Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" Seite 5 „Der Schüler muß rüstig mitarbeiten. Lehrer und Schüler müssen einträchtig zusammengehen, wenn sie das Ziel erreichen sollen: w a j e 1 c h u s c h n e h e m j a c h d o w ... Gelingt es dem Lehrer nur erst den Schüler reden zu machen . . ." Wie aber soll dies dem Lehrer gelingen? Nun, ganz einfach — wie dies unzweideutig aus dem ganzen Referat hervorgeht — durch eine verwilderte, das naive kindliche Gemüt vergiftende Bibelauslegung, davon der Referent in den eben zitierten Wortein ein „geistreiches" Beispiel gibt, und Nachahmung einer zügellosen Kanzel-Bibelexegese! Und welche Lehrer sollen das Kunststück, den Schüler reden zu machen, zustande bringen? Nun, welche sonst, als die gegenwärtigen, zu denen der Referent des Kultusvorstandes spricht, die sein Referat für völlig ohnmächtig und unfähig erklärt, sie beschuldigend, blind gegen den Verfall der Religionsschule gewesen zu sein und gemeinsam „mit dem Vorstand in ein D an|ai|denf aß geschöpft, eine Quadratur des Zirkels zuwege gebracht zu haben". — Von diesen selben Lehrern wird die Regenerierung des Judentums im Wege des Religionsunterrichtes, den sie so heillos verfahren, erwartet! Ein krasserer circulus vitiosus als jener ist, in welchem sich das ganze Referat bewegt, ist kaum denkbar. Wie kann es auch anders kommen, wenn Eldad und Medad, die keine Ahnung von dem Geiste der jüdischen Religion, nicht einen blauen Dunst von deren Entwicklungsgang haben, anfangen, sich als Propheten zu gebärden, sich verwegen anmaßen, das Judentum, von dem sie nur die arg verkümmerten Auswüchse einer ganz versumpften Zeit in sich aufgenommen, regenerieren zu wollen! Die alle möglichen und unmöglichen „Stimulantien" (sie!) in Anwendung gebracht wissen wollen, um der Jugend die Religion einzuimpfen, eine Religion, von der wie von keiner anderen das Wort Goethes gilt: „Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor!" Und auch was folgt, ist Volksbeglückern von den Qualitäten des Hern Dr. M. Steiner auf den Leib gestrichen, die mit klingenden Phrasen über die heiligsten und schwierigsten, ihnen völlig unverständlichen Dinge hinwegkommen zu können vermeinen. Der Dichter fährt nämlich fort: „Und wenn's euch ernst ist, was zu sagen, Ist's nötig, Worten nachzujagen? Ja, eure Reden, die -so. blinkend sind, In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt! Sind unerquicklich wie der Nebelwind, Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!" Ein mit „Stimulantien" gespickter Religionsunterricht für die noch naiv gläubige, für reine Naturlaute noch empfängliche Jugend! Zu diesen „Stimulantien" gehört auch der krause Einfall, die Methode der mittelalterlichen Jeschiba, die ja auch jene der Machs und Oswalds sei, den P i 1 p u 1, in die heutige Religionsschule wieder einzuführen! Mit dem Pilpul könne noch das Judentum, dessen Bestand nebenbei bemerkt von keiner Seite, als von der seiner unberufenen „Führer", bedroht ist, gerettet werden: „Die Mitarbeit der Schüler", so doziert der Referent des Kultusvorstandes, „zu benützen, ist keine neue, sondern eine uralte, und zwar altjüdische Methode. Sie wurde von jeher in jeder Jeschiba geübt: der Rebbe trägt vor, die Bachurim stellen Fragen, diskutieren, lesen Texte und Kommentare....." Da wären wir in der Tat nicht mehr weit vom Cheder, welches seit Dezennien aus Galizien verbannt wird und regelrechten Schulen den Platz räumen müssen. — Sind wir wirklich schon dahin gelangt, ihnen bei uns Freistätten und Bürgerrechte zu gewähren? Ein klägliches Armutszeugnis stellt der Referent sich und dem Kultusvorstand aus, wo er darauf drängt, die Schüler zur Privatlektüre anzuregen und in einem Atem jammert, daß es geeignete Lehrbücher gar nicht gibt. „Spottet seiner selbst, und weiß nicht wie." „Die Schüler — so mahnt er — zur Privatlektüre zu veranlassen, ist umso wichtiger, a 1 s e s bekanntlich für den jüdischen Religionsunterricht an geeigneten Lehrbüchern fehlt." Ja, was hat denn Dr. M. Steiner, der jetzt ein viertel Jahrhundert im Vorstand sitzt und seine ganze Kraft dem Religionsunterricht widmet, was haben seine Kollegen im Vorstand die lange Zeit getan, um diesem tief beschämenden Mangel abzuhelfen? Sie haben, zumal in den letzten Jahren, Tausend© und Abertausende Gulden zur Schaffung einer Makulaturliteratur verschleudert, einer Literatur, die niemand liest, die niemanden fördert oder anregt, einer Familienliteratur, die selbst die Nachkommen dieser Familien nicht interessiert, da sie längst im Christentum aufgegangen.--Aber sie haben mit den für diese Zwecke überreich verwendeten Geldmitteln auch nicht ein einziges, nur halbwegs brauchbares, die Jugend auch nur einigermaßen ansprechendes Religionsbuch zustande gebracht! (Schluß folgt.) Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Deutschland. Frankfurt, den 23. Oktober. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt gestern abends im Saale der Frankfurt-Loge seine stark besuchte Generalversammlung ab. Am Vorstandstiseh befanden sich u. a. Pfarrer Battenberg, Dr. ßaerwald, Stadtverordneter v. Lasaulx-Frankfurt, Justizrat Gallus-Darmstadt, Landtagsabgeordneter Reh-Alsfeld, Geheimrat Benoit-Karlsruhe. Der erste Vorsitzende des Vereins, Reichstagsabgeordneter Gothein eröffnete die Versammlung mit dem Bekenntnis, daß die Tätigkeit des Vereins noch sehr notwendig sei, wenn auch der Antisemitismus in seinen gröbsten Formen abgewirtschaftet habe. Auch die heutige Versammlung solle zur Bekämpfung der antisemitischen Tendenzen beitragen. An den Geschäftsbericht schloß sich das Referat des Reichstagsabgeordneten Gothein: Der offene und versteckte Antisemitismus. Je politisch rückständiger ein Volk ist, desto stärker zeigen sich die konfessionellen Gegensätze, meinte der Redner. Wenn in England und Amerika konfessionelle Gegensätze nicht mehr bestehen, so ist das doch erst die Folge langwälirender Glaubenskämpfe, besonders in England. Wo sich die Gegensätze noch durch Stammesgegensätze verschärften, wie in Irland, waren die Verhältnisse natürlich noch schlimmer als bei einer national einheitlichen Bevölkerung. Das mir im kulturell fortgeschrittenen Staat geltende Eecht