Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung1 Seite 7 funden. Der märkische Dichter Fontane bat gesagt, daß wir alle Errungenschaften der feineren Kultur vorwiegend dem Judentum verdanken. Man muß endlieh mit dem Schlagwort vom internationalen Judentum aufräumen und das Judentum auch bei uns mehr assiiuileren, wie das in Frankreich, England und Amerika bereits der Fall ist, und glücklicherweise bereits in Frankfurt. Der Antisemitismus ist moralisch verwerflich, unklug, eine lächerliche Schwäche, eine der subalternsten Bewegungen, die wir je im Öffentlichen Leben Deutschlands gehabt haben. Aber um eines möchte ich die Juden bitten, uns den Kampf durch mehr Steif nackigkeit zu erleichtern. Damit unterstützen sie uns am besten, schloß der Eedner seine mit lebhaften Beifall aufgenommenen Ausführungen. In der Diskussion wandte sich Stadtverordneter F r o in m gegen Sombarts Auffassung. Der Talmud schreibe sogar direkt vor, daß ein Drittel des Vermögens in Grundbesitz anzulegen sei. Der Eedner verwahrte sieh auch dagegen, daß die Juden ein fremdes Volk im deutschen Volk seien, sie seien gleichberechtigte Deutsche jüdischer Konfession. Rektor II e n z e schilderte die von Konsul Simon- Hannover ins Leben gerufene jüdische Erziehungsanstalt Ahlem, deren Erfolge bewiesen, daß das Judentum auch für Ackerbau und Handwerk sich trefflich eigne. Gegen die Taufseuehe. Justizrat Dr. Blau will vom Standpunkte des überzeugten Juden aus eine scharfe Seheidelinie gegen jene gezogen wissen, die aus anderen als religiösen Gründen die jüdische Gemeinschaft in ihrem schwerem Kampfe verlassen haben, (Bravo!) wenn natürlich auch vom Standpunkt des Vereins zur Bekämpfung des Antisemitismus kein Unterschied zwischen getauften und ungetauften Juden gemacht werden könne. Nach kurzer weiterer Debatte erstattete Doktor B a e r w a 1 d den Kassenbericht. Er teilte u. a. mit, daß in den nächsten Wochen der ,,A n t i s e m i t e n s p i e g e 1" in einer Neubearbeitung erscheinen wird. Nachdem noch die ausgeschiedenen Ausschußmitglieder durch Akklamation wieder gewählt worden waren, wurde die Versammlung geschlossen. |R0RR6SPONDeNZ£N Oesterreich-Ungarn, Der Verband der östlichen Juden in Wien. Wien. Am 31. Oktober fand eine Vorstandssitzung des „Verbandes der östlichen Juden" unter Vorsitz des Präsidenten Dr. S. R. Landau statt. Der Vorsitzende widmete dem verstorbenen Vorstandsmitglied, Herrn Isidor B e 1 f, einen warmempfundenen Nachruf, worauf der Beschluß gefaßt wurde, an die Witwe nachstehendes Kondolenzschreiben abzusenden: „Hochgeehrte gnädige Frau! Der endesgefertigte Vorstand des „Verbandes der östlichen Juden" hat in seiner heutigen Sitzung den Beschluß gefaßt, Ihnen die herzlichste Kondolenz des Gesamt-Vorstandes zum Ausdruck zu bringen. Ihr verstorbener Gatte hat sich als Gründer und Vorstandsmitglied unseres Vereines besondere Verdienste erworben und wird sein Name in den Annagen unseres Vereines unvergeßlich bleiben. Mit vorzüglicher Hochachtung usw." Hierauf wurde beschlossen, die Agenden des Kassiers provisorisch dem Vorstands-Mitglied, Herrn Hermann Dickstein zu übertragen. Angesichts des jüngst erfolgten Jubiläums des gewesenen Sekretärs der Baron Hirschschen Stiftung Herrn Dr. Moriz Friedländer, der sich um die östliche Judenschaft hervorragende Verdienste erworben hat, wurde einstimmig der Wunsch zum Ausdruck gebracht, den Jubilar im Namen des Verbandes zu beglückwünschen. Es geschah dies in einem Schreiben, welches an anderer Stelle veröffentlicht wird. Die beginnende Vereinssaison wird zum Ausgangspunkte einer regen Agitation gemacht werden und wurden mehrere darauf bezügliche Beschlüsse gefaßt. * * * Dr. Moriz Friedländer als Jubilar. Wien. In gewohnter Bescheidenheit hat sich Dr. Friedländer bemüht, allen Ovationen seiner zahlreichen Freunde und Verehrer sowie der dankbaren Schullehrer zu entgehen, indem er seinen Geburtstag geheim hielt. Aber es gelang ihm nicht. Als erster Gratulant stellte sich der Sekretär der Kultusgemeinde, kais. Rat Dr. Lieben, mit einem reichen Blumenschmuck ein, bald folgten unzählige Briefe und Telegramme. Die Inspektoren und Lehrer der Baron Hirsch'schen Schule übersandten eine goldene Feder und ein silbernes Tintenzeug. Jedem der Gratulanten hat Dr. Friedländer mit einigen Zeilen geantwortet, den Inspektoren mit nachstehenden humorvollen Versen: Inspektor Engländer. Tintenfaß und Feder Machten zur Schul' das Glieder. Giebraucht man sie verständig, Sie macheu Tüte lebendig. Inspektor Grünes. Die Herren vom Katheder, Sie lieben Tint' und Feder. Es ist auch mein Idol Dies prickelnde Symbol. Inspektor Sperber. Die Feder und das Tintenfaß, Sie ärgern mich oft blau und blaß; Doch tät's mich baß verdrießen, Müßt' ich dieselben missen. Der „Verband der östlichen Juden in Wien" richtete an Herrn Dr. Friedländer nachstehendes Beglückwünschungsschreiben: „Wien, 1. November 1911. Euer Hochwohlgeboren! Der gefertigte Vorstand des „Verbandes der östlichen Juden" hat in seiner letzten Vorstandssitzung den Beschluß gefaßt, Sie anläßlich des 70. Geburtstages herzlichst zu beglückwünschen. Sie haben einen großen Teil ihrer Lebensarbeit in den Dienst der östlichen Juden gestellt und um die Hebung der Kultur sowie des geistigen Niveaus der gatizischen Judenschaft sich unsterbliche Verdienste erworben. Ihr Name wird in der Geschichte der galizischen Juden eine ruhmreiche Stelle einnehmen. Möge es Ihnen vergönnt sein, sich noch viele Jahre der besten Gesundheit und geistiger Frische zu