Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 21 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite n Und trotzdem sitzen die zionistischen Pseudo-Führer ganz ruhig. Man sieht und hört nichts von einer Agitation im Volke, von Demonstrationen, Massenkundgebungen usw. Offenbar haben die Herren jeden Einlluß in der jüdischen Bevölkerung verloren. Wenn aber Mandate zur Verteilung gelangen werden, dann wird man schon wieder von ihnen hören. Aus dem Paschalik des t)r. Alfred Stern. Eine „Adresse" des Sekretariats. Der im „Spreclisaa 1" unserer vorletzten Nummer veröffentlichte Brief eines Gemeindebeamten, worin der Oeffentlichkeit erzählt wurde, wie die Gemeindebeamten gezwungen wurden, aus ihrem Hilfsfonds 500 Kronen zur Ansehaffimg eines Bechers für Herrn Dr. Stern herzugeben, hat im Sekretariat der Kultusgemeinde die größte Bestürzung hervorgerufen. Dr. Stern grollte und wollte den „Verräter" haben; die Sekretäre ersten Ranges, zweiten Ranges und letzten Rangss waren verzweifelt, denn sie fühlten sich des Vertrauens „ihrer" Beamten nicht mehr sicher. Trotz aller Schnüffelei haben sie keine Ahnung, wer den Brief geschrieben hat und die bange Sorge vor dem Zorne ihres Chefs hieß sie einen Plan ersinnen, wie sie ihn besänftigen könnten. Sie verfaßten eine Adresse an die — „N e u e National-Zeitung". Diese Adresse wollten die Macher des Sekretariates einer Versammlung sämtlicher Gemeindebeamten vorlegen und zur einstimmigen Annahme empfehlen. Sie gaben diese Absicht jedoch bald auf. Sie wußten, daß es doch in der Versammlung zu unerquicklichen Erörterungen kommen könnte. Die Teuerungsdebatten hängen in der Luft und auch die Gemeindebeamten haben hiezu genügenden Anlaß, zumal ihre Memoranden von Doktor Stern einfach in den Papierkorb geworfen wurden und ganz unbeantwortet blieben; in einer Versammlung pflegt auch ein Massengeist zu entstehen und der ist widerstandsfähiger als die Willensschwäche einzelner Heloten. Die Adresse wurde also im Sekretariat fein säuberlich auf der Schreibmaschine abgeklopft, mit der Stampiglie des Vorstandes versehen und als ob dieses Schriftstück vom Kultusvorstande selbst ausginge, allen Beamten zur Unterschrift durch den Diener des Sekretariates zugeschickt. Manche Beamten haben laut Befehl diese Adresse unterfertigt: ob aus Furcht oder Strebertum wollen wir nicht prüfen. Manche Beamte haben nicht unterschrieben und ihre Unterschriften wurden im Sekretariate n ach gern a c h t. Es fällt geradezu auf, daß eine Reihe von Namen von derselben Hand gefertigt ist. Die Adresse bestreitet nicht die Wahrheit des Briefes, das trauen sich seine Verfasser doch nicht. Aber sie tun über seinen Inhalt entrüstet. Hier der Inhalt des Schreibens: „Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien. An die geehrte Redaktion der „Neuen National-Z-eitung" Wien. In der dieswächentliehen Nummer der ..Neuen National-Zeitung" befindet, sich eine, das Geburtstagsgeschenk der Beamten an den Präsidenten betreffende Notiz, von solcher Niedrigkeit, daß wir Beamte im Interesse der Ehre des B&amtenstandes nicht annehmen können, der Urheber dieser Notiz sei unter uns zu suchen. Das Ansehen unseres Beamtenstandes würde wohl eine Berichtigung dieser Notiz erheischen, wir halten es jedoch für entsprechender, der geehrten Redaktion an Stolle einer Berichtigung, diese von sämtlichen Mitgliedern des Jubiläunisfondes unterzeichnete Erklärung zur Kenntnisnahme zu übermitteln. Wien, 22. September 1911." * * * Wer ist das Sekretariat? Pawelka aus der Seitenstettengasse. Es ist einmal hoch an der Zeit, daß die jüdische Oeffentlichkeit endlich über die traurigen Verhältnisse in der Beamtenschaft der Wiener Kultusgemeinde aufgeklärt werde. Die zumeist erpreßten Unterschriften auf der obigen Adresse können uns nicht hindern, uns der nur mit einigen Ausnahmen wackeren, hingebungsvoll fleißigen Mitglieder dieses Beamtenkorps anzunehmen, da sie von keiner anderen Seite auf ein Verständnis für ihre prekäre Lage zu rechnen haben. An der Spitze der Beamtenschaft steht der erste Sekretär Dr. Lieben, ein Mann, der bereits 39 Dienstjahre hinter sich hat, der ruhebedürftig ist und kaum die Zeit erwarten kann, die für ihn das Pensionistenleben bedeutet. Als sein Stellvertreter Fungiert D r. A d 1 e r, ein kränklicher Herr, ohne Energie, ohne Initiative, ein bureaukratisches Werkzeug des Präsidiums. Der Spiritus movens im Sekretariat ist ein junges Männchen, das kaum die Bürgerschule absolviert hat und bei der „Intelligenzprüfung" reprobiert wurde. Wiewohl das Sekretariat nur für Juristen bestimmt ist, wurde er durch Dr. Stern hieher zugeteilt. Denn er ist ein vorzüglicher Wahlmacher. Er ist der Pawelka der Seitenstettengasse. Wiewohl Beamter der Kultusgemeinde, ist er bei den Wahlen Leiter des Agitationsbureaus der Sternschen Kandidaten, verfügt daher in Hülle und Fülle über die amtlichen Stimmzettel und macht die Wahlen. Außerhalb der Wahlzeit ist er Leibsekretär des Herrn Dr. Stern, Damit er dem Schauplatze seiner Betätigimg recht nahe sein kann, wurde die Amtswohnung des Oberkantors Singer im Amtsgebäude für ihn mit einem Aufwände von mehreren tausend Kronen aus der Gemeindekassa hergerichtet und nicht, wie es bisher Gepflogenheit war, dem Amtsnachfolger übergeben Oberkantor Fuchs mag an Samstagen und Feiertagen nach den Gebeten erhitzt und erschöpft zu Fuß über die Gasse nach Hause laufen. Dieser Leibsekretär hat auch bei der Veranstaltung des Jubiläums und bei der Abfassung der obigen Adresse am meisten sein Strebertum betätigt. * * * Der Jubiläumsfonds. Die Herren des Sekretariates repräsentieren die Elite der Beamtenschaft — in Bezug auf Gehalt. Die Notlage ihrer Kollegen trifft sie also nicht. So war es ihnen ein leichtes, den Kollegen zuzumuten, daß sie vom Hilfsfonds 1500 Kronen für eine Plakette des Dr. Stern hergehen. Das kostet nichts und schafft ihnein, aber nur ihnen, einen Stein im Brett.