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Neue Nationalzeitung · 1911-11-17 · Heft 23 (17.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 23 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 „Neue National-Zeitung' Seite 3 Verband 'der Deutschen Juden zu seiner ersten "Aufgo.be gemacht bat. Anknüpfend an diese Ausführungen wird nach einem Vortrage des Professors Dr. Goldstein über „Das deutsche Geistesleben und die Jude n" folgende Resolution angenommen: .,Der Verband der Deutschen Juden wiederholt die Entschließungen seiner ersten und zweiten Hauptversammlung und erhebt erneut dagegen E i n s p r u c h, d a ß d i e den deutschen Juden verfass u n g sm ä ß i g g e \v ä h r 1 e i s t e t e G 1 e i c h b e r e c h t i g u. n g in wesentlichen P u n k. ton 'd u r c h d i e V e r w a 1t u n g in ihr Gegenteil " ve r k ehrt w i r d. So worden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten zurückgesetzt, werden Juden von der Stellung des Offiziers und Reserveoffiziers ausgeschlossen, 'erfolgt id urC'li Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubensw e c h s e 1 s. Ausländische Juden werden nur, weil >sie Juden sind, bei Gewährung des Aufenthaltsrechts und der Naturalisation schlechter als andere Ausländer gestellt. Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich Kampf ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deutschen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unrechts auf: zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen, zu energischer Betätigung im politischen Kampf für die Gleichberechtigung/' Nachdem Geh. Justizrat Geiger-Frankfurt a. M. dem Vorsitzenden für die Führung der Geschäfte gedankt hatte, schloß Justizrat Horwitz die Versammlung. Am Abend des Sonntags fand die große Tagung einen freundlichen Abschluß durch ein glänzendes Festmahl, das die jüdische4 Gemeinde Berlin den Delegierten gab. Der Vierte Judentag bildet eine wichtige Etappe in der politischen Entwicklung und Organisation der deutschen Judenschaft. Möge er den Juden anderer Staaten zum Vorbilde dienen. POLITISCHE RUNDSCI1/W. Das Kabinett Stürghk. Minister-Präsident Graf Stürghk hat keinen Grund, ärger zu sein, als seine Vorgänger: vielleicht wird er besser sein. Er war der erste Kultusminister, der einen jüdischen Referenten in sein Eessort zugelassen hat. Die Deutschnationalen mit der Hundspeitsche Das neue Kabinett bat eine sehr geteilte Aufnahme in der 0Öffentlichkeit gefunden. Sowohl wegen der nicht ganz echtfärbigen freiheitlichen Gesinnung seines Chefs, als auch wegen der klerikalen Parteizugehörigkeit des Kultusministers. Gewisse „liberale" Blätter haben sich sehr echauffiert. Uns läßt der klerikale Schatten auf dem ministeriellen Schilde ganz kalt. Hat es denn seit der Verfassungs-Aera überhaupt ein liberales Ministerium gegeben9 Waren denn Körb er oder Beck, die Chefs der Beamten-Ministerien mit der „altösterreichischen Tradition", oder gar die Ministerien, die aus der Verfassungspartei hervorgingen, wirklich liberal? Die Zulassung der Juden zu den Aemtern war ja immer nur ein Gnaden-Akt des Ministers. Für eine Zeit wurde das Ventil geöffnet, dann aber wieder hermetisch geschlossen. Verdient ein Ministerium den Namen liberal, welches systematisch jüdische Aspiranten von gewissen Zweigen der Justiz und Verwaltung prinzipiell ausschließt, oder . verdienstvollen Beamten gewisse Eangsklassen wegen ihres Judentums versperrt? Und das haben alle Ministerien bisher getan. Die Deutschnationalen radikalster Kouleur haben jüngst im Parlament die Probe ihrer arischen Kultur best inden. Die Herren Hummer und Malik haben sich mit der Hundspeitsche behandelt, oder richtiger: Malik hat zugeschlagen und Hummer hat mit dem Erschießen gedroht. Auf diesem Gebiete können ihnen die Juden nicht folgen; sie sind ja nach „arischer" Auffassung zu feig. Die „arischen" Ehrenmänner, die den Juden die Satisfaktionsfähigkeit absprechen, haben sich nach dieser Szene auch nicht geschlagen, sie haben sich bereits früher satisfaktionsunfähig erklärt. Und diese Gesellschaft nimmt sich heraus, über jüdische Weltanschauung und Sitten zu urteilen! Politische Bankrotteure. Wir meinen die zionistischen Führer in Galizien. Wer noch daran gezweifelt hat, daß die Herren Stand, Zipper und Konsorten nur unfähige Mandatsstreber sind, die in plumper Weise auf Kosten der jüdischen Volksmassen ihre Eitelkeit zu befriedigen trachten, der kann sich davon jetzt am besten überzeugen. In Drohobycz und ZIoczow finden am 28. d. M. die Ergänzungswahlen für das Parlament statt. In beiden Bezirken verfügen die Juden mit den Euthenen über die Majorität; in Drohobycz erscheint als Kandidat Dr. Löwenstein, dessen Agitatoren bei den Hauptwahlen in verbrecherischer Weise einen Massenmord herbeigeführt haben. Welch' herrliche Gelegenheit für Führer einer jüdischen Volksbewegung, ihr Programm in die Massen zu tragen, auf die jüdischen Wähler aufklärend und erzieherisch zu wirken! Allein dazu gehört eine ideelle Gesinnung und eine materielle Opferwilligkeit. Und deshalb hat das selbsternannte „Zionistische Zentralkomitee" in Lemberg beschlossen, keine Kandidaten aufzustellen. Stand und Zipper wissen sehr gut, daß sie durchfallen würden: sie haben bei den letzten Wahlen vollständig abgewirtschaftet. Bloß wegen moralischer Erfolge zu kandidieren, hat ein Stand und ein Zipper keine Lust. Andere jüngere Kräfte aufzustellen, um das Prestige der Partei zu retten, sind sie wieder zu neidisch und mißgünstig. Selbst das Wiener zionistische Organ nennt die Indolenz der Lemberger Mandatspolitiker ein Verbrechen am jüdischnationalen Gedanken. Das haben wir schon vor Jahren behauptet. Die Kandidatur der Strohsäcke. Die Wahlen in Drohobycz und ZIoczow sind auch aus anderen Gründen sehr interessant. Bisher pflegten in Galizien als oppositionelle jüdische Kandidaten Männer aufzutreten, die eine politische Idee repräsentieren und im öffentlichen jüdischen Leben mehr oder weniger bereits tätig waren. Das hat sich überlebt. Wozu ein Programm, wozu eine politische Vergangenheit? Es lebe der Strohsack! Man könnte auch sagen : Es lebe die Wertheimer- Kassa! Denn Strohsack hat dieselbe Bedeutung. Der oppositionelle Kandidat macht es so wie der offizielle: er bringt Geld mit, recht viel Geld, und das Mandat wird versteigert. Die Wähler bekommen das Geld, der Kandidat das Mandat und so ist beiden geholfen.

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