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Neue Nationalzeitung · 1911-10-20 · Heft 21 (20.10.1911) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 21 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 zum Beispiel kennt kaum ein anderes tragisches Motiv als den Verwandtenmord . . ." Hier wollen wir anmerken, daß Sudermann auf ein biblisches Wort hätte zurückgreifen können, das uns bei seinen Ausführungen, die viel des Interessanten und Lehrreichen zur Erkenntnis des Tieres im Menschen bieten, in den Sinn kam und das Mannheim e r in seiner am Eingange erwähnten wunderbar ergreifenden Rede behandelt, ich meine den Satz: I. Buch Mosis, im XXVII. Kapitel, Vers 41, wo es wie folgt heißt: „Da haßte Esau seinen Bruder Jakob im Herzen um das Segens willen, den ihm der Vater gegeben, und es sprach Esau in seinem Herzen: Es nahe n h e r a n die Trauertage meines Vaters, da will ich meinen Bruder erschlagen/' Das ist Esaus „Wunsch". Mit Recht sagt M an nheimer: „Ein gräßliches Wort, gräßlich auch nur anzuhören . . . Ein Sohn, der auf den Tod des Vaters wie auf eine Erlösung hoffet, der die Tage zählet, bis daß die Trauertage kommen würden, da der Vater im Grabe liege und seinem zügellosen Willen keinen Einhalt tue." — Die „Warnung an die Väter in Israel", die er auf Grund des biblischen Wortes an diese richtet, ist scharf, furchtbar scharf, so daß sie in ihrer weiteren Entwicklung dem Zensor fast zu gefährlich erschien und er ihren Abdruck verbot. Das ist im Jahre 1834 geschehen und so konnte die klassische Rede, mit der sich in vielen Beziehungen die Auseinandersetzungen des S u d e r m a n n s c h e n Physikus decken, in der von Mannheimer herausgegebenen Sammlung „Gottesdienstlicher Vorträge", die 1835 erschien, keine Aufnahme finden. — In der Tat, wir haben es bei diesem Wunsche Esaus, und in gehöriger Distanz dem der S u d e r m a n n s c h e n Heldin, mit einem der finstersten Punkte in dem noch nicht ganz bekannten und gekannten Seielenleben des Menschen zu tun. „Der Wunsch" der Olga Sudermanns geht auf uralte Ahnen zurück, es ist „der Wunsch Esau s", der ihn freilich nur „in seinem Herzen sprach". Aber die Mutter, der tiefeindringende Blick der zarten, verständigen Mutterseele, erkannte ihn. Und sie riet ihrem Sohne Jakob, sich zu flüchten, da sich Esau an ihm rächen wolle. Warum sollte sie zwei Söhne an einem Tage verlieren? Schon der alte Midrasch mußte sich die Frage aufwerfen: Wie wußte Rebekka, was Esau in seinem Herzen sprach, wie konnte sie seinen Wunsch erfahren? Er antwortete in seiner Art: Die Stammütter waren Prophetinnen. Auch die Mutter Esaus und Jakobs war eine solche. Wir aber werden in diesen Worten der Bibel die tiefste seelische Erkenntnis bewundern. Der Wunsch Esaus ebenso wie der der Heldin unserer Dichtung gehört zu den unzähligen Beispielen, „wo Eifersucht, Habsucht, Verlangen nach Selbständigkeit, Wanderlust, Freiheitsdrang, Liebessehnsucht" ähnliches Verlangen gezeitigt haben, ein fürchterliches, verbrecherisches Begehren, das sich „plötzlich finster und riesengroß in der Menschenbrust aufrichtet". Diesen Gedanken hat lange vor Sudermann Mannheimer in seiner Rede ausgeführt und den Eltern, namentlich den Vätern in Israel, die erschütternde Lehre gegeben, alles zu unterlassen, wodurch bei ihren Kindern der Gedanke hervorgebracht werden könnte, den Esau in seinem unseligen Wunsche zum schrecklichen, gräßlichen Ausdruck bringt. In der Tat zum erstenmal wurde der Wunsch Olgas „O, möchte sie sterben!" von Esau ausgesprochen, als er wünschte, es mögen sich die Todestage seines Vaters nähern. Wir wollen unser Thema noch weiter verfolgen. Supermann weist auf die alten, roheren Zeiten hin, in denen der Wunsch Olgas in die Tat übersetzt wurde, und die mit Gift und Dolch arbeiteten. Heute, sagt er, ist man zahmer geworden, — wir möchten dies bezweifeln. Man begnügt sich heute, „den Lästigen zur finsteren Stunde sechs Fuß tief" — wir würden sagen 2 Meter tief — „in die Erde hinein zu wünschen. Dieser Wunsch ist der alte Mord, gezähmt durch die neue Sitte. Ob unsere Zeit menschenfreundlicher handelt, als die, da Hamlets Vater von dessen Bruder ermordet wurde, will ich nicht.weiter beurteilen, um nicht als allzu großer Pessimist verschrien zu werden. Aber die alten Zeiten scheinen doch nicht ganz roh gewesen zu sein. Schon unsere alten Kommentatoren Raschi, Ramban und andere heben hervor, daß das kindliche Gefühl bei Esau doch noch entwickelt gewesen sein muß, da er dem alten Vater den Schmerz nicht bereiten wollte, bei dessen Lebzeiten den Bruder zu töten. In der Tat hat er sich auch später mit diesem versöhnt. Und unsere alten Lehrer rühmen jene kindliche Ehrfurcht und Anhänglichkeit. Der Rabbi Simeon, Sohn Gamaliels, sagt von ihm: „Ich habe meinen Vater geehrt, mehr als jedes andere Kind den seinen, und doch fand ich, . daß Esau seinen Vater mehr ehrte als ich den meinen". Wir sehen daraus, daß jene Wilden doch bessere Menschen waren als wir mit unserer übertünchten Höflichkeit. Der alte, rohe. Esau der Bibel ist nahezu ein besserer Mensch als die überspannte, sinnliche Olga Sudermanns. Nur in einem gleichen sich die Wünsche der beiden: in der Quelle, aus der sie entspringen. Diese Quelle hat Mannheimer, der schlichte Lehrer seines Volkes, der tiefsinnige Deuter des Gotteswortes und dessen begeisterter Verkünder, mit viel einfacheren und weniger Worten bezeichnet, als der gesprächige Physikus Sudermanns, der im übrigen eine herzerfreuende Gestalt ist, von einem wahren Dichter geschaffen und gezeichnet. Mannheimer sagt: Wenn solche grauenvolle Worte aus Esaus Munde gehört werden, so ist uns dies ein Beweis, „was die Leidenschaft und Leidenschaftlichkeit, welche es auch immer sei, für eine Macht und Gewalt übt über den Menschen, wie sie jedes bessere Gefühl erstickt und unterdrückt und alle Stimmen der Natur überhört und übertönet, wo sie nur Raum g c w o n n e n h a t." Der alte Esau der Bibel und — in geziemender Entfernung — die Olga Sudermanns sind mit diesen Worten in gleich trefflicher Weise gekennzeichnet. Beide überhören die Stimme der Natur, folgen nur ihren Gelüsten, und aus dieser Quelle entspringt ihr „W7 u n s c h". Wir sind am Ende. Sudermann ist sicherlich die Bibel ein wohlbekanntes Buch. Er hat sie oft gelesen und studiert. Ob er sich aber dessen bewußt war, wie uralt das Moment ist, das er in seiner klassischen, ergreifenden Novelle etwas breitspurig allerdings und doch wuchtig und mächtig behandelt, wie das Thema der Novelle „Der Wunsch" sich schon in der Genesis verzeichnet findet, möchten wir mit Recht bezweifeln. Ohne daß sie es wissen, begegnen einander die Menschendarsteller aller Zeiten in ihren Beobachtungen und Darstellungen. Das unheimliche Kapitel menschlicher Verworfenheit zeichnen alle wahren Menschenkenner mit gleicher unheimlicher Kraft Je mehr wir aber die Neueren lesen, desto größeren Respekt flößen uns die Alten ein, mit desto größerer Ehrfurcht erfüllt uns unsere Bibel.

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