Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 23 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 23 „Neue National-Zeitung" Seite?> Wir, die Geistlichen der verschiedensten Keligionen, haben beschlossen, diesen schändlichen Zuständen ein Ende zu bereiten und appellieren an Kußland, den unterdrückten Völkern Gerechtigkeit zu verschaffen.* Dieses Meeting bildet den Anfang einer großartigen Agitation, welche von dem unter dem Präsidium des gewesenen Berliner Botschafters, Andrew White, stehenden Nationalkomitee zur Beseitigung des Handelsvertrages mit Rußland eingeleitet wurde. Es ist nicht ohne Pikahterie, daß gerade vor 6 Jahren, auf den Tag, und zwar ebenfalls am Montag, den 30. Oktober (1905), der oberwähnte Ukas des Zars mit so viel Hoffnungen von Rußland und der zivilisierten Weit begrüßt wurde. Heute nach 6 Jahren haben die geistlichen Führer Nordamerikas vor aller Welt die russische Barbarei gekennzeichnet. * * * A n m. der Red. Die Wiener Tagespresse, welche über Liebesabenteuer, Jagden und Gesellschafts-Skahdale stets sehr ausführlich zu berichten weiß, hat obiges Meeting vollständig todtgeschwiegen. Darum heißt sie gewiß — „Judenpresse". Der jüdische "Religionsunterricht wird — reformiert. (Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner als „Reformator".) (Schluß.) III/) Zu den wirksamen Stimulantien zählt der Referent die folgende! Institution, von der er sich große Erfolg© verspricht: „Wünschenswert", sagt er, „wäre es auch, die Schüler zum Besuche eines öffentlichen Gotteshauses zu veranlassen. — Es wäre z. B. vierzehntägig eine Einladung an die Schüler zu richten, daß säe zum Mineha-Gottesdienst am. Sabbath in der Synagoge erscheinen mögen, wo nach Schluß desselben durch einen Prediger oder Lehrer ein Vortrag — keine Predigt — gehalten würde, der ein religiös-philosophisches oder sozialpolitisches, durchaus aktuelles Thema behandeln würde. An Gelegenheiten hiezu fehlt es nie. So hätte sich als geeigneter Vorwurf in der jüngsten Zeit eine Erläuterung der K r i t i k empfohlen, welche a u s g e z e i c hnete protestantische Theologen gegen Hermann Cohen übten — ein sozialpolitisches Thema wäre in dem beklagenswerten Mißgeschick der galizischen Schänker zu finden gewese n." Ein Kommentar zu diesem grotesken „Jugendgottesdienst" ist ganz überflüssig. Jedermann wird klar 'erkennen, ob diese modernste Religionsschule das religiöse Gemüt der Jugend wecken und erheben oder nicht vielmehr, wie dies das ganze Referat unverhüllt zum Ausdruck bringt, zum konfessionellen Hader aufrufen will. Der konfessionelle Hader! Das ist die Losung dieser geplanten „radikalen Umwälzung". Es ist unumgänglich nötig", heißt es in unserem famose Referate, „und darf durchaus nicht unterlassen werden, die charakteristischen Verschiedenheiten der jüdischen Glaubenslehren *) Siehe „NeueNational-Zeitung" Nr. 21 vom 20. Oktober und Nr. 22 vom H. November 1911. von den christlichen zu besprechen." — — Die weiteren widersinnigen Ausführungen dieses unerquicklichen Themas zu besprechen, verbietet uns der gute Geschmack. Darum wird auch das Schwergewicht des Religionsunterrichtes in die Schilderung der Leiden, die das Judentum durch zwei Jahrtausende bis auf den heutigen Tag zu erdulden hatte, verlegt: „Das Schwergewicht der geschichtlic he ii Belehrung", verlangt der Referent des Kultüsvorstandes, „soll auf die politischen und sozialen Schicksale der Juden gelegt werden, auf den Kampf des Judentums gegen die europäische Barbarei. „Unseren Jünglingen muß die Martyrologie des Mittelalters und die Glaubenstreue ihrer Vorfahren in glühenden Farben vor Augen geführt werden. Auch das heutige Judentum braucht Helden und Märtyrer nicht nur in Rußland und Rumänien, sondern auch in Deutschland und Oesterreich, wo der Jude nicht Offizier oder Richter, aber auch nicht Hausierer und Schanker werden kann. — Diejenigen, welche meinen, daß d e r J u g e n d keine animosen Gesinnt! ng e n eingeflößt werden sollen und daß diese Schreckensszenen nicht mehr aktuell seien, möge die Erinnerung au die Pogrome, an die Ersäulung in Rum-ä* nien vorgehalten werden. Auch sei denjenigen, welche abraten, auf das Beispiel der katholischen Pädagogen zu verweisen, welche darauf dringen, daß die Jugend über die christlichen Märtyrer genau informiert werde." Würde der Referent des Kultusvörstandes solche und ähnliche „Stimulantien" für Institutionen empfehlen, die der Kultusvorstand für jüdische Jünglinge von reifem Urteil und gefesteten religiösen Anschauungen, für U n i v e r s i t ä t s h Ö r e r, ins Leben rufen wollte, wir wären wahrlich die letzten, die hierüber ein Wort des Tadels oder der Kritik äußerten, wir würden vielmehr seinem Eifer die vollste Anerkemnomg zollen. Sie aber dem öffentlichen Religionsunterricht in den Mittelschulen aufdringen zu wollen, für Knaben im zarten Alter, denen die Religion Selbstzweck, nicht aber Mittel zum Zweck und nöcn dazu zu politischen Zwecken sein soll, das dünkt uns ein verwegenes Unterfangen, ist heller Wahnwitz! Woher aber diese heillose Verwirrung in ölen Köpfen der Kultusvorsteher? Unser Referat verrat es auf Schritt und Tritt: die zunehmenden Taufen machen sie kopfscheü. Sie sehen in ihren Kreisen, ja nicht selten in ihren eigenen Familien den Abfall sich mehren und glauben den Lebensbaum des Judentums, da einige verdorrte Blätter von demselben abfallen, in seinem Bestände bedroht. Da ihnen aber das Verständnis für den wahren Sinn der Religion niemals aufgegangen, die Entwicklungsgeschichte des Judentums ein Buch mit sieben Siegeln ist, so versuchen sie durch äußerliche, auf die Sinne wirkende Mittel, die in der Religionsschule in Anwendung kommen sollen, dem Abfalle Einhalt zu tun. — Und einzig und allein von dieser blassen Furcht sind sämtliche Vorschläge unseres Referates /behufis Herbeiführung einer „radikalen Umwälzung" beherrscht und diktiert. Die Blinden! Verstünden sie die gerade in ihrer beseligenden Einfachheit so erhabene jüdische Religion durch geeignete, aus dem Vollen schöpfende Lehrer der Jugend zu vermitteln, der Auffassungskraft der verschiedenen Altersstufen liebevoll anzupassen — und darin bestünde die ganze Kunst, Liebe