Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 21 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 „Die Schüler beider Kategorien", sagte er, „fühlen instinktiv, daß der Unterricht sie nicht zu Juden macht. — Daher die Animosität aller oder wenigstens der meisten gegen die Religions schul e." Der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner hat sich mit seinen Enthüllungen, die leider nur etwas spät kommen, ein großes Verdienst erworben. Er hat den jüdischen Eltern, die bisher instinktiv fühlten, daß der Religionsunterricht an Haupt und Gliedern siecht, daß er zweck- und ziellos umherlaviere, einen klaren Einblick in das Wesen desselben gewährt und ihnen gezeigt, wie hier seit einem Vierteljahrhundert von Kultusvorstehern und Religionslehrern köpf- und ratlos herumsxperimentiert wird, wobei ihre Kinder die Versuchskaninchen bilden, die unnütz gequält werden und so jede Lust und Liebe zur Religion einbüßen. Was Wunder, daß ihnen in der Folge der Austritt aus dem Judentum keine Skrupel bereitet! Seine langjährigen Beobachtungen lasten dem Referenten des Kultusvorstandes schwer auf der Seele und pressen ihm schließlich Verzweiflungsausbrüche wie die folgenden aus: „Die Schule ist die ultima ratio, um vielleicht noch in letzter Stunde der rapid fortschreitenden Degeneration Einhalt zu t u n!" „Will man ernstlich eine Wiedergeburt herbeiführen — es ist die elfte Stunde — so muß die Schuljugend zu Hilfe gerufen werden, zur Mitarbeit auf dem bisher unbekannten Gebiet e." „Die Rcligionsschule ist der letzte Holfnungsanker für das erlahmende Judentum!" „Es handelt sich um das Sein oder Nichtsein des Judentums!" — „Soll die österreichische Judenschalt nicht — gänzlich von der IJiklfläche verschwinden, s o ni u'ß d i e-' j e t z i g e ü r g a n i s a t i o n der R. e 1 ig i o n s s c h u 1 e geändert werden, u n d z w a r vom Haupte bis zu den Sohle n!" Was wird die Wiener Judenschaft aus diesen ans Herz greifenden Schilderungen, aus diesem verzweiflungsvollen pater peceavi, das der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner zwar nicht in einer öffentlichen Volksversammlung, sondern in dem stillen Saale einer Lehrerkonferenz ausruft, lernen? Sie wird daraus lernen, daß sie nicht mehr, wie bisher, in selbstmörderischer Gleichgültigkeit diesen heiligsten Interessen gegenüber wird verharren, den Religionsunterricht ihrer Kinder nicht mehr einem jeweiligen Kultusvorstand, dessen Zusammensetzung oft derartig ist, daß er so krasse Proben völligster Unfähigkeit und Unselbständigkeit liefert, wie sie der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner so überzeugend schildert, wird ausliefern dürfen, sondern die Sache in die eigenen Hände nehmen und einen stabilen Zustand im Religionsunterrichte herbeiführen müsse, der allen Zeitströmungen und allen Zufälligkeiten entrückt ist, der es verhütet, daß die Religionsschule zu einem Politieum degradiert werde. Dieses Ziel ist in keiner Konfession so leicht zu erreichen wie in der jüdische n, vorausgesetzt, daß hier nicht das Beispiel der herrschenden Umgebung nachgeahmt wird, was leider der Kultusvorstand in den beiden letzten Dezennien zum verhängnisvollen Schaden der religiösen Sache in geradezu sklavischer Nachahmung der Rathauspol-itik geübt hat. Die Wiener Judenschaft wird ihre besten und intelligente st en Söhne der verschiedensten Stellungen zusammenberufen; daß sie beraten und ein für allemal beschließen, was in den Rahmen des öffen11i ch en Re1igions- Unterrichtes falle, gleichzeitig aber dem Kultus vor stände die strikte Weisung erteilen, für alles, was darüber hinausgeht durch Schaffung privater, den Bedürfnissen der verschiedenen Kreise entsprechender Institutionen, Sorge zu tragen. Das läßt sich, wie gesagt, auf die allereinfachste Weise in der jüdischen Religion durchführen, deren Kardinallehren lauten: Liebe zu dem einen und einzigen Gott! Liebe zum Nebenmenschen! Liebe zur Tugend! Die Wiener Judenschaft, die wir genau kennen, ist im Großen und Ganzen — von einer mattherzigen, halb verlorenen Minderheit, aus der sich das Gros der Uebertritte rekrutiert, abgesehen — durchaus religiös gestimmt und hängt pietätvoll an dem angestammten Glauben, dem sie nimmer entsagen möchte, trotz der arg verfehlten Führung der Gemeinde, trotz des völligen Mangels an religiöser Nahrung. Und wir protestieren entschieden gegen die vom Zaun gebrochene Unterschiebung, daß die jüdische Familie den Verfall der Religonsschule mitverschuldet habe. Wir weisen mit Entrüstung die völlig unbegründete und durch nichts zu begründende Behauptung des Herrn Dr. M. Steiner zurück: „d as jüdische Hausversagt seine Mitwirkung — es verhält sich ablehnend gegen die Tradition, feindlich gegen die Schule, passiv gegen den Abfall." Wenn er ein anderesmal wieder sagt : der Schüler müsse erfahren, „daß das Judentum keineswegs eine quantite negligeable ist und daß die Geringschätzung, die dasselbe im Elternhaus erfährt, durchaus nicht mit dem wahren Sachverhalt stimmt.'" — Es ist ja möglich, daß der Kultusvorsteher Herr Dr. Steiner in seiner Nachbarschaft solche das Judentum mißachtende jüdische Familien gesehen, diese aber gehören zu jener eben angedeuteten Minderheit, die mit ihrem Nachwuchs für das Judentum, in welchem sie gestern noch Ehrenstellen bekleideten, verloren sind. Diesen Frevel zu verallgemeinern, um den Kultusvorstand zu entlasten, ist eines jener wohlfeilen Kunststüekchen, die auch unfähige Lehrer, um die Schuld an der Erfolglosigkeit ihrer Arbeit auf andere zu überwälzen, immer wieder in Anwendung bringen. — Der Wiener Judenschaft aber wird endlich, wenn sie jetzt von kompetenter Seite über den wahren Stand des Religionsunterrichtes aufgeklärt wird und noch überdies erfährt, daß sie für dessen Verfall mit verantwortlich gemacht wird, die Lammesgeduld reissen, sie wird sich zur Tat aufraffen und durch diese die leichtfertig hingeworfenen Beschuldigungen Lügen strafen. — Nein, die heillose Verwirrung, die jetzt auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes herrscht, hat nicht das jüdische Haus, sondern einzig und allein die Unfähigkeit, Kopflosigkeit und der völlige Mangel am Können und Wissen des Kultusvorstandes, des souveränen Beherrschers dieses ganzen Gebietes und seiner bieg- und fügsamen „pädagogischen' Berater herbeigeführt. — Daß aber ein gründlich verfehlter Religionsunterricht, der schon in den jugendlichen Gemütern die Liebe zum jüdischen Glauben erstickt, der Taufe die Wege bereiten muß, wird nicht bestritten werden; und das hat auch der Referent des Kultusvorstandes tief seufzend eingestanden! (Fortsetzung folgt.)