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Neue Nationalzeitung · 1911-11-17 · Heft 23 (17.11.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 23 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung' Nr. 23 und Begeisterung den Schülern für die angestammte Religion einzuflößen — es gäbe keine Taufbewegung im Judentum! . Durch rohe Mittel aber die zarteste jüdische Jugend! von derselben abschrecken zu wollen, is mehr als ein Verbrechen, es ist ein Fehler und verschärft nur das Uebel! Und ist es nicht — gelinde gesprochen — eine mehr als fragwürdige Maßregel, wenn unser Referent die Anwendung von Abschreckungsmitteln beim Religionsunterrichte für Mittelschüler verlangt, wenn er dem Religionslehrer einschärft: „Ganz besonders soll auf die niedrige Gesinnung hingewiesen werden, die sich in der Gleichgültigkeit der Nichtgetauften gegen die Getauften äußert... Der Täufling, der bei der Taufe seine früheren Glaubensgenossen der ewigen Höllenpein überantwortet und sie schonungs'lois verdammt hat, dem Teicht der Jude grüßend die Hand, als wenn nichts vorgefallen wäre. Diese Mißachtung jedes berechtigten Selbstgefühles muß dem Schüler in ganzer Nacktheit gezeigt werden, damit er sich selbst und das Judentum vor solcher Schmach bewahre". So und ähnlich soll eine noch naive Jugend durch den Religionsunterricht erhitzt, soll in die erhabenste Religion eingeführt werden und in ihr erstarken; in einer Religion, die zuerst die reinste Gotteserkenntnis und Menschenliebe der Welt offenbart hat! Welche Verwüstung müßte ein solcher Unterricht in den Köpfen stiften, welche Verbitterung in den Gemütern der heranwachsenden Generation erzeugen! Gleichwohl würden wir selbst über diese' ganz deplazierten leidenschaftlichen Ausbrüchen des Referenten des Kultusvorstandes den Mantel der Liebe breiten, wenn sie echt wären, wenn sie aus tief empörtem Gemüte kämen und Ergüsse eines unverfälschten Fanatismus wären. Das sind sie aber nicht. Der Fanatismus ist vielmehr ein erkünstelter, ein gemachter. Denn, erklärt er die Täuflinge samt und sonders für charakterlose, verachtungswürdige Individuen, die von den Juden gemieden werden müssen; wie darf er die jüdische Mittelschuljugend zwecks religiöser Belehrung zu denselben in die Schule schicken? Ja wohl, das tut der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner! Er sagt nämlich kurz vorher wörtlich: ,J)adiemeistenSchälerk€in€ Gelegenheit haben, das Ri toia; 1 w e s en im elterlichen Hause kennen zu 1 e r n e n, so soll die Schule suppletorisch wirken, so weit tunlich im Wege der Anschauung, dann durch plastische Detailschildening und durch Vorlesen: literarischer Gelegenheitsbilder, wie zum Beispiel die Schilderung des Seder in Heines ..Rabbi von Bachraeh, des Sukkoth in Disraelis Tancred . . ." Und im weiteren Verlaufe seines Referates verlangt er von dem Religionslehrer der Mittelschule, er müsse die Leistungen nicht nur der Juden, sondern auch der Getauften auf allen Gebieten rühmend hervorheben und fährt also fort: „Dabei muß es hervorgehoben werden, daß die sozialistische Bewegung, welcher die Kautnrfort.schri'fcte unserer Tage wesentlich zuzuschreiben sind, von den „Juden" Lassalle, Marx, Bernstein ausgegangen ist . . ." „Es ist nicht zu viel verlangt, wenn man es den Lehrern zumutet, die Schüler über die Namen und die Rollen aufzuklären, welche Juden und Juden stämmliuse in den Kabineten, in den Hörsälen, in den Kunstschulen, auf den Märkten und in den Armeen Europas spielen . . . Ein Taufjude brachte uns die Schwurgerichte . , ." Hienach frage ich: Kann und darf man jene fanatischen Wutausbrüche des Referenten des Kultusvorstandes gegen die Getauften ernst nehmen? Nein, das wird man nicht, zumal dann nicht, wenn man die Kreise, denen Dr. M. Steiner angehört, näher kennt, welche diei Getauften mit zweifachem Maße messen: Haß und Verachtung predigen gegen die zu boykottierenden Abtrünnigen, welche ungeachtet der Taufe unbedeutend geblieben sind; tiefe Reverenz aber machen vor den zu hoher Stellung und Bedeutung gelangten Konvertiten, an deren Rockschöße sie sich wie Kletten heften, um sich an ihrem Ruhme zu sonnen. Ja Bauer: Heine und Disraeli, Lichtenfels, Marx und Lassalle usw., das ist was anderes! Doch lassen wir genug sein des grausamen Spiels! Und so kurzsichtig sind die „Führer" der Wiener Judenschaft, daß sie nicht ahnen, welche Wirkung ein solcher „Religionsunterricht" auf die Mittelschüler ausüben müsse: eine gerade entgegengesetzte als die beabsichtigte! Vor allem wird sich der Schuljunge fragen: Warum . haben diese weltberühmten Männer der jüdischen Religion, wenn sie die erhabenste von allen Religionen ist, den Rücken gekehrt? .......... Schon das bisher Mitgeteilte zeigt zur Genüge, in welche unsagbar ungeschickte, täppisch zugreifende Hände der Religionsunterricht unserer Kinder geraten ist und schreit zum Himmel nach Abhilfe. Nicht um den Bestand des Judentums ist uns bange; dieser ist gesichert. Denn es wird nicht von den „Führern", sondern trotz derselben erhalten, e rhaltenvon den Konfessionen, in deren Mitte es lebt. Bange ist uns nur um die heranwachsende Generation, die einer solchen religiösen Erziehung ausgeliefert ist, einer Erziehung, die Leuten anvertraut ist, von denen einst der große Prophet klagte: ..Mein Volk, deine Führer führen dich in die Irre und verwischen den Weg' deiner Pfade." Nicht, daß wir behaupten wollten, daß sie dies mit Absicht tun. Das sei ferne! Nur das wollen wir sagen, daß die Führer einer der hervorragendsten und tonangebenden Judengemeinde offene, klarsehende _ Augen haben, ja vorausschauen müssen. Blinde aber dürfen keine Führer sein! „Raffe dich auf!" so rufen wir der Wiener Judenschaft zu. Es ist, wie selbst der Referent des Kultusvorstandes verzweiflungsvoll aufschreit, die elfte Stunde! Rüttle dich gewaltsam auf aus deiner stumpfen Gleichgültigkeit, die du bislang allen jüdischen Angelegenheiten gegenüber an den Tag gelegt hast (zu der dich freilich dein Kultusvorstand, zum Zwecke seiner eigenen Erhaltung, plangemäß erzogen hat); und du wirst endlich, woferne du den oben angedeuteten Pfad einschlägst, an das so lange und so sehnsuchtsvoll herbeigewünschte Ziel gelangen. Bedenke, es gilt das Heil deiner Kinder! Wage, klug zu sein!

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