Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ,,Neue National-Zeituno" Nr. 22 seiner Institution hat, so macht der Sekretär alles, das heißt nichts. Er erledigt den Einlauf und bereitet die Briefe vor, die der Präsident unterschreibt. Keine Komplikationen und keine Verantwortung. Was war Dr. Friedländer? Er war vorerst Religionslehrer an den Wiener Schulen. Einer der besten: von seinen Vorgesetzten, in erster Linie vom damaligen Obmann der Unterrichtssektion im Kultusvorstande und Delegierten im Landessehulrate Doktor Kompert, hochgeachtet, von seinen Schülern, die er in der Religionsstunde durch seinen Vortrag besonders anzuregen verstand, verehrt. Allein Dr. Friediänder blieb nicht lange in diesem Wirkungskreise. Im Jahre 1879 kam er zur „Israelitischen Allianz" als Sekretär und hier begann seine eigentliche von großen sozialen Gesichtspunkten getragene philantropische Tätigkeit Sie dauerte bei der Allianz bis zum Jalire 1890 und fand dann bei der Baron Hirschschen Schulstiftung im Jahre 1900 ihren Abschluß. Gegenstand der besonderen Fürsorge waren für Dr. Friedländer die galizischen Juden. Was er in dieser Beziehung geleistet hat, läßt sich schwer in den knappen Umrissen eines Zeitungsartikels gebührend würdigen. Ich müßte sonst die Geschichte der galizischen Juden in diesen zwanzig Jahren schreiben. Dr. Friedländer kam zuerst im Jahre 1881, als er gemeinsam mit Netter und Dr. Schafir anläßlich der Massenflucht der Juden aus Rußland nach Brody fuhr, in die Lage, die Verhältnisse der galizischen Juden zu studieren. Er erkannte, daß hier wirtschaftliche Notlage mit kulturellem Rückstände Hand in Hand gehen, daß an eine Besserung ihrer materiellen Not nicht früher zu denken sei, bis sie nicht wenigstens die primitivsten Elemente allgemeiner Bildung ihr eigen nennen. Der Analphabetismus der galizischen Juden mußte nach Ansicht Dr. Friedländers ausgerottet, das Cheder überflüssig gemacht werden. Die jüdische Schule für die galizischen Juden wurde seine Hauptlebensaufgabe. . Schulen und nur Schulen, das war sein Programm; sie sollten den Grundpfeiler für die kulturelle und wirtschaftliche Regeneration der galizischen Juden bilden. Er gründete zuerst mit den bescheidenen Mitteln der Allianz einige Schulen und als es ihm dann gelungen war, den Baron Hirsch für seine Pläne zu gewinnen, da konnte er an die Verwirklichung seines großzügigen Planes schreiten, durch ein Netz von jüdischen Volksschulen der jüdischen Jugend in Galizien und Bukowina die Möglichkeit zu geben, ohne Verletzung oder Hintansetzung ihrer religiösen Gefühle, unbelästigt von den Schikanen judenfeindlicher Lehrer und Lehrerinnen, sich die elementarsten Grundsätze allgemeinen Wissens zu erwerben, ohne die der galizische Jude an die Scholle gebunden blieb und zum Gespötte seiner Umgebung wurde. Doch die Schule war nach Ansicht Dr. Friedländers nicht Selbstzweck. Sie sollte die fanatisch gesinnten Massen zum Handwerke vorbereiten, in dem sie bisher etwas Entwürdigendes sahen. Und haben sie das Handwerk erlernt, dann sollten sie hinaus, hinaus in die weite Welt ... Dr. Friedländer erhielt von Baron Hirsch reich- . liehe Mittel zugewiesen. Aber sie allein genügten noch nicht, um die Schulen ins Leben zu rufen. Da galt es oft den gewaltsamen Widerstand der rückständigen Bevölkerung zu überwinden, das Mißtrauen der Landesverwaltung zu zerstreuen und sich selbst über das aggressive, im besten Falle passive Verhalten der Wunderrabbis und Rabbiner hinwegzusetzen. Und die zähe, unbeugsame Natur Dr. Friedländers, sein organisatorisches Talent haben hier die Feuerprobe überstanden. Er hat in kurzer Zeit ein Heer von tüchtigen Lehrern aus dem Boden gestampft und über 40 Volksschulen in verschiedenen Städtchen Galiziens und der Bukowina errichtet, wo sie heute als Notwendigkeit und Segen anerkannt werden. Ein glücklicher Gedanke war es, daß Dr. Friedländer die edle Baronin Hirsch zu bewegen verstand, eine besondere Stiftung zu errichten, aus deren Erträgnissen die Schüler auch bekleidet und verpflegt wurden. Aus den Mitteln dieser Stiftung wurden in mehreren Orten auch Wirtschaftsschulen für erwachsene Mädchen errichtet; dadurch hat Dr. Friedländer bewiesen, daß keine wunde Stelle der galizischen Judenfrage seiner Aufmerksamkeit entging. Die Handwerkerschulen sind leider mißlungen und das neu eingeführte System des Lehrlingswesens dürfte schwerlich jene Früchte tragen, die dem hochherzigen Stifter und dem Vollstrecker seines Willens vorschwebten. Aber hier stand Dr. Friedländer politischen Verhältnissen und persönlichen Eifersüchteleien gegenüber, deren Ueberwindung außer der Machtsphäre eines Einzelnen lag . . . Im Jahre 1900 trat Dr. Friedländer in den wohlverdienten Ruhestand. Nicht aus Bedürfnis nach Ruhe, nicht weil er in Untätigkeit sich den Genüssen des Lebens hingeben wollte, sondern weil seine überragende Individualität anderen Leuten im Wege stand und seine Autorität sie in den Schatten stellte. Der Präsident David von Guttmann wollte sich damit nicht begnügen, bloß einige tausend Briefe jährlich zu unterschreiben . . . Ist es noch notwendig, den Menschen Friedländer zu schildern, seine große Herzensgüte, trotz seines scheinbar schroffen Wesens, das wiederum ein Ausfluß seines offenen, aufrichtigen Charakters ist? Hat er jemals seine Hilfe versagt, so lange er durch seine Intervention beim Baron oder der Baronin helfen konnte? Ich möchte hier einen Fall nicht unerwähnt lassen. Es war vor zirka 15 Jahren, als ein inzwischen berühmt gewordener jüdischer Schriftsteller durch eine finanzielle Unvorsichtigkeit in eine Situation geriet, durch die seine materielle und moralische Existenz aufs Spiel gesetzt wurden. Ich hatte als sein Freund und Rechtsfreund zugleich die Aufgabe, die Sache zu ordnen. Ich hielt es für das Ratsamste, mich dem Hemi Dr. Friedländer anzuvertrauen. In einigen Tagen beschatte er das Geld und alles wurde applaniert. Es war nicht die einzige Familie, die Dr. Friedländer gerettet hat. Nun ist er Privatmann. Sein unermüdlicher Geist hat sich einem großen, bisher ganz vernachlässigten Zweige der jüdischen Religionsphilosophie zugewendet und er erntet reiche Lorbeeren, zum großen Aerger aller jener, die berufen wären, die jüdische. Wissenschaft zu pflegen, weil sie dazu bestellt sind. Mögen sie sich noch recht lange ärgern. Auch Dr. Friedländer ärgert sich oft in seinem jugendfrischen Temperamente über so manche Zustände im öffentlichen jüdischen Leben, weil er ein geschworener Feind des Cliquenwesens und der Volksbevormundung ist. Hätten wir solcher Männer recht viele! Allein woher sollen sie kommen? Das jüdische Gemeinde- und Gesellschaftsleben in Wien tötet jeden Schwung und erdrückt jede Individualität. Freuen wir uns, daß wir solche vereinzelte Männer haben wie Dr. Friedländer. Möge er uns noch recht lange erhalten bleiben.