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Neue Nationalzeitung · 1911-11-03 · Heft 22 (3.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 22 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Pater Stojalowski. Gebrochen an Leib und Seele, von seinem Anhange verlassen, moralisch geächtet, ist der Begründer des polnischen Hetzantisemitismus vor einigen Tagen in Krakau gestorben. Der einstige Führer der polnischen Bauernbewegung, der gegen die Verfolgung der Schlachta bei Juden und Sozialdemokraten Schutz suchte und auch fand, hat um materieller Vorteile und politischer Mandate wegen seine Partei schließlich der Schlachta ausgeliefert und die antisemitische Fahne gehißt. Die Judenexzesse in Neu-Sandez und Jaslo vom Jahre 1898 bildeten den Anfang seiner antisemitischen Karriere und damit seines politischen und moralischen Niederganges. Die polnischen Bauern wendeten sich von ihm ab, das Häuflein seiner Anhänger wurde immer kleiner und beidenletztenEeichsratswahlen blieb er ohne Mandat. Für den blutrünstigen Antisemitismus ist unter den polnischen Bauern kein Platz; der Antisemitismus als Geschäft, wie ihn Stojalowski auszubeuten versuchte, hat versagt. Es ist ein Beweis der politischen Eeife des polnischen Bauernstandes, daß dieser Hetzpfaffe ein so klägliches Ende gefunden hat. Der Fall Mahler. Mandate konzediert, sie haben einen Bernard Stern, einen Dr. Steinhaus und einen Dr. Groß zu jüdischen Vertretern ernannt. "Wie viel diese Leute wert sind, zeigt sich jetzt klar. Stern schweigt; das ist immerhin noch ungefährlich. Aber Steinhaus, der Abgeordnete des Beizer Eabbi, und Groß, der Auserwählte der Juden von Kazmierz, scheinen absichtlieh die jüdischen Interessen preiszugeben. Haben diese Leute Sorgen! Steinhaus, der jüdische Advokat aus Jaslo, macht nur im Kartellwesen; Groß ist Spezialist in der Wohnungsfürsorge. Wer soll dann die jüdischen Angelegenheiten im Auge behalten? Der Allpole Pias oder Herr Stapinski oder die getauften Juden, die im Polenklub sitzen? Zwischen Steinhaus und Groß besteht allerdings ein Unterschied: ersterer figuriert als „Konservativer", letzterer als „Demokrat". Sie sind aber beide in einer Beziehung gleich: sie geben in gewissenloser Weise die jüdischen Interessen preis. Wie wird man denn sonst ein — „Parlamentarier"? Herr Dr. Arthur Mahler ist Dozent für Kunstgeschichte an der Deutsehen Universität in Prag. Als er vor vier Jahren auf Grund eines zionistischen Programms in den Eeichsrat gewählt wurde, haben die deutschen id est antisemitischen Studenten dagegen protestiert, daß er weiter Vorlesungen abhalte. Herr Dr. Mahler hat infolgedessen seine Vorlesungen eingestellt. Er hat nicht protestiert; er hat sieh das ruhig gefallen lassen, wiewohl ihm die parlamentarische Tribüne zur Verfügung stand. Und nun ist Dr. Mahler nicht mehr Abgeordneter; er ist auch nicht mehr Mitglied der zionistischen Partei. Er will seine Vorlesungen wieder beginnen und wieder protestieren die antisemitischen Studenten gegen die Vorlesungen eines „Fremdlings". Und wieder läßt Dr. Mahler mit seinem bewundernswerten Temperament dies über sich ergehen und sistiert wieder seine Vorlesungen. Liegt hier bloß eine Privatangelegenheit des Herrn Dr. Mahler vor? Hat er nicht vielmehr als Mann und als Jude die Pflicht, seine akademische Würde gegen antisemitische Vergewaltigung zu schützen? Was die deutschen Studenten heute gegen Dr. Mahler unternehmen, könnten sie morgen gegen jüdische Dozenten und Professoren inWien versuchen. Dr. Mahler läuft davon und schafft einen Präzedenzfall. Herr Dr. Mahler ist auch Vorstandsmitglied der Wiener „Union", die sich den Schutz der Juden gegen politisches Unrecht zur Aufgabe gemacht hat. Wie kann die jüdische Bevölkerung zu einer Organisation Vertrauen haben, deren Vorstandsmitglied nicht einmal den Mut hat, die Entscheidung des Eektors und des Unterrielitsministers abzuwarten? Das hätte er ja wenigstens tun sollen! An der Berliner Universität dozieren der Sozialdemokrat Dr. Ahr o n s und der Zionist Dr. Oppenheimer. Dr. Heinrich Baue lifo e r g, der Eektor der Prager Universität, ist der Enkel eines Podgörzer Schenkers und selbst als polnischer Jude geboren! Und Herr Dr. Mahler wirft die Flinte ins Korn, weil die antisemitischen Studenten protestieren. Es ist sehr traurig um die österreichische Judenschaft bestellt, wenn solche Männer in die erste Eeihe gerückt werden. Die Zahl der „Hausjuden" im Polenklub hat sich dank der Gnade des galizischen Statthalters in der letzten Zeit vermehrt. Die Polen waren wirklich sehr gnädig. Sie haben ihren Juden neun Die allerjÜDgsten „Hausjuden". Der jüdische Heligionsunferrichf wird — reformiert. (Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner als „Reformator".) (Fortsetzung.) II.*) Sollen wir noch der „radikalen Umwälzung" gedenken, die der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner „vorzuschlagen" sich gedrängt fühlt? Nicht der Mühe wert. Wenn wir sie aber gleichwohl streifen, so geschieht dies lediglich, um zu zeigen, daß aus dem Schöße dieses Kultusvorstandes, mag immerhin ein Mitglied desselben, wie Dr. Steiner, das Uebel, an welchem die: heutige Religionsschule krankt, gründlich erkannt haben, nie und nimmer Heilung erblühen wird. Liest man seine Vorschläge zu einer „radikalen Umwälzung", so frägt man unwillkürlich, worin eigentlich die Umwälzung bestehen soll. Alles bleibt vielmehr beim Alten, nur wird das Uebel noch verschärft und stabilisiert. Man hört Worte, Worte, nichts als Worte und ärgert sich schließlich einem leitartikelnden Journalisten aufgesessen zu sein. Ein hohles Pathos soll über die öde innere Leere hinwegtäuschen. Man hört das Mühlrad rauschen, aber man sieht kein Mehl. Eines aber ist aus dem Referat mit großer Deutlichkeit herauszulesen: Der Kampf (alias Hetze) soll von der Kanzel, auf der er in neuester Zeit aus Mangel an Fähigkeit Positives zu leisten und innere Erhebung zu gewähren, mit breitem Behagen geführt wird, in die Religionsschule verpflanzt werden. Schon das erste Wort, das hier über die neue Methode, die eine „radikale Umwälzung" herbeiführen soll, gesprochen wird, verrät die moderne journalistische Bildung, die ihr Wissen und ihre Weltanschauung aus der materialistischen Schule schöpft, deren Methode si£ auf den reinen, jeden Materialismus ausschließenden Religionsunterricht übertragen will, von der allein sie noch Erlösung erwartet. „Wenn es gelingt," sagt er, „die Energetik (!) in die Religionsschule zu verpflanzen, die Methoden Oswalds und Machs für unsere Schüler zu adaptieren, so kann alles noch gut werden." — Die neue Offenbarung lautet: *; Siehe „NeueNational-Zeitung" Nr. 21, vom 20. Oktober 1911.

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