellsehaften, statistische Bureaux und Arbeitsvermittlung durchzuführen beabsichtige. Und noch eines darf nicht vergessen werden: in Amerika existiert eine Judenfrage, nicht nur bezüglich der Juden, die erst ankommen, sondern bereits auch bezüglich derjenigen, die im Lande schon überflüssig sind, d. h., die keine Arbeitsmöglichkeiten finden. Schon lange wird diese Frage im amerikanischen Judentum diskutiert. Es gibt in Amerika auch eine Gesellschaft, die sich damit befaßt, Juden von den überfüllten Zentren nach Städten zu dirigieren, wo die Arbeitsinöglichkeiten besser sind. Die genannte Gesellschaft arbeitet ZAvar nicht schlecht; aber viel leisten kann sie natürlich nicht, denn die Regulierung der Emigration muß schon in den Auswanderungsländern einsetzen. Diese Gesellschaft setzt auch ihre Hoffnung auf den Emigrationskongreß und auf die von ihm zu schaffenden Organe. Diese Organe werden die Sache ganz anders anfassen, auch werden sie mehr Einfluß auf die emigrierenden Massen besitzen. Warum sollten sich die amerikanischen Regierungen weigern, sie in einer Angelegenheit zu unterstützen, welche sie selbst zu regeln nicht imstande sind? Ich zweifle nicht, daß die amerikanischen Regierungen, besonders aber die Regierung der Vereinigten Staaten, die an dieser Frage am meisten interessiert ist, sich dem Emigrationskongreß gegenüber nicht unfreundlich verhalten werden; jedenfalls werden sie, da es sich doch bei ihnen keineswegs um blinden Antisemitismus handelt, den Kongreß sicher nicht a priori verurteilen, sondern sie werden sich von der Tätigkeit des Emigrationskongresses vorerst überzeugen wollen. Werden sie sich nun überzeugt haben, daß man nicht nur nicht mehr Juden n eh Amerika dirigieren, sondern daß man sogar den Emigi ationsstrom nach anderen Ländern ablenken wolle, daß man also sowohl im Interesse der Juden als auch der Einwanderungsländer arbeite, dann werden sie gewiß den Kongreß mit Sympathien begrüßen; denn, wie gesagt, sie sind doch keine brutalen russischen Antisemiten und es bereitet ihnen sicherlich kein Vergnügen, brutale Mittel anzuwenden. Daher wird es ihnen sehr angenehm sein, wenn von Seiten der Juden selbst ein gütlicher Ausweg geschaffen wird. Auch wird es ihnen recht sein, zu wissen, mit wem sie endlich einmal über diese Frage verhandeln können und wer auf sieh die Verantwortung nehme. Die gewissen Gegner des Emigrationskongresses mögen sich dessen wohl bewußt sein, daß sie das durchaus nicht imstande sind, zu leisten, was eine stramme Volksorganisation zu leisten vermag. Das ist ja unser Unglück, daß wir sie in ihrem Trotz durch unsere Untätigkeit noch unterstützen. Das ist ja, daß wir keine wahre Volksvertretung besitzen. Wir haben nur Vormundschaften und deshalb behandelt man uns wie Kinder. Wenn wir wirkliche Repräsentanten hätten, möchte man uns auch ganz anders behandeln. Ich hoffe doch noch, daß der Emigratiorskongreß bald zustande kommen werde und ich verspreche mir auch viel von seiner Tätigkeit. DIE JÜDISCHE EMIQRflTION. .Jüdische Kolonisation in .Nicaragua. Laut einer Mitteilung in den New-Yorker jüdischen Blättern fordert die Regierung von Nicaragua die Juden Rußlands wie auch anderer Länder, wo sie verfolgt werden, auf, nach Nicaragua auszuwandern und sich dort als Landwirte niederzulassen. Diese Einladung erfolgt offiziell durch Herrn R. Sosman, den Generalkonsul dei zentralamerikanischen Republik in den Vereinigten Staaten, der selber ein russischer Jude ist und bei der letzten Revolution in Nicaragua eine hervorragende Rolle gespielt hat. Jedem jüdischen- Ansiedler werden 140 Morgen Land versprochen. Im Falle einer größeren jüdischen Ansiedlung würde die Regierung bereit sein, örtliche Autonomie zu gewähren. In einer Notiz wird ferner berichtet, es verläute, daß die nicaraguanische Regierung sich mit einer der großen jüdischen Wohltätigkeits-Organisationen in Europa in Verbindung setzen wolle, um sie für die Gründung einer solchen jüdischen Ansiedlung zu interessieren. Es wäre gewiß wünschenswert, der jüdischen Massenemigration neue Wege zu erschließen, doch ist es mehr als zweifelhaft, ob Nicaragua ein für größere Judenmassen geeignetes Gebiet darstellt. Nr.eh Zuschriften, die von Juden aus Nicaragua nach New-York gelangen, kann nur eine Einzeln-Einwanderung empfohlen werden. Das Land hat 300.000 Einwohner, zum größten Teil Neger. Der Haupthandel wird mit Mahagoniholz und Bananen betrieben und ist zumeist in jüdischen Händen. Die Auswanderung nach Galveston. Am 2. November hat die 59. Expedition nach Galveston Bremen verlassen. Sie bestand aus 66 Personen: 46 Männer und 20 Frauen. Die erwachsenen Männer gehören nachstehenden Berufen an: 26 Handwerker, 5 Arbeiter, 5 Kaufleute und 3 Handelsangestellte. Am 22. November wird die 60. Partie in Kiew ihre Reise antreten. * * * Die Einwanderung russischer Juden nach Cypern. Die Zahl der eingewanderten russischen Juden in Cypern ist in den letzten zwei Jahren verhältnismäßig stark angewachsen. Zu Beginn dieses Jahres wurden bereits 110 jüdische Kolonisten gezählt, die alle aus Rußland einge-