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Neue Nationalzeitung · 1911-10-20 · Heft 21 (20.10.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 21 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" rEvlILLETON. Prof. Dr. Max Grünfeld: Ein biblisches Moment in einer Novelle Sudermanns. Der Einfluß biblischer Stoffe auf die Werke der Weltliteratur ist noch nicht wissenschaftlich gewürdigt und dargestellt worden. Es wäre ein Riesenwerk, eines gelehrten und der Weltliteratur Kundigen würdig, dieser Aufgabe sich zu unterziehen. Die Bibel, die uns den Menschen in seinen Vorzügen, und noch mehr in seinen Schwächen zeigt, gleichsam in die innersten Herzenskammern und in die Erscheinungen seines Gefühlslebens eindringt, Charaktere der mannigfachsten Art vorführt, das menschliche Gemüt in allen seinen Regungen belauscht, ist bewußt oder manchmal auch unbewußt, die Quelle geworden, aus der die Machthaber und Fürsten des Geistes geschöpft haben. Es genügt an Namen wie Goethe, Tolstoi, Shakspeare, Schiller, Dante, Byron, Grillparzer, Anzengruber zu erinnern. Wir haben absichtlich die Größten in unhistorischer Reihenfolge genannt. Aber auch die Kleineren in der Weltliteratur sind von biblischen Stoffen beherrscht worden, haben oft, vielleicht, ohne daß sie es ahnten, Momente behandelt, deren Urkeime in dem Buche der Bücher aufzufinden sind. Wer sich mit der Lektüre moderner Schriftsteller beschäftigt, wird oft auf Gedanken stoßen, welche offenbaren, daß alles, was gedacht wird, schon vor Jahrtausenden geahnt wurde und gleichsam in der Zelle geborgen, in den biblischen Büchern vorliegt. Sud ermann gehört sicherlich zu den hervorragendsten Dramatikern und noch mehr Novellisten und Romanciers der neuesten Zeit. Seine Werke besitzen etwas Hinreißendes, nicht am wenigsten durch die Kraft seiner Prosa und die Tiefe des psychologischen Eindringens. In seinem letzten Romane „Das hohe Lied" behandelt er einen modernen Stoff mit Zugrundelegung des herrlichsten lyrischen Sanges der Weltliteratur. Doch von diesem Werke wollen wir in dieser anspruchslosen Studie nicht sprechen. S u d e r m a n n hat keinen biblischen Stoff bearbeitet, wie es der große Ire Hall Caine tut in seinen unvergleichlichen Werken „Der Manksman" und „Der Bürge". Aber als wir jetzt seine prächtige, glänzend geschriebene Novelle „D er Wunsch" wieder lasen, die in seinem Buche „Geschwister" an zweiter Stelle erscheint, und schon vor 15 Jahren in 15. Auflage der Lesewelt übergeben wurde, da ergriff sie uns mächtig und nicht am wenigsten deshalb, weil beim Ueberdenken des Gelesenen sich unser der nicht abzuweisende Gedanke bemächtigte: hier ist ein biblisches Moment enthalten, das schon die alten Kommentatoren der Bibel beschäftigte, und das dem verewigten Prediger J. N. Mannheimer den Stoff zu einem seiner mächtigsten, formvollendetsten Vorträge darbot, zu einer Rede, welche die Wahrheit mit solcher Wucht verkündet, daß der Zensor — ihren Abdruck mit dem Vermerk verbot: „Zum Drucke nicht zulässig.*) Es ist nun an der Zeit, daß wir kurz den Inhalt *) Gottesdienstliche. Vorträge gehalten im israelitischen Bethause in Wien", von J. N. Mannheimer, aus dessen schriftlichem Nachlasse herausgegeben. Wien, 1876, 2. Heft. S. 1, Anm. der Novelle Sudermanns angeben und das biblische Moment, das ihr zugrunde liegt, hervorheben. Es handelt sich in ihr um zwei Schwestern, die in ihrem Alter und in ihrer Sinnesart ziemlich von einander verschieden sind. Die erheblich ältere, Martha, heiratet nach vielen Hindernissen, die ihr nicht am wenigsten die Mutter ihres Gatten, eine abstoßende, prosaische Natur, in den Weg legt, einen geliebten Vetter, zu dessen robuster Art — Sudermann liebt die Darstellung solcher männlicher, in seiner Heimat Ostpreußen vorkommender Persönlichkeiten — sie freilich schon physisch nicht paßt. Desto besser paßte zu diesem Robert Marthas Schwester, die kräftige, sinnlich angelegte Olga. Diese aber in ihrem geschwisterlichen Edelmute fördert Roberts und Marthas Verheiratung. Die Eltern der Geschwister, der Vater, ein verschuldeter Gutsbesitzer, die Mutter, eine schwache Person, sind rasch nacheinander gestorben. Olga ist in fremde Dienste gegangen. Die Sie Roberts und Marthas läßt sich zwar nicht unglücklich an, aber immer mehr erkennt es die kränkliche Martha, wie wenig sie zur Gattin des Kraftmenschen taugt. Sie hat einem Knäblein das Leben geschenkt und ihre Lebenskraft ist erschöpft. Da sie vom wilden Kindbettfieber geschüttelt wird, eilt Olga an ihr Krankenlager, die stark zurückgehaltene Leidenschaft für den lange geliebten Robert erwacht jäh in ihr, läßt sich, wie ein reissender Strom, nicht zurückhalten, und, da sie die letzten Atemzüge der Schwester belauscht, wird sie zu dem Wunsche hingerissen: „0, möchte sie sterben!" Martha, die Unglückliehe, stirbt. Und der Wunsch, den die unselige Schwester ausgesprochen, brennt dieser auf der Seele, verfolgt sie wie den Wahnsinnigen die Erinnyen. Da nun Robert um sie wirbt, und sie sich am Ziele des stark unterdrückten und jäh auflodernden Wunsches befindet, merkt sie, wie sie sich bemakelt hat, sie kann an Roberts Seite nicht leben, so gerne sie es wünschte und tötet sich, nachdem sie dem Geliebten das Jawort gegeben. Der Unglückliche liest mit seinem Ohm, einem Physikus und treuen ärztlichen Berater der Familie, an dem Sarge Olgas deren schriftliches Bekenntnis, das ihn, den wackeren Arzt und jeden Leser tief erschüttern muß. Der Physikus, der einzige ruhig denkende und nüchtern arbeitende Mensch in dieser Novelle, mit der die im Jubiläumsjahrgange von Velhagen und Klasings Monatsheften erschienene Erzählung des Freiherrn von Ompteda „Margret und Ossana" eine gewisse Aehnlichkeit hat, der Physikus hält nun dem fassungslosen, vom doppelten Schmerze durchwühlten Robert, eine, wie er selbst sagt, lange Rede über Olgas Wunsch „0, möchte sie sterben!" Er weist ihm an Beispielen nach, wie oft, öfter als wir es denken, dieser Wunsch bei äußerlich ganz korrekten Menschen, die unsere größte Hochachtimg genießen, auf dem tiefsten Grunde ihrer Seele emporwuchs, wie die giftige Pflanze auf moorigem Boden. „In alten, roheren Zeiten", sagt der Menschenkenner und tiefsinnige Seelenkenner, „in welchen die Leidenschaften sich ungehemmt satt zu rasen pflegten, half dem Gedanken die Tat. Und fand es sich, daß im Schöße der Familie einer dem anderen zu viel ward, so traten ganz einfach Gift und Dolch in ihre Rechte. Geschichte und Literatur sind von solchen Morden voll und der Menschenkenner Shakespeare

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