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Neue Nationalzeitung · 1911-10-20 · Heft 21 (20.10.1911) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 21 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Das Interessanteste aber ist, daß der Hilfsfonds nicht einmal 1500 Kronen aufzuweisen hatte. Die Beamten hätten also noch eine Schuld von zirka 700 Kronen kontrahieren müssen, um ihrem Präsidenten eine Plakette zu schenken! Seit mehreren Jahren dient der Jubiläumsfonds, der aus freiwilligen Monatsbeiträgen der Beamten angesammelt wird, hauptsächlich zur Unterstützung dürftiger Kollegen, wenn sie krank sind oder aufs Land gehen müssen. Er erreicht eine Höhe von 800—1000 Kronen. Und trotzdem hat das Sekretariat den Beamten zugemutet, diese 800 Kronen herzugeben und noch weitere 700 Kronen als Darlehen aufzunehmen, um den nötigen Betrag für eine Plakette herbeizuschaffen. Die Beamten rafften sich aber auf und lehnten diesen Vorschlag ab. * * * Die Notlage der Kultusbeainten. Die Beamten hätten gern eingewilligt, wenn sie auch nur den geringsten Grund hätten, dem Dr. Stern für etwas dankbar zu sein. Nun ist aber noch nie ein Präsident bei der Beamtenschaft so verhaßt gewesen wie Dr. Stern. Wie wäre es denn sonst möglich, daß kein einziger Amtsleiter zu diesem Jubiläum erschien und untergeordnete Beamte delegiert werden mußten? In unserem Redaktionsportefeuille befinden sich zahlreiche Briefe von Beamten und Beamtenfrauen, die sich in der heftigsten Weise über die Härte und Rücksichtslosigkeit des Dr. Stern gegenüber den Beamten beklagen Zwei Memoranden haben die Beamten dem Dr. Stern überreicht Sie verlangten darin gar keine materiellen Zugeständnisse, sondern bloß die 35jährige Dienstzeit und die Einrechnung des halbjährigen Quartiergeldes in die Pension. Die Beamten wurden nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Wegen der Teuerung werden in den meisten Aemtern Teuerungszulagen bewilligt. Von den Kultusbeamten erhalten nur die Beamten bis zur Gehaltsstufe von 3600 K jährlich lächerlich kleine Monatszulagen. Mit großer Mühe gelingt es einem in Not verfallenen Beamten einen Vorschuß von 400 bis 500 K zu erhalten und diesen muß er im Laufe eines Jahres zurückzahlen. Konnte er schon mit seinem Gehalte nicht auskommen, so muß er sich jetzt noch monatliche Abzüge von 30 bis 40 K gefallen lassen. Kein Wunder, wenn dann Defraudationen vorkommen, In den letzten 2 Jahren wurden 3 Beamte entlassen und ein vierter versetzt — wegen unredlicher Geldgebarung. Und nun bedenke man, welche „Niedrigkeit" darin liegt, wenn ein Beamter in unserem Blatte schreibt: „Mußten denn wir arme Beamte dem Millionär einen kostbaren Becher überreichen?" Gibt es denn überhaupt einen Beamten — außerhalb des Leibsekretariates — der anderer Ansicht wäre? Wozu also die ganze „Adresse"? Die Leibknappen haben ihrem Präsidenten damit einen schlechten Dienst erwiesen. Sie haben gezeigt, welche Gesinnungslosigkeit in der Seitenstettengasse gezüchtet wird, wenn die Beamten auf einen solchen Wisch ihren Namen setzen müssen — ja, m ü s s e n, Davis Trietsch: Tripolifanien und die Emigrafionsfrage*) Der italienisch-türkische Konflikt gibt uns Gelegenheit, an einen ganz konkreten und dabei sehr aktuellen Beispiel darzutun, welchen Einfluß die jüdischen Dinge auf den Gang der Weltpolitik nehmen können, und das hängt folgendermaßen zusammen: Der weitaus beste und aussichtsreichste Teil Tripolitaniens, nämlich die Provinz Benghasi (auch Cyrenaica oder B a r k a genannt) wurde vor einigen Jahren von einer jüdischen Organisation als Feld einer Kolonisation in großem Maßstabe in Aussicht genommen. Es wurde auch eine Studienkommission in das Land entsandt, und der von ihr erstattete Bericht ebenso wie die früher bekannten Urteile von Landeskundigen lassen keinen Zweifel darüber, daß dieses Gebiet sich in ganz hervorragender Weise für eine jüdische Kolonisation ziemlich großen Stils geeignet hätte. Trotzdem wurde nichts aus der Sache. Aber als es schon feststand, daß nichts daraus werden würde, erschien noch der — ganz in der „Aufmachung" englischer Regierungsdrucksachen hergestellte — Bericht der Kommission, und wenn nicht das ganz und gar nur „Bluff" sein sollte, so ist der Verdacht vielleicht berechtigt, daß man bis zur Ausgabe des Berichtes noch, hoffte, von irgend woher Gelder zur Ausführung des Kolonisationsplanes zu bekommen, und daß erst beim Scheitern dieser Hoffnungen das Ergebnis der Kommission als ungünstig hingestellt wurde. Einen Parallelfall hierzu brauchen wir nicht weil zu suchen. Es läßt sich beweisen, daß der Bericht der zionistischen Expedition nach El-Arisch (dem ägyptischen Sinaigebiet) zuerst mehrere Monate hindurch als günstig angesehen wurde, und daß schließlich — als die Verhandlungen sich an ganz anderen Hindernissen zerschlagen hatten — auf Grund desselben Berichtes ein ungünstiges Urteil bekanntgegeben und der Kolonisationsplan darauf fallen gelassen wurde. Vielleicht hat Mister Zangwill — denn er und seine „Jüdische Territorial-Organisation" (Ito) waren die Urheber jenes Cyrenaica-Projektes — sich diese Sinai-Manipulation einfach als Modell genommen. — --Sicher aber ist, daß Cyrenaica ein ganz vorzügliches Kolonisationsgebiet für die Juden Osteuropas (und natürlich auch für orientalische Juden) wäre, sowohl wegen seiner Eignung nach Klima, Bodenbeschaffenheit, Bevölkerungsverhältnissen usw., wie auch wegen seiner leichten Erreichbarkeit von den Emigrationsländern aus und wegen der hieraus folgenden geringen Uebersiedlungskosten. Daß ein solches Projekt unausgeführt bleiben und bald in absolute Vergessenheit geraten konnte, beweist, wie wenig ernst noch im jüdischen Lager die Emigrationsfrage genommen wird (obwohl sie doch die gewaltigste Erscheinung im Leben der jüdischen Gesamtheit darstellt) und wie dringend notwendig eine alljüdische Organisation wäre, die derart wichtige Dinge davor bewahrt, von unverantwortlichen Personen und unzulänglichen Körperschaften aufgegriffen und diskreditiert zu werden. *) Aus dem „Isr. Wochenblatt".

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