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Neue Nationalzeitung · 1911-10-20 · Heft 21 (20.10.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 21 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 POLITISCHE RUNDSQn/W. Alljüdischer Kongress. Das Berliner Organ der Alliance Israelite regt in seiner letzten Nummer die Einberufung eines alljüdischen Kongresses an. Der Artikel heißt: ,,Genug der Versäumnisse. Ein Euf zur Tat!" Das schwere Problem, wie ein solcher Kongreß einberufen werden und wie er seine Aufgabe lösen soll, wird in sehr einfacher, zu einfacher Form gelöst : „Das Nächste, das geschehen muß, ist die Einberufung eines großen interterritoriellen jüdischen Kongresses, gewidmet der Frage der russischen und rumänischen Juden. Wer ihn einberufen soll? Eine Schar jüdischer Männer, deren Namen in der jüdischen und nichtjüdischen Welt Vertrauen erweckt. Wie er zusammengesetzt sein soll? Mit weitgehendster Berücksichtigung aller Gruppen und Richtungen der Judenheit, so daß er den möglichst wahren Ausdruck ihres Willens und Strebens darstelle. An welche . bestimmte Aufgaben er herantreten soll? Auch darauf ist die Antwort höchst einfach. Vor allem muß dieser Kongreß die Behandlung, die den Juden in Bußland und Eumänien zuteil wird, autoritativ und feierlich dokumentieren. Die Welt soll das Entsetzliehe, das sich dort abspielt, erfahren, soll es erfahren in seiner ganzen Tragik, nicht veralltagt und bagatellisiert und nicht die Berichterstattung einzelner soll sie hören, sondern den Aufschrei, die Anklage, die Losung einer beleidigten Gesamtheit, eines entschlossenen Volkes. Das wird etwas anderes sein, als der Protest zufälliger Versammlungen und einzelner Korporationen, wird überhaupt kein Protest sein, kein Protest in Worten, höchstens ein Protest der sinnfälligen Erscheinung — das Höchste was auf dem Gebiete der Kundgebung geleistet werden kann." Als letzten Anstoß zu diesem Alarmruf bezeichnet der Artikel die blasse Furcht vor einem Uebergreifen der russischen Pogrome nach dem Westen: „Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß diese Etablierung unserer Bechtlosigkeit in Rußland eine Versuchung für die anderen Staaten und Völker bildet. Wehe uns aber, wenn einmal der erste Sehritt getan ist, wenn wir einmal auch nur um' Haaresbreite von der allgemeinen Staatsbürgerplattform weggerückt wurden! Zurück ist dann schwer, und weiter sehr leicht." Der Gedanke, der diesem Appell zu Grunde liegt, ist kein neuer. Aber er ist ungemein beachtenswert. Er verlangt die Proklamation jüdischer Solidarität vor aller Welt; er will „der Judenheit einen Gesanitwillen und eine gemeinsame Tat geben und sie so der Welt der Freunde und Feinde als eine geeinigte Potenz gegenüberstellen". Das klingt ja sehr männlich und fast—national. Aber von diesem herrlichen Gedanken bis zur Tat ist ein weiter Weg. An Versuchen hat es nicht gefehlt, aber das Endziel hat noch keiner erreicht. Auch Dr. Herzl hat es angestrebt; er hat aber bloß eine Partei gegründet. Das Gesamtjudentum in einem Lager zu vereinigen, dabei jene sozialökonomische Faktoren heranzuziehen, welche im Stande wären, „auch den widrigsten politischen Verhältnissen einen gewissen ökonomischen Widerstand entgegenzusetzen und schließlich so zu überwinden" — das wäre ein Ruhmesblatt in der Geschichte des vielgeprüften jüdischen Volkes. Die Türkei und die Juden. Der italienisch-türkische Krieg hat nicht nur in der allgemeinen, sondern auch in der jüdischen Presse eine heftige Polemik darüber hervorgerufen, ob nicht Italien durch seine Invasion die höheren Prinzipien der Ethik und der Völkermoral verletzt hat. In einzelnen sozialistischen und jüdischen Blättern wird das Verhalten Italiens als Raub bezeichnet, in anderen wieder sein Vorgehen als eine kulturelle Mission gerühmt. Italien kümmert sich um beide nicht und schreitet vorwärts. Dagegen macht die Türkei eine innere Krise durch. Sie muß ohnmächtig dem Vordringen Italiens in Tripolis zusehen und findet mit ihren Interventionsvorschlägen bei keiner Großmacht Gehör. Die Ernennung Said Paschas zum Großvezier hat die Situation nicht im mindesten geändert. Said Pascha ist der erklärte Feind des Zionismus; er hat den roten Zettel eingeführt, um die jüdische Masseneinwanderung nach Palästina zu verhindern: ein Prototyp des bornierten orientalischen „Staatsmannes", dem jedes Verständnis für die kulturelle Bedeutung der jüdischen Kolonisation in der Türkei abgeht. Es wird den Juden wirklich schwer gemacht, dem „kranken Manne" zu helfen. Z. P. S. D. Oesterreich, respektive Galizien ist um eine politische Partei reicher. Nach langwierigen Kämpfen haben sich endlich die jüdischen Sozialisten von Galizien und Bukowina zu einer einzigen „Jüdischen Sozialdemokratischen Partei" (Z. P. S. D.) vereinigt. Unter dem Banner des Klassenkampfes und des jüdischen Nationalbewußtseins kämpft ein großer Teil der jüdischen Sozialisten bereits seit sechs Jahren. Die polnische Partei- Exekutive versagte ihnen jedoch die Anerkennung. Man nannte sie „Separatisten", man machte sieh über ihren jüdischen Nationalismus und ihr Postulat der jiddischen Nationalsprache lustig. Doch es half nichts. Das jüdische Nationalgefühl wurzelt tief in den jüdischen Proletariermassen und selbst der polnische Chauvinismus eines Daszynski konnte an dieser Tatsache nichts ändern. Er mußte nachgeben, wiewohl er dadurch seine polnische Partei schwächte. Am letzten Sonntag und Montag fand in Lemberg der I. Kongreß der Z. P. S. D. statt, in der ihre Unabhängigkeits-Erklärung feierlich proklamiert wurde. Daszynski gab dazu seinen Segen. So railiiert sich immer mehr das jüdische Proletariat auf sozialistischer Basis unter Betonung des jüdischen Nationalgefühls. Es schickt sich an, die politische Erbschaft der Zionisten anzutreten, die vom Schauplatze der Gegenwartspolitik allmählich verschwinden. Die Landtags- Wahlreforni in Galizien. Das zeigt sich am besten bei der bevorstehenden Reform der Landtags-Wahlordnung. Das Projekt des Ultra - Konservativen Starzynski ist für das städtische Element und daher auch für die Juden ungemein nachteilig. Die Juden, die 12 Perzent der galizischen Bevölkerung bilden und von 160 Mandaten kaum 5 besitzen (3 Perzent!), erhalten im Entwürfe Starzynski nur 2 sichere Mandate (Judenviertel in Lemberg und Krakau) und 3 eventuelle Mandate in den Handelskammern — trotzdem die Zahl der Mandate bedeutend vermehrt wird. Zudem droht den Juden der nationale Wahlkataster, der über ihre nationalen Wünsche ganz hinweggeht und sie lediglich nach Geschmacksrichtung dem polnischen oder ruthenisehen Kataster zuweist.

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