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Neue Nationalzeitung · 1911-11-17 · Heft 23 (17.11.1911) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 23 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Dr. Nathan Birnbaum: f)er jüdische Emigrationskongress und die amerikanische Einwanderung.*) Es unterliegt keinem Zweifel, daß die jüdische Emigration, die ja viele Tausende Juden über den Ozean bringt, eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Frage des jüdischen Lebens bildet. Es gibt auch sicherlich niemanden unter uns, der nicht zur Erkenntnis gelangt wäre, daß man diesen Dingen keinen freien Lauf lassen dürfe, sondern, daß man vielmehr diese chaotische Massenflucht in ein gewisses System bringen, daß man den Emigrationsstrom regulieren und auf neue Gebiete ablenken müsse. Deshalb tauchte in den letzten Jahren das Projekt eines Emigrationskongresses auf, dessen Aufgabe es wäre, die Emigrationsangelegenheiten nach vorhergegangenen genauen Studien zu besprechen und Organe zu schaifen, die geeignet wären, die Eegulierung der jüdischen Emigration in großem Stile durchzuführen. Auch die Zionisten schlössen sich diesem Projekt an, in der Erkenntnis, daß es ihre Wege nicht nur nicht kreuze, sondern vielmehr ebne. Der X. Zionistenkongreß in Basel hat mit überwiegender Majorität die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Regulierung der jüdischen Emigration anerkannt und beschlossen, an dem Emigrationskongreß teilzunehmen. Aber wie es scheint, ist dieser Entschluß fast aller jüdischen Organisationen doch schwächer als gewisse Störungen, die von gewissen Personen und Gesellschaften verursacht werden; man läßt den Kongreß einfach nicht Zustandekommen. Schon zum dritten Male sieht man sich in den vorbereitenden Kreisen genötigt, den Kongreß auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Man möchte fast zweifeln, ob er überhaupt noch zustande kommen werde. Ich will mich hier durchaus nicht auf die wahren Ursachen der oben genannten Störungen einlassen, auf die psychologischen und sozialen Motive, von denen sich die gewissen Personen und Gesellschaften bei ihrer hartnäckigen Bekämpfung der Kongreßidee leiten lassen. Ich will mich hier nur mit einigen ihrer Gründe beschäftigen, mit Gründen, die ich für äußerst wichtig halte und die durchdacht werden müssen. Die Gegner des Emigrationskongresses erklären, der Kongreß könnte den Juden Schaden zufügen, weil er den Regierungen der Vereinigten Staaten und Kanadas noch mehr Angst vor der jüdischen Einwanderung einflössen könnte, was zu strengeren Maßnahmen führen würde. Unsere armen verfolgten Brüder könnten Gefahr laufen, daß die ohnehin nur halbgeöffneten Tore Amerikas vor ihnen gänzlich zugeschlagen werden. Man müsse daher die Emigration weiter in der Obhut derjenigen lassen, die sich bis nun mit ihr befaßt haben, d. h. man müsse sich auf Gott verlassen. Andererseits sehen wir aber fast gar keine nennenswerten Erfolge, die jene zur Regulierung der jüdischen Emigration erzielt hätten. Im Gegenteil, von Jahr zu Jahr, ja, von Tag zu Tag, treten Aenderungen zum Nachteil der jüdischen Emigranten ein, die Lage wird immer unerträglicher; die Regierungen beobachten die jüdische Einwanderung mit gesteigerter Angst und bitterem Haß und wer einen offenen Blick für diese Angelegenheit hat, sieht, wie es mit der jüdischen Emigration jetzt bestellt ist, daß sich *) Wir entnehmen der jiddischen Wochenschrift „Jewish Gazette" in New-York diesen aktuellen Aufsatz, den wir ins Deutsche übersetzen ließen. Anm. d. Redaktion. heute, morgen die amerikanischen Häfen vor den jüdischen Emigranten schließen werden. Man wird auf den Emigrationskongreß gar nicht warten. Moderne Regierungen brauchen zu solchen Maßregeln durchaus nicht gedrängt zu werden, sie treffen sie ohneweiteves selbst. Wenn man überlegt, warum denn nicht? Freilich sind wir Juden und als solche haben wir eine ganz andere Anschauung — sowohl vom materiell-ökonomischen als auch vom religiös-ethischen Standpunkte — über die gegenseitige Beziehung der Völker. Aber das ists ja eben, daß sie keine Juden sind und deshalb betrachten sie die ganze Angelegenheit von ihrem Standpunkt, und von ihrem Standpunkt sind sie im Recht. Noch mehr. Mir scheint, daß wir sogar von unserem Standpunkt das Recht bereits verloren haben, sie anzuklagen. Denn mögen wir noch so sehr auf unserem Standpunkt verharren, müssen wir doch zugeben, daß es für die Oekonomie des Landes nicht gleichgiltig bleiben könne, wie viel neue Mensehen hinzuströmen, wie rasch und auf welche Weise, d. h., mit welchen ökonomischen Kräften sie kommen und auf welchen Gebieten sie sich ansiedeln. Sind die Verhältnisse wirklich derartig, daß das wirtschaftliche Leben der alten Bevölkerung dadurch geschädigt werden könnte, so steht doch dieser alten Bevölkerung wenigstens das Recht zu, zu verlangen, daß die Immigranten ihre Einwanderung so zu regulieren trachten, damit sie ohne Nachteil für die alte Bevölkerung vor sich gehe, ja vielmehr dem Staat und der Gesellschaft Nutzen bringe. In der Tat haben wir, abgesehen von einzelnen Schikanen, wenig Grund, über Amerika zu klagen. Was kann Amerika dafür, daß wir Unglücksvögel sind, daß wir uns bis jetzt nicht aufgerafft haben, unsere größte Pflicht zu erfüllen, nämlich die jüdische Emigration zu regulieren, in unserem eigensten Interesse und im Interesse derjenigen Länder, wohin der mächtige Emigrationsstrom jahraus, jahrein viele Tausende unserer Brüder mitreißt. Durch Dezennien haben wir versäumt, unsere Pflicht zu erfüllen und deshalb müssen wir jetzt in fortwährender Angst leben, Amerika könnte seine Häfen sehließen: es ist schon so weit gekommen, daß wir uns nicht einmal trauen, die Regulierung der Emigration in die Hand zu nehmen, d. h.? das einzige Mittel, das die grr.ße Gefahr von uns abwenden könnte. Ja, das einzige Mittel — wenn wir uns nicht zu lang überlegen werden — zur Beruhigung der amerikanischen Regierungen. Die vom Emigrationskongreß ins Leben zu rufenden Organe werden doch aller Voraussicht nach den Emigrationsstrom nach neuen Ländern weisen und ihn von den überfüllten Städten Nordamerikas ablenken. Vielleicht werden sie auch Mittel und Wege finden zur Gründung von jüdischen Kolonien in den neuen Ländern. Ich weiß zum Beispiel, daß viele Zionisten und sogar auch Nichtzionisten sich mit dem Ciedanken tragen, in der asiatischen Türkei, wo jetzt ein wirtschaftliches Leben aufzublühen beginnt, jüdische Kolonien zu gründen. Kann nun die amerikanische Regierung gegen die Realisierung eines solchen Planes sein, wodurch viele Juden von der Auswanderung nach Amerika zurückgehalten werden würden? Natürlich wird Amerika noch immer das wichtigste Einwanderungsland bleiben. Aber Amerika wäre es gar nicht recht, wenn die Juden überhaupt nicht hinkämen, sie wünscht es auch gar nicht. Nur muß die Einwanderung so geregelt werden, daß sie dem Lande Nutzen bringe. Wenn sich die Juden dort niederlassen möchten, wo sie wirtschaftliche Probleme zu lösen, nicht aber noch mehr zu verwirren imstande sind, dann wären die amerikanischen Regierungen höchst zufrieden.

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