Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 21 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N5Ü5 MaONftL-ZEiOJNG RBRflUSGBBgR: DrS.R.LNNßlSU XIII. JAHRGANG. WIEN, 20. OKTOBER 1911. Nr. 21. Der jüdische Religionsunterricht wird — reformiert.*) (Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner als „Reformator".) I. Als gegen Ende dar 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts unser Kultusvorstand, der veränderten Zeitströmung sich überlassend, auf die konservative Seite sich zu legen anfing, um bei den künftigen Wahlen der konservativen Stimmen, die ja das meiste Interesse an den Kultuswahlen bekunden und hier ausschlaggebend sind, nicht verlustig zu werden; da war es natürlich der Religionsunterricht, an den er sich experimentierend klammerte, um mit Nachdruck und allen sieht- und fühlbar zu zeigen, wie sehr er mit den freisinnigen Traditionen ge- *) Die Reform des jüdischen Religionsunterrichtes in den Wiener Mittelschulen ist unausweichlich. Die weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung sind mit dem derzeitigen Zustande unzufrieden; in den Wählerversammlungen vor den Kultuswahlen sind die Klagen der interessierten Väter auf der Tagesordnung; die Austrittslisten weisen immer mehr jüdische Knaben auf, die nach erreichtem 14. Lebensjahre aus dem Judentum flüchten, um dem jüdischen Religionsunterricht zu entgehen Zahlreich sind die Beschwerden, die uns aus Väter- und Schülerkreisen zukommen. Es ist hoch an der Zeit, das Thema der Reform auf diesem Gpbiete zur öffentlichen Diskuss'on zu stellen. Wir beginnen mit einer Besprechung des vom Kultusvorsteher Dr. Max Steiner angeregten Reformplanes, welcher als Referat in der am 19 März v. J abgehaltenen Konferenz der israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen zur Verteilung gelangte. Mit diesem originellen Referate, nicht aber mit einer in der letzten Zeit erfolgten Umarbeitung anläßlich der Drucklegung beschäftigt sich die Artikelserie unseres Blattes, die einen hervorragenden Fachmann zum Autor hat. Die Stellungnahme zum Referate Dr. Steiners ist umso dringender geboten, als der Kultusvorstand bereits beschlossen hat, einen auf dessen Grundzügen aufgebauten Reformplan in einigen Gymnasien demnächst einzuführen. Anmerkung der Redaktion. brochen und wie tief ihm die religiöse Erziehung der Jugend im konservativen Sinne am Herzen liege; und er gab sich den Anschein, das Hebräische in sein uraltes Recht einzusetzen, welches der verflossene Vorstand, ebenfalls einer, freilich entgegengesetzten Strömung, nämlich der liberalen assimilatorischen, nachgebend, da und dort aus dem Religionsunterricht eliminiert hatte. Und merkwürdig, gerade jene Vorstandsmitglieder, die noch aus der liberalen Aera herüberragten und ehemals rüstig mithalfen, das Hebräische im Religionsunterricht arg zuzustutzen, geberdeten sich am lautesten und eifrigsten jetzt für dessen Wiedereinführung und Erweiterung, ihre ganze Vergangenheit verleugnend und konnten sich nicht genugtun im Anklagen gegen ihre verflossenen Führer, denen sie einst blind, in tiefster Unterwürfigkeit gefolgt waren. Die ehrlich-konservativen Gemeindemitglieder aber nahmen diese Maßregel mit Begeisterung auf und empfanden sie als eine Erlösung für die heranwachsende Jugend aus religiöser Unwissenheit und Verlorenheit. Und ach, wie wurden sie die ganze lange Zeit genarrt und schließlich so grausam enttäuscht! — Daß etwas faul in dem gesamten unter soviel Posaunenschall „verjüngten" Religionsunterrichte sei, das spürt jeder halbwegs beobachtende Laie; das erfährt er, wenn er sein Kind in religiösen Sachen verhört, mit peinlichen Gefühlen aus dessen abfälligen Aeußerungen über Religionsunterricht und Religionslehrer. — Und wenn er seine traurigen Wahrnehmungen an maßgebender Stelle zu verlautbaren oder gar in einem Blatte zu veröffentlichen wagte, so wurde er von den „Geschaftel-