Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 23 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 23 Sammlung wurden die folgenden Herrren gewählt: Stellvertretender Vorsitzender: Justizrat Blau-Frankfurt a. M., Schriftführer: Justizrat Lilienthal-Berlin, Justizrat Callman-Köln, Beisitzer die Herren: C. Netter-Berlin, Louis Sachs-Berlin, Justizrat Breslauer-Berlin, Eduard Sachs-Breslau, Geheim rat (teiger-Frankfurt a. M., Justizrat Omer-München, Justizrat Held-Nürnberg, Kommemenrat Homburger- Karlsruhe, Bankdirektor Goldschmidt-Posen, H. Gumpertz-Hamburg. Darauf brachte der Vorsitzende den Vorschlag, zum Ausdruck der vaterländischen Gesinnung, in der die Versammlung des Verbandes der Deutsehen Juden hier zusammengetreten sei, ein Huldigungstelegramm an den Kaiser abzusenden. Der Geschäftsbericht. Nach Worten der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Reicke und den Stadtverordnetenvorsteher M i c h e 1 e t erstattete der Vorsitzende, Justizrat Doktor Horwitz, den Geschäftsbericht. Er schildert die Tätigkeit der apologetischen Kommission, die, abgesehen von .einer Reihe veröffentlichter Korrespondenzblätter, ein umfassendes Werk vorbereitet hat. das der Aufklärung über das Wesen des Judentums dienen soll. Auch die Einrichtung eines apologetischen A rclii vs ist in Angriff genommen, das nach und nach alle literarischen Veröffentlichungen über das Judentum und seine Lehren sammeln und ordnen soll. Er erklärte, der Verband habe sich immer mehr zum anerkannten Zentralorgan für die Vertretung der Interessen der jüdischen Staatsangehörigen in Deutschland entwickelt. Er hat in dem abgelaufenen Zeitraum eine Reihe von Eingaben und Petitionen mit anderen Verbänden bearbeitet und für. sie an die Staatsbehörden eingereicht, er ist auch selbst auf den verschiedensten Gebieten für die Interessen der deutschen Juden tätig geworden: In der Schii c h t f r a g e haben die Bemühungen des Verbandes im einträchtigen Zusammenwirken mit anderen Körperschaften zur Annahme eines vom Abgeordneten Gröber gestellten Antrags zur Reichsstrafgesetznovelle im Reichstag •geführt: wegen der Zurücksetzung der Juden im Heeresdienst sind auf Betreiben des Verbaaides die wiederholten Erörterungen im Reichstage erfolgt, innerhalb deren zuletzt der Kriegsminister die von den Vertretern fast aller Parteien gerügte Tatsache, daß der Ausschluß der Juden aus dem Offizierskorps auf antisemitische Regungen zurückzuführen sei, anerkannte und mißbilligte. Ueber diese Frage hat der Verband auch eine besondere Broschüre veröffentlicht. Des weiteren ist der Verband wegen der Einstellung jüdischer Rekruten an den hohen jüdischen Feiertagen, wegen des Ausgleichs zwischen Sabbatheiligung und Sonntagsruhe, wegen der verfassungsmäßigen Heranziehung von Juden zum Schöffen- und Geschworenendienst und noch in mancher anderen Angelegenheit allgemeinen jüdischen Interesses erfolgreich in Aktion getreten. Hierauf hielt Rabb. Bäck- Düsseldorf das Wort zu seinem Vortrag: „Das Judentum unter den Religionen". Er führte u. a. aus: Das Judentum kämpfe um das Recht, „seinen" Glauben haben zu dürfen und sei deshalb mit Notwendigkeit tolerant. Das Judentum sei auch insofern inkofessionell, als es für die Frömmigkeit in allen Bekenntnissen Verständnis und Anerkennung habe: es stelle so alles, was die Menschen verbindet, über das Trennende, und dürfe deshalb jede Sache des menschlichen Fortschritts als seine eigene betrachten. Es folgt dann der Vortrag des Landtagsabgeordneten Dr. Cohn-Dessau: „Der Staat und die Juden". Landtagsabgeordneter Dr. Cohn. Die Frage der Judenpolitik läßt sich nur im Raihmen der deutschen Gesamtpolitik betrachten. Jiudenpolitik — gesetzlich verboten — treibt eine Regierung,, wenn sie — wie dies z. B. im größten deutschen Staate,' in Preußen* der Fall ist — dem jüdischen Kultus mangelnde Unterstützung aus Staatsmitteln gewährt und einzelnen Juden Paßschwierigkeiten bei der Reise nach Rußland macht, durch Ausweisung ausländischer Juden und Verweigerung ihrer Naturalisation des Glaubens halber, Zurücksetzung jüdischer Beamter in der staatlichen Verwaltung und an den Universitäten, Ausschluß der Juden von der Stelle des Offiziers und Reserveroffiziers — die Geleichberechtigung schmälert. Sie bekämpft damit die Religion: denn getaufte Juden stellt sie den Christen gleich. Gegen die Taufseuche. In Preußen sind im Etat für die Protestanten 23 Millionen, für Katholiken 7 Millionen vorgesehen, für die Juden'gar nichts. Und wie steht es mit der Steuerabgabe. Auf den Protestanten kommen ungefähr 1.33 Mark, auf den Katholiken 1 Mark, auf den Juden aber 11 Mark. Redner geht dann ein auf die besondere und unfreundliche Behandlung jüdischer Ausländer sowie auf die Ablehnung und Zurücksetzung jüdischer Beamter. Die Regierung bekämpfe nicht die Rasse, sondern die Religion, weil dem getauften Juden alle Türen offen stehen. In Preußen werden z. B. alljährlich von Assessoren befördert 8 Prozent Christen, 2 Prozent Juden und 27*8 Prozent g etauf te Juden. An der Universität werden 3 bis 4 mal zu zu wenig Juden zu Ordinarien ernannt, dagegen von getauften Juden zwei- bis dreimal mehr als Christen Der wahre Jude aber verachtet die Taufe, wenn sie aus äußeren Gründen und ohne UebeTzeugung erfolgt, als eine Lüge; er glaube sein Recht innerhalb des deutschen Staates auch ohne eine so entwürdigende Handlung erworben zu haben durch die tausendjährige Treue, die er dem deutschen Boden und der deutschen Sprache, den mehr als ihundertjähriigen Anteil, den er seit der Emanzipation der deutschen Kulturarbeit gewidmet habe. Die Abwehr dagegen liegt vor allem in der Aufklärungsarbeit, Avie sie der