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Neue Nationalzeitung · 1911-11-17 · Heft 23 (17.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 23 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung"* Nr 23 In ^yoliobjcz kandidiert ein Dr. Segal, in Zloczow ein Herr Eeizes: politische Nullen mit einem Walilfonds v.qa je 10Q.Q00 bis 200.000 Kronen . . . Das sind die — „oppositionellen" Kandidaten Dr. Segal will übrigens im Falle der Wahl dem Polenklub beitreten. Walnseln'inlich glaubt er damit seine Wahlchancen zu bessern. Und der Mann war auch einmal Zionist . . . Beide diese Kandidaten wird die zionistische Partei offiziell unterstützen, um ihren Charakter als-— oppositionelle, „antikorruptionistische" Partei recht deutlich zu dokumentieren. In Gralizien pflegt man zu sagen: „Stein's gesogt". 4QQ christliche Geistliche für die russischen Juden! (Von unsffein Korrespondenten.) New York, den 1. November. Ein. in den Annalen der Weltgeschichte vereinzelt dastehendes Ereignis hat New York zu verzeichnen: Am 30. Oktober haben sich über 400 christliche Geistliche aller Sekten unter dem Ehrenvorsitze des Bischofs G o}u t n e y in der Assembly Hall der Metropolitan Life Building versammelt, um in den schärfsten Ausdrücken und mit flammender Entrüstung gegen die Vergewaltigung der Juden und die Zurücksetzung der jüdisch-amerikanischen Staatsbürger in Rußland zu protestieren. Bischof James Courtney, ein 80jähriger Greis, hat vor Rührung, als er die blutigen Verfolgungen der russischen Juden schilderte, zu schluchzen begonnen un$ war nicht imstande, seine Rede zu beenden. Dießem Meeting wurde auch Oskar Strauß, der gewesene nordamerikanische Botschafter in Konstantinopel zugezogen* als ein leuchtendes Beispiel jüdischer ^cnstensli,ebe und Toleranz, der er mit dem Einsätze seiner ganzen Pe^sönlicivkeit die christlichen Missionen Nordamerika^ in der Türkei beschützt hat. D.er^ Jude, Qskar Strauß wurde, in dieser Versjannntag christlicher Geistlicher stürmisch bejubelt. Seine Recle war durchaus nicht diplomatisch gedrechselt; dieser fejne Diplomat l^at den jüdischen Volksmassen au? der Seele gespr.o,enen. „Dje heutige Yersammlung^, sagte er, »ist eine Yersamm^nng christlicher. Geistlicher, um gegen die Gewaltakte zu protestieren, die fünftausend feilen weit yon, hier an den Juden begangen werden und sie be- $ente,t den beginn einer neuen Epoche der Humanität in diesem Lande. Die Geistlichen sind dazu berufen, cjas Gewissen des Volkes zu erwecken und gegen eine Tyrannei anzukämpfen, die sonst kein Ende nehmen wwife- Wenn Rußland amerikanischen Bürgern das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum bestreitet, dann ist es nicht unsere Sache, nach ihrem Glauben zu fragen. Das Siegel Nordamerikas ist nicht das Siegel einer Sekte. Et^was schändlicheres als die Interpretation des Vertrages vom Jahre 1832 durch Rußland ist in der Geschichte des internationalen Rechtes kaum zu finden." Daran anknüpfend schilderte Strauß den Kampf, den er mit der Pforte im Interesse der amerikanischen Missionen zu führen hatte und den er schließlich sogar ohne die Unterstützung des englischen Botschafters aüsgefochten bat, wiewohl auch die englischen Missionen bedroht waren. Nach dieser Rede spielte sich eine unvergeßliche Szene ab. ßer Präsident der Versammlung, Reverend Slröng, schritt auf' Straüß zu, legte die Hand auf dessen Schulter und sprach feierlich: „Kein amerikanischer Gesandter hat zum Schutze unserer christlichen Missionen in der Türkei jemals so viel geleistet, wie Oäkar Strauß — der Jude." Und Rev. Dr. Raison fügte unter unbeschreiblichem «Jubel hinzu: „Einen solchen Botschafter wie Mr. Strauß benötigen wir in Rußland!" Die Versammlung hat zwei Resolutionen angenommen und beschlossen, dieselben sowohl dem Präsidenten Taft, wie auch dem griechisch-ortodoxen Erzbischof in New-York, zwecks Absendung an den Gzaren, respektive an die „Heilige Synode" zu überreichen. I. Resolution: „In Anbetracht, daß unsere Regierung stets prinzipiell auf dem Standpunkte gestanden ist, die Rechte aller Bürger ohne Unterschied der Religion su schützen; in Anbetracht, daß Rußland auf Grund des im Jahre 1832 mit den Vereinigten Staaten geschlossenen Vortrages für sich das Recht in Anspruch nimmt, die amerikanischen Bürger. nach ihren Glauben zu unterscheiden und die Juden ganz denselben Beschränkungen zu unterwerfen wie ihre eigenen jüdischen Unter! anen — verlangt die Versammlung vom Präsidenten der Vereinigten Staaten die baldigste Auflösung dieses Vertrages, damit Rußland wisse, daß die Schaffung von Unterscheidungsmerkmalen zAvischon einzelnen Bürgern Nordamerikas unseren 6 und,säizen widerspricht, da die amerikanische Staatsbürgerschaft den Juden ebenso schützt, wie den Christen." II. R e s o 1 u t i o n : „Nach Anhörung der Redner, denen die traurige Lage in Rußland lezüglich des Maugels der religiöse i Freiheit genau bekannt ist und von dem Wunsche. bese,elt unseren Empfindungen über diese Verhältnisse Ausdruck zu geben, haben wir nachstehende Resolution, als den Ausdruck der Gesinnung des Meetings angenommen: Als Vorsteher verschiedener Glaubensbekenntnisse anerkennen wir mit Dank die Tatsache, daß in diesem gesegneten Lande die Trennung der Kirche vom Staate alle Glaubensbekenntnisse Yor dem Gesetze gleichstellt und Niemand wegen seiner Religion zurückgesetzt wird. Wir erfahren daher mit tiefer Trauer, 1. daß sechs Millionen Juden in Rußland auf Grund von Sondergcsetzon s\stematisch verfolgt und unterdrückt worden; % daß sie in dicht bevölkerten Distrikten wohnen müssen und dadurch sehr oft an ihrer Gesundheit Schaden erleiden; 3. daß ihnen die Bildung mit geringen Ausnahmen verwehrt und die Unwissenheit unter ihnen gefördert wi,rd; 4. daß sie in ihren Berufen eingeschränkt und zum Verhungern v» rurteilt sind; 5. daß die lokalen Behörden Judenhetzen veranstalten; 6. daß ihnen die Blutbeschuidigung angedichtet wird; 7. daß ihre Kinder durch Bestechungen verleitet Avorden, ihren Glauben zu verlassen; 8. daß sie schrecklichen Pogromen zu Opfer fallen, bei denen sie selbst ermordet und ihre Habe zerstört Avir,d; 9. daß sich diese barbarischen Zustände in diesem Jahre verschlimmert haben und die Ausweisungen wöchentlich zunehmen, trotz aller Versprechungen, dieselben abzuschaffen. Wir erfahren mit demselben Kummer, daß auch die anderen nichtortodoxen Sekten, Stundisten, Baptisten, Lutheraner usw. mögen sie Deutsche, Russen oder Lethen sein, kein Recht <<es öffentlichen Gottesdienstes besitzen, wiewohl durch den Ukas vom Jahre 1905 allen christlichen Predigern die vollste Freiheit garantiert wurde. Sie werden verfolgt, eingesperrt und nach Sibirien verschickt.

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