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Neue Nationalzeitung · 1911-10-20 · Heft 21 (20.10.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 21 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 hubern" des Kultusvorstandes — andere als solche gibt es doch nicht — als Krakehler verschrien, wobei sie immer und immer auf ihre große Tat: das Hebräische wieder eingeführt zu haben! und auf ihr Unterrichtsprogramm hingewiesen und den Beschwerdeführer mit den beliebten Ausdrücken ihres frommen Oberrabbiners zu den „Marodeuren", zu den „Ansehe mare nefesch" (Leute von verbittertem Gemüte) warfen. Das aber worden sie von jetzt ab nicht mehr tun dürfen! Ein inzwischen eingetretenes sensationelles Ereignis wird es ihnen verbieten. Ein Mitglied des Vorstandes, und zwar ein „berufenes", hat jüngst aus der Schule geschwatzt, hat in einem unbewachten Momente in großer Oeffentiichkeit — freilich in camera caritatis, nur in Gegenwart von Religionslehrern und Religionsprofessoren, die zur Diskretion verurteilt sind — über die Erfahrungen referiert, die er im Laufe eines Vierteljalirhunderts über die Erfolge des seit Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts so „ruhmreich" umgestalteten Religionsunterrichtes gesammelt. — Und sein Urteil ist ein — vernichtendes! In der am 19. März d. J. abgehaltenen Konferenz der israelitischen Religionslehrer an Mittelschulen erstattete das Voretandsmitglied Dr. Maximilian Steiner „ein Referat, betreffend die Reform des Religionsunterrichtes an den beiden obersten Klassen der Mittelschulen". Wer ist Dr. Max. Steiner und auf welche Qualitäten kann er hinweisen, die ihn berechtigen, ein Urteil über die von qualifizierten Religionsprofessoren und ihren der Rabbinerklasse entnommenen Inspektoren geleiteten Religionsunterricht abzugeben und Reformen vorzuschlagen? Lassen wir diesen Herrn sich selbst vorstellen. Er beginnt sein Referat mit folgender Einleitung: „Wie ich als Nichtfach mann dazukomme, eine radikale Umwälzung auf dem Gebiete unserer Religionsschule vorzuschlagen, bedarf einer Erklärung. Seit 24 Jahren beobachte ich die Religionsschule vom Standpunkte des Kultus vor Standes aus. Ich habe durch mehrere Jahre den Unterricht in Volks- und Bürgerschulen inspiziert, an der Ende der 80er Jahre stattgefundenen großen Enquete teilgenommen, habe selten in den auf meinen Antrag organisierten Lehrerkonferenzeu gefehlt, ich habe an den Vorstandsverhandlungen über den Lehrplan eifrigst mitgewirkt, insbesondere an der Ende der 80 er Jahre beschlossenen Wiedereinführung des hebräischen Unterrichtes in den oberen Klassen der Mittelschulen. Hierdurch war ich wohl in der Lage, den Zustand der Schulen und die Tätigkeit der Lehrer genau zu beobachten . . Sicherlich wird kein Einsichtsvoller dem Referenten, der durch 24 Jahre dem Kultusvorstand angehört und als solcher durch die ganze Zeit seine vollste Aufmerksamkeit dem Religionsunterrichte zugewendet hat, die Berechtigung absprechen, über denselben ein Urteil abzugeben, zumal wo es sich um eine Institution handelt, die er selbst mit soviel Eifer und Hingebung mitgeschaffen hatte. Und wie lautet dieses Urteil? Lassen wir wiederum d|en Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner selber sprechen: „Meine bereitwillige Anerkennung für das redliche Streben der Lehrer konnte mich aber nicht übersehen lassen, daß das eigentliche Ziel des jüdischen Religionsunterrichtes: die Schuljugend zu Juden heranzubilden, selten oder nie erreicht wurde. Vielmehr überzeugte ich mich, daß Vorstand wie Lehrer in ein Danaidenfaß hineinschöpfen; daß alle Konsequenzen eines solchen vergeblichen Bemühens sich einstellen: Selbsttäuschung vieler Lehrer über ihre Erfolge, anderseits pessimistisches Verzweifeln an der Zukunft, ist begreiflich. Wäre es nötig gewesen, diese beiden Extreme noch mehr ins Licht zu stellen, so hätte die seit mehreren Jahren in Beratung stehende Revision des Lehrplanes dies bewirkt. Vorstand und Lehrer haben sich bemüht, eine Quadratur des Zirkels zu Wege zu bringen, einen Lehrplan zu entwerfen, welcher die Gegner des Hebräischen zugleich mit den Freunden der Gebetssprache befriedigen soll, einen Plan, der die Schüler über den Ritus instruieren und dennoch die Eltern, welche den Ritus ignorieren, nicht bloßstellen soll. — Dieses klägliche Schauspiel, dieses unmögliche Beginnen hat in mir die Ueberzeugung befestigt, daß eine Besserung der Zustände auf didaktischem Gebiete nicht möglich, sondern nur auf pädagogischem zu suchen sei. Es handelt sich vielmehr um rein pädagogische Fragen, vor allem um eine Aenderung der Methode, welche Schüler und Lehrer auf einen vom bisherigen total verschiedenen Wege zu bringen vermöchte. Daß auf dem bisherigen das Ziel nicht erreicht werden könne, schien mir durch die Tatsachen erwiesen. — Wohl hat man auch in den venflossenen Jahrzehnten verschiedentliche Aenderungen der Methode vorgenommen. Es war eine Aenderung der Methode, als man in der Mittelschule das Chu misch (sie!) wieder einführte; eine Aenderung der Methode, als man dies neuestens zum Teil durch das S i d d u r ersetzte. Es war eine Aenderung der Methode, als man die hebräische Grammatik proskrib i e r t e und wieder eine Aenderung, als man schüchtern gestattete, von Suffixen und Affixen, vom Status construetus wenigstens zu sprechen. Es war eine Frage der Methode, als man leidenschaftlich darüber stritt, ob man die jüdische Ethik in ein Kompendium der Glaubens¬ und Sittenlehre zusammenfassen oder selbe incidenter aus der Lektüre des Chumisch (sie!) entnehmen solle. Allein diese Einzelbestrebungen konnten nicht hinreichen, um das Grundproblem des Religionsunterrichtes zu lösen: Wie hat man es anzustellen, um die Schüler zu Juden zu machen? Dazu taugt aber die jetzige Organisation unserer Religionsschule nicht im entferntesten. Diese Organisation muß sonach geändert werden, und zwar vom Haupte bis zu den Sohlen. Derzeit treten die Schüler aus der Schule, mit mehr (?) oder weniger Kenntnissen des Hebräischen, der biblischen Geschichte; j edoch ohne dasjenige zu wissen, was wohl als Hauptsache zu betrachten wäre, was nämlich das Judentum ist und was es in der Welt bedeutet. Ein ganzes Kompendium der Glaubens¬ und Sittenlehre hat der Schüler ins Gedächtnis geprägt; was aber sein Glauben ist, welche väterliche Sitte ihn durch die Hemmungen und Engpässe des Lebens führen soll — das bleibt ihm unbekannt. Dieses punctum saliens ist leider den Schülern seit der Mitte des ig. Jahrhunderts aus den Augen geschwunden — alle Revisionen des Lehrplanes, alle Enqueten haben diesem Mangel nicht abgeholfen." „Diese Beobachtungen" — so schließt die Einleitung — „waren es, die. mich veranlaßten, gegen den bisherigen Religionsunterricht an unseren Schulen Front zu machen und mit radikalen Vorschlägen aufzutreten. Dieselben tragen den Stempel unzünftigen Ursprungs, sie werden Gegnerschaften und Widerstände herausfordern, aber selbst wenn sie verworfen werden — den Weg zu unab weislichen Aenderungen weisen. Und leider muß ich hinzufügen: Jede Aenderung erscheint mir als eine Besserun g." Wahrlich, selbst der unversöhnlichste Gegner der heutigen Religionsschule hätte ein vernichtenderes Verdikt über dieselbe! nicht fällen können als dies ihr Mitbegründer, der Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner, tut, der kein gutes Haar an ihr läßt und jede wie immer geartete Veränderung inbrünstig herbeisehnt. Sie taugt nicht im mindesten, erklärt er entschieden, weder für die Kinder fortschrittlicher, noch für jene konservativer Eltern:

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