Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 GEMEitiö5=UN& VSRCkNSNMftRiCMW Wien. (Jüdischetr H an dln m g >s'>g ie h ilf e nverband.) Sonntag, den &. Oktober 1911, findet in den Souterrainsälen des Cafe Präokel, Wien, L, Stubenring 24 (Ecke Wollzeile), eine Vortragsakademie unter freundlicher Mitwirkung folgender Kunstkräfte .statt: Frau Elsa Winidt (Gesang). Max Steiner, Mitglied des Hamburger Stadttheaters (Gesaais). Fred-Fred (heitere Rezitationen), Friedrich Epstein (Violin-Solo), Brüder Waiden (humor. Gesangduett). Ann Klavier: Adolf Rohr und Einanuel Scharfberg. Damenschöiiheits'konkurrenz (3 wertvoll^ Preise). Nach Schluß der Vorträge Tanzkränzchen. Regiebeitrag K —.60. Beginn 8 Uhr abends. Eingeführte Gäste willkommen. SgUS WCßWiLW Der Leibjude des Papstes — gestorben. Aus Venedig kommt die Nachricht, daß dort dor jüdische Pfandleiher Romanio Jacuo einem heimtückischen Leiden unerwartet erlegen ist. Der alte brave Jacuo, der selbst für den ältesten Krempel immer nocli einige Soldi übrig hatte, galt als ein guter Freund des Papstes, aber wenn man ihn mit Fragen über seine Beziehungen zu Pius X. bestürmte, lächelte er verschwiegen, denn der Papst hatte, wie jeder andere Kunde, Anspruch auf Diskretion. Wurde Jacuo von Wißbegierigen gar zu sehr in die Enge getrieben, so entgegnete er schließlich nur: „Wenn er gekommen ist, ist er für die Armen gekommen." Diese Angabe war zutreffend. Denn alsPius noch Kardinalpatriach in Venedig war, übte er ein sirenges Kirchenregiment, war aber den Hireflehenden ein fast verschwenderischer Wohltäter. Leute aller Stände wandten sich in schwierigen Lebenslagen an den Kardiial. In Equipagen und elegant ausgestatteten Gondeln kamen Damen und Herren der Gesellschaft, die sich mit äußerlich zur Schau getragener Patrizierwürde durch den Sekretär melden ließen während Männer und Frauen aus dem Volke sieh bescheiden über die Hintertreppe zu Johann Gornati, dem gutmütigen Kammerdiener, begaben, um ihn um seine Vermittlung zu bitten. Düs Gehalt des Patriaehen Sarto setzte seiner Wohltätigkeit Schranken. Sarto bezog jährlich 23.000 Lire, von denen er außer seinem Unterhalt auch die gesamte Repräsentation zu bestreiten hatte. Maria, Rosa und Anna, die Schwestern des Kardinals, mußten sieh bei ihren Einkäufen auf dem Markt recht einrichten, und oftmals wenn sie nachhause kamen, war ein Stück der Ausstattung verschwunden. Beppo, der Bruder hatte es zu Jacuo geschickt, um mit dem Erlös irgend einem Bittsteller helfen zu können. Zuerst mußte die prächtige Cappa magna, die Sarto von dem Kammerdiener seines Vorgängers für 100 Lire erstanden hatte, daran glauben. Es folgten andere wertvolle Stücke und als Beppo die Entdeckung gemacht hatte, daß Jacuo höher belieb, wenn er den Kardinal persönlich begrüßen konnte, ging Sarto von nu,u an stets selbst in die Pfandleihe. Die Schwestern sahen sich schließlich gezwungen, den Wäschevorrat des Bruders unter strengem Verschluß zu halten. Aber Jacuo lieh dem Kardinal schließlich auch so, und wenn Maria oder Rosa den Kammerdiener nach seinem Herrn fragten, so antwortete Gornati oft mit verschmitztem Lächeln: „Eminenz sind nach dem Lido gegangen". Denn auf dem Wege nach dieser Erholungsstätte pflegte der Kardinal bei seinem „Leibjuden", wie er ihn einmal im Scherz nannte, vorzusprechen. Jacuo, der auf seine Geschäftsbeziehungen zu Sarto sehr stolz war, sah seinen Kundenkreis aus diesem Anlaß ständig wachsen. Die Pfänder des Kardinals waren in einem besonderen Zimmer untergebracht, das stets mit Gegenständen aller Art angefüllt war. Als das katholische Blatt „Deflsa" in Not war, wanderte ein prachtvoller Hirtenstab aus dem Patriarchat ins Pfandhaus. Eine Schnupftabaksdose, ein Andenken an die Wirksamkeit Sartos als Bischof in Mantua, mußte dazu herhalten, um einem Stadtverordneten aus' den drückendsten finanziellen Schwierigkeiten zu helfen. Eins nur hat Jacuo seinem besten Kunden nachgetragen: Als Sarto zur Papstwahl nach Rom reisen wollte, lieh er sich das Reisegeld nicht von Jacuo, sondern, von dem lombardischen Kolleg. Der alte Pfandleiher hätte es gern gesehen, daß sozusagen für sein Geld Sarto Papst geworden wäre . . . Ein jüdisches Gymnasium in Jassy. Der jüdische Philanthrop Moritz Wachtel ließ auf seine eigenen Kosten ein prachtvolles Gebäude für ein jüdisches Gymnasium errichten. Nun trat Wachtel an die Regierung mit dem Ersuchen um die Erlaubnis, die Schule eröffnen zu dürfen, heran. Die Regierung entsandte einen Generalinspektor, der das Gebäude und seine Einrichtung in Augenschein nahm. Der Generalinspektor sprach sich über die neue Anstalt sehr lobend aus und dankte Herrn Wachtel für die Opferwilligkeit, mit welcher er der Regierung bei ihrer Volksbildungsarbeit behilflich ist. Die Anstalt wird demnächst eröffnet werden, aber die jüdischen Kinder werden — ausschließlich von christlichen(!) Lehrern unterrichtet werden. Judenniederlassun^en in Kleinasien. Aus Konstantinopel wird berichtet: Seit dem Jahre 1888 ist durch eine Verfügung der Regierung die Errichtung jüdischer Kolonien, einheimischer sowohl wie fremder, in den Vilajeten Syrienund Beyrut und im Sandschak Jerusalem untersagt und denjenigen Juden, die als Pilger nach Palästina kommen, der Au "enthalt daselbst grundsätzlich bloß für drei Monate gestattet. Diese Anordnungen stehen bis heute in Geltung. Unter dem neuen Regime wurde allerdings während des Großvezierrats Hilmi Paschas, für die endgültige Regelung dieser Angelegenheit ein Gesetzentwurf ausgearbeitet, der jedoch auf dem Papier geblieben ist. Das Generalgouvernement von Beyrut hat kürzlieh der Pforte die Mitteilung gemacht, daß ausländische Juden, um sich die Möglichkeit dauernder Niederlassung in dieser Provinz zu verschaffen, dort Immobilien zu erwerben suchen, und Weisungen für das demgegenüber zu befolgende Verhalten verlangt. Aus amtlichen Kreisen verlautet, daß die Regierung die Aufrechterhaltung der bisher in Kraft stehenden Vorschriften verfügen werde. Jüdische Mädchen im Harem des Emirs von Buchara. Der Emir von Buchara ist unter allen asiatischen Fürsten der einzige, dessen Harem auch heute noch eine ungemein große Zahl von Frauen aufweist. In den Mitteln, Frauen für seinen Harem zu gewinnen, ist der Emir durchaus nicht wählerisch. So oft Seine kaiserliche Majestät durch die Straßen fährt, müssen alle Frauen, denen er begegnet, mit dem Gesicht zu ihm gewandt stehen bleiben, den Schleier lüften, und wenn die eine oder die andere vom Emir durch einen Gruß ausgezeichnet wird, so bedeutet das soviel, daß sie für den Harem bestimmt ist. Aber die schönen Damen von Buchara würdigen im allgemeinen eine solche Auszeichnung durchaus nicht, und wenden verschiedene Kniffe an, um der Aufmerksamkeit des Harems zu entgehen. So sieht man gar oft Frauen auf Krücken über die Straße hinken, die zu dieser List nur greifen, um auf diese Weise sicher zusein, nicht in den Harem kommandiert zu werden. Da der Emir durchaus keinen Unterschied macht, welchem Glauben die schöne Frau, die bei ihm Gefallen fand, angehört, und die bucharischen Jüdinnen sich durch besondere Schönheit und Anmut auszeichnen, so ist es nicht verwun-