Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Dr. Moriz Friedländer: t)ie Entstehung der Baron J4irschschen Schulstiftung *) In den Jahren 1881 bis 1882 bekam ich während meines längeren und wiederholten Aufenthaltes in Brody gelegentlich der russischen Judenaustreibung in die desolaten Verhältnisse in Galizien einen Einblick und teilte meine Wahrnehmungen dem Vorstande der Israelitischen Allianz zu Wien mit, dessen Sekretär ich war. Im Jahre 1883 machte ich über Sendung der Allianz eine vierwöchentliche Studienreise durch Galizien und legte meine dort gesammelten Erfahrungen in einem Referate nieder, das in wenigen Exmeplaren gedruckt und unter anderen der Pariser Alliance und dem Baron H i r s c h in je einem Exemplare zugeschickt wurde. Nicht lange darauf brachte das Vorstandsmitglied der Alianz, Herr Eduard Ritter von Wiener, ein naher Verwandter des Baron Hirsch, freudig erregt die Nachricht, daß der letztere ganz zweifellos der Allianz in ihrem für Galizien geplanten Kulturwerke zu Hilfe kommen werde. Er habe, so berichtete er, Baron Hirsch auf Schloß St. Johann an der March, wo er gegenwärtig seine Jagden abhalte, besucht und die Baronin Hirsch bei der Lektüre des von der Allianz erhaltenen galizischen Berichtes angetroffen. Sie sei in tiefe Rührung versetzt gewesen und habe einüber das anderemal ausgerufen: E s müsse da etwas geschehen. Dem habe auch Baron v. Hirsch zugestimmt und sich eingehend über die Verhältnisse der Allianz informieren lassen, wobei er, Herr v. Wiener, die Ueberzeugung gewonnen habe, daß der Baron sicherlich hier helfend eingreifen werde. Monate verstrichen und über die Sache schien Gras gewachsen. Da erhielt ich eines Tages im Winter eine höfliche Einladung, nach Paris zu kommen, um persönlich die galizische Angelegenheit mit ihm zu besprechen. Ich erfuhr da eine große Enttäuschung. Baron Hirsch folgte meinen Ausführungen mit lebhaftesten Interesse, erklärte aber schließlich, so sehr er mir zustimme, daß hier Hilfe geschaffen werden müsse, so sehr gingen unsere Wege, die zum gewünschten Ziele führen sollen, auseinander. Im Gegensatze zu mir verlange er, als conditio sine qua non, daß die jüdischen Kinder in Galizien behördlich zum Besuche der öffentlichen Schulen gezwungen werden, da er für eine unbedingte Assimilierung sei. Zu diesem Zwecke sei er bereit, bedeutende Hilfsmittel zu gewähren. — Vergebens bemühte ich mich, ihm die Erfolglosigkeit eines solchen Beginnens zu beweisen, ihm schließlich dreist erklärend: „Geben Sie mir Millionen und verlangen Sie>, ich solle mich mit denselben in den Brunnen stürzen; glauben Sie, daß ich sie annehmen werde? Die Allianz kann, selbst wenn — was ganz unmöglich — ein solches Unternehmen gelänge, es nie und nimmer wagen etc. . . ." Baron Hirsch blieb standhaft bei seiner Ansicht und meinte, daß die Allianz und ich Reaktionäre seien. — Die erste Unterredung verlief resultatlos, doch bat er mich beim Abschied, ihn am anderen Tag wieder zu besuchen. Am anderen Morgen empfing er mich mit ungemeiner Liebenswürdigkeit. Die Besprechung dauerte mehrere Stunden; aber in seiner Ansicht blieb er gleichwohl unerschüttert: A s s i m i 1 i e - rung! Zum Schluß erklärte er sich gern bereit, für die damals von der Allianz geplante Errichtung einer Handwerkerschule in Krakau eine größere Summe widmen zu wollen. Trotz des sehr warmen Abschiedes hielt ich ein Zusammengehen mit Baron Hirsch für ausgeschlossen. Die Allianz ging ihre eigenen Wege wieder, rechnend mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln. Der briefliche Verkehr mit Baron Hirsch aber dauerte fort. Immer hatte er etwas zu fragen und immer hatte ich Gelegenheit, ihn über die galizischen Sachen auf dem Laufenden zu erhalten. In der Folge glaubte ich zu bemerken, daß er sich immer mehr für die galizischen Allianzschöpfungen zu interessieren begann. Und eines Tages erhielt ich von ihm einen ausführlichen Brief, in dem er mir mitteilte, er habe sich entschlossen, seinen Freund und Almosenier. Herrn Veneziani, auf eine längere Studienreise nach Galizien zu senden und er bäte mich, die Führung zu übernehmen. Herr Veneziani kam in Begleitung eines Sohnes und des Herrn Bigart von der Pariser Alliance, der jetzt ihr Sekretär ist, und wir reisten vier Mann stark nach Galizien. Eine ganze Literatur über die galizischen Zustände erstand jetzt. Täglich gingen ausführliche Berichte aus Galizien an Baron Hirsch ab und stimmten ihn schließlich um, ihn auf die Wege der Allianz leitend. Als ich nach unserer Rückkehr wieder nach Paris kam, war er ganz zu meiner Ansicht bekehrt und der Plan zur galizischen Schulstiftung war bald entworfen. Nach dem Tode des wackeren Veneziani schloß sich Baron Hirsch mir immer enger an und widmete in seinen häufigen Briefen unverholen Anerkennung meinen Arbeiten. Das Uebrige ist bekannt. POLITISCHE RUNDSCHAU. Der Papst — König von Jerusalem. *) Ueber unser Ersuchen war Herr Dr. Eriedländer sofreundlich, für unser Blatt diesen Artikel, der gewiß von geschichtlicher Bedeutung ist, zu schreiben. Die Redaktion. Das mag wohl nur ein Scherz sein. So grausam kann die Geschichte nicht sein, daß sie das Land unserer Sehnsucht, die Stätte unserer geschichtlichen Vergangenheit, den Ausgangspunkt unserer Kultur dem katholischen Papst mühelos in den Schoß lege. Für Italien mag dies wohl ein billiger Ausweg sein, um die päpstlichen Souveränitäts-Ansprüche auf Eom los zu werden; die in Palästina interessierten Mächte, Deutschland, England und "Rußland, als nichtkatholische Staaten, werden wohl nie darauf eingehen und auf die eigenen Aspirationen nie verzichten. Für die Juden und die jüdischen Institutionen in Palästina wäre die päpstliche Herrschaft das größte Unglück. Als Volk und Eeligionsgemeinschaft würden ihnen die Wurzel ihres Daseins abgeschnitten, werden, die katholische Kirche wäre die Staatskirche und eine mittelalterliche Proselytenmacherei in modernem Gewände, d. h. ohne Torturen und Seheiterhaufen, würde ihren Anfang nehmen. Doch dazu wird es nicht kommen. Italien ist das letzte Land, welches Palästina zu verschenken hat.