Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 der Persönlichkeit ist es, das zur Duldsamkeit in nationaler und konfessioneller Hinsiebt führt. Deshalb ist die Judenfrage für alle kulturell rückständigen Völker eine sehr schwierige und war es auch für Deutschland lange Zeit. Um so mehr, als das Judentum lange ein für sieb abgeschlossenes Volk im Staat sein wollte. Das Verhältnis war trotzdem ein erträgliches Ins durch die Kreuzzüge die konfessionelle Leidenschaft auch im deutschen Volk so stark wurde, daß man die Juden verfolgte und ins Ghetto verbannte. Die Juden wurden ausgeschlossen vom Handwerk und Ackerbau, und so geradezu zum Geldgeschäft und Handel gedrängt, wodurch wieder ein neuer wirtschaftlicher Gegensatz geschaffen wurde; denn wer Geld hat, hat auch einen großen wirtschaftlichen Einfluß und erregt den Neid der weniger Besitzenden. Jetzt ist ja wohl der Ackerbau in Deutchland den Juden gestattet, aber gehen Sie einmal nach Ostelbieb und sehen Sie wie dort ein jüdischer Grundbesitzer gesellschaftlieh boykottiert und von allen Ehrenämtern ausgeschlossen wird. Auch von vielen Beamtenstellen ist das Judentum ausgeschlossen und so auch heute noch zum Geldbewerb durch Handel und Börsengeschäfte gedrängt. Dadurch steigert sich in den jüdischen Familien das Kapital von Generation zu Generation und damit steigt der Neid des weniger Begüterten. Die Verhältnisse in der Armee. Besonders schlimm liegen die A^erhältnisse bei der Armee und Marine. Seit 1880 wurde kein Jude mehr zumEeserveoffizierin der preußischen Armee befördert und alle unsere Beschwerden im Eeichstag haben nichts genützt, obwohl die Kriegsminister die Verfassungswidrigkeit dieses Zustands anerkannten. Die Macht der Minister ist eben geringer als die der konservativen Machthaber. Auch die Tätigkeit der Juden in der Politik wird durch den Antisemitismus ungeheuer erschwert, da es nicht leicht möglich ist, jüdische Kandidaten für die Wahlen aufzustellen, und zwar zum Schaden des deutschen Volkes. Man braucht nur darauf hinzuweisen, was Parlamentarier wie S i m s o n, Lasker, Bamberger in der Politik geleistet halten. Weit gefährlicher als der offene ist der versteckte Antisemitismus, wie er sich seit der Ablösung der liberalen Aera im deutschen Eeich durch die Eeaktion praktisch betätigt. Eine Besserung der Verhältnisse und eine Verwirklichung unseres liberalen Verfassungsideals ist nur möglich, wenn wieder eine freiheitliche Mehrheit im Eeichstag sitzt. Wem es ernst damit ist, daß Deutschland ein Kulturstaat sein soll, wer der Meinung ist, daß die Gerechtigkeit die Grundlage aller Staaten ist, der arbeite mit uns daran, daß der Antisemitismus, diese Schmach des Jahrhunderts, verschwinde und die Verfassung nicht ein Stück Papier bleibe, sondern in die Tat umgesetzt werde. (Langandauernder, lebhafter Beifall.) Dann erörterte Landtagsabgeordneter F u n c k - Frankfurt a. M. Die Bedeutung des Judentums im Kultur- und Wirtschaftsleben Deutschlands. . Er untersuchte zunächst die Angriffe, die gegen das Judentum gerichtet werden. Im wirtschaftlichen Leben zeigt es sich, so führte der Ecdner aus, daß alle Juden »'ine besondere Veranlagung zur geschäftlichen Betätigung haben. Ob es richtig ist, daß das, wie So in hart behauptet, auf religiösen Motiven beruht, kann ich nicht nachprüfen; Sombart allerdings ist von der Eiehtigkeit seiner Beweisführung überzeugt. Das ist aber sicher, daß man die geschäftliche Tüchtigkeit des Judentums an maßgebenden Stellen vielfach schon in früheren Jahrhunderten, so in Hamburg und Leipzig, zu schätzen wußte und ihnen in diesen Städten deshalb besonderen Schutz angedeihen ließ. Auch an den Fürstenhöfen spielten die Juden eine große Polle für die Geldbeschaffung. Der Eedner würdigte im Anschluß daran besonders die Tätigkeit der Familie Eothschild, die auch eine wichtige Eolle bei der Neugestaltung des staatlichen Finanzwesens im Anfang des 19. Jahrhunderts spielte. Später entwickelten sich dann die Börsen und Großbanken, an denen jüdisches Kapital und jüdische Intelligenz hervorragend beteiligt waren und die dann den ganzen internationalen Geldverkehr in die Hand nahmen. Im Anschluß daran hat sich unsere Industrie in großartiger Weise entwickelt, wo in leitenden Stellen ein starker Prozentsatz von Juden tätig ist. Dabei ist es natürlich, daß Klagen über die jüdische Konkurrenz entstehen, wie das auch in früheren Jahrhunderten der Fall war. Wer als Kaufmann tätig ist, kommt allerdings zu der Ueberzeugung, daß dem Judentum eine gewisse Ueberlegenheit im kaufmännischen Beruf eigen ist. Es hat fördernd und belebend auf Handel und Verkehr gewirkt, und hat am Aufschwung des Deutschen Eeich es einen großen Anteil. Die Bekämpfung des Judentums durch den Antisemitismus aber schädigt unsere Entwicklung und deshalb ist zu wünschen, daß der Kampf abflaut. Von ihren reichen Mitteln haben die Juden einen guten Gebrauch gemacht. Ihre Opferwilligkeit für unsere kulturellen Bestrebungen ist vorbildlich. Zwanzig Juillionen jüdische Stiftungen. In F r a n k f u r t allein wurden in den letzten 50 Jahren jüdische Stiftungen im Gesamtbetrag von zwanzig Millionen Mark gemacht, von denen acht Millionen für wissenschaftliche Zwecke gegeben wurden. Besonders auf dem Gebiet der Sozialpolitik hat Frankfurt eine Entwicklung zu verzeichnen, wie kaum eine andere Stadt. Hier steht das jüdische Kapital an der Spitze. Ich brauche nur Namen wie Hall g arten, Speyer, Stern zu nennen. Unter den großen Aufwendungen für Bildungszwecke ist vielleicht an erster Stelle Konsul Simon- Hannover, der Gründer der Erziehungsanstalt Ahlem, zu nennen. Das Judentum hat Preußen auch zwei Minister, F r i e db e r g und F r i e d e n t h a 1, gegeben : der badische Finanzminister Ellstädter und Dem b u r g waren gleichfalls jüdischer Abstammung. Die Sozialdemokratie aber fußt auf den jüdischen Politikern M arx und Lasalle. Auch heute noch haben die Juden ein reges Interesse für die Politik und es wäre zu wünschen, daß das bei den Christen ebenso wäre. Juden in der Presse und Literatur. In der Journalistik will ich nur auf Eudolf Mosse und auf Leopold Sonnemann, den Gründer der „Frankfurter Zeitung", hinweisen Ueber den Wert, die Bedeutung und den Einfluß dieses Blattes braucht man heute kaum noch etwas zu sagen. Die „Frankfurter Zeitung" ist heute das deutsche Weltblatt. Sonnemann war aber nicht nur ein hervorragender Politiker und Geschäftsmann. Seine Bedeutung für das öffentliche Leben und sein weiter Blick bewährte sich in hervorragendem Maße bei der Veranstaltung der elektrischen Ausstellung. Er war ein Mitbürger, wie wir uns nur recht viele wünschen können. Literarisch sind ebenfalls viele Juden hervorragend tätig. Heine hat allerdings bei uns noch nicht die Würdigung gefunden, die ihm im Ausland zuteil wird. Der Eedner kritisierte dann die antisemitischen Strömungen an den Universitäten. Der Antisemitismus an den Universitäten. Das Projekt der Frankfurter Universiät hat aber gerade in jüdischen Kreisen besondere Förderung ge-