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Neue Nationalzeitung · 1911-10-06 · Heft 20 (6.10.1911) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 20 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung' Seite 7 Das Präsidium sieht diesen Zeitpunkt für gegeben, da durch die Erweiterung des Friedhofs eine Ausgabe von zirka 2 Millionen Kronen erwachsen ist, zu deren Deckung vorläufig der Beamtenpensionsfonds herangezogen wurde, und da zur Errichtung des von Dr. Stern gewünschten Tempels gleichfalls zirka 2 Millionen nötig sein werden, die seitens unserer Millionäre trotz der ihnen eingeräumten Privilegien nicht hergegeben werden. Um dem in Ihrem Blatte schon vor zwei Jahren angekündigten Bankerott vorzubeugen, soll in dieser Zeit der allgemeinen Teuerung auch noch die Kultussteuer um 20—30 Prozent durch bloßen Beschluß des Kultusvorstandes erhöht werden. Aber es steht vorläufig noch eines im Wege. Dies© Erhöhung darf nur stattfinden „für das zweite oder für das dritte Jahr einer Schätzungsperiode", vor Beginn desselben. Gegenwärtig (1911) haben wir das dritte Jahr der Schätzungsperiode 1909/11 und dieses geht zu Ende. Es kann daher eine Erhöhung erst in der nächsten Periode respektive nicht früher als Ende 1912 für 1913 stattfinden. Wie das zu umgehen ist, darüber zerbricht man sich in der Seitenstettengasse jetzt den Kopf." Soweit unser Gewährsmann. Der neueste Coup des Dr. Stern überrascht uns nicht. Der Mann schreckt vor keinem Mittel zurück, um sich am Ruder zu erhalten. Lieber den jüdischen Mittelstand, die 10.000 Steuerträger, die 20 Kronen zahlen, noch mehr in dieser schweren Zeit belasten, als im Wege einer gerechten, demokratischen Steuerreform neuen Kreisen das Wahlrecht einzuräumen. Die jüdischen Wähler werden die Hand Dr. Sterns so lange spüren, bis sie sich endlich aufraffen und zeigen werden, daß sie nicht jenes Stimmvieh sind, für das sie bisher mit Recht in der Seitenstettengasse angesehen wurden, * * * Der Wiener Polizeipräsident geadelt. Wien. Der Polizeipräsident Brzesowsky wurde vom Kaiser in den Adel stand erhoben. Der erste Polizeifunktionär von Wien erfreut sich in j ü d i s c h e n Kreisen wegen seiner humanen Gesinnung und seiner großen Unparteilichkeit besonderer Wertschätzung und wir freuen uns, die hohe Auszeichnung desselben registrieren zu können. Bei dieser Gelegenheit können wir nicht umhin, den Herrn Präsidenten aufmerksam zu machen, daß die von seinem unmittelbaren Vorgänger eingeführte Boykottierung jüdischer Bewerber bei Besetzung von Polizeibeamtenstellen nicht nur gegen die Staatsgrundgeisetze verstößt, sondern mit Rücksicht auf den Zusammenbruch der antisemitischen Partei auch aus taktischen Gründen unklug ist. Aus New-York kommt soeben die Nachricht, daß der dortige Polizeichef für die zahlreichen jüdischen Offiziere, Sergeanten und Mitglieder des Polizeiwachkorps (über 500 Personen) einen jüdischen Polizeikaplan angestellt hat. In Wien dagegen werden in das Wachkorps überhaupt keine Juden aufgenommen und von den Bewerbern um eine Beamtenstelle wird der Taufschein verlangt. Herr von Brzesowsky ist es seiner Reputation schuldig, in seinem Amte diese unwürdigen Zustände zu beseitigen. Nordamerika. Bürgermeister Gaynor für das jüdische Theater. New-York, den 12. September (Originalkorrespondenz). Gestern erfolgte die Eröffnung des neuen jüdischen Theaters, welches mit einem Aufwände von 800.000 Dollar (4 Millionen Kronen) errichtet wurde und nunmehr zu den prachtvollsten Bauten New-Yorks gehört. Es enthält einen Raum für 2000 Personen. Die unter dem Vorsitze des bekannten Schriftstellers Mr. Baron des stattgehabte Eröffnungsfeier wurde durch die Teilnahme unseres Bürgermeisters Gaynor besonders ausgezeichnet. Dieser bedeutende Mann, welcher nicht nur Bürgermeister einer Fünfmillionenstadt ist, sondern nach allgemeiner Ansicht auch die Anwartschaft auf die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten besitzt, hat bei diesem Anlasse eine Rede gehalten, die es verdient, nach allen Seiten der Weltkugel getragen zu werden, um unseren armen Millionen Volksgenossen, die wegen ihrer jüdischen Sprache verhöhnt und mißachtet werden, zu zeigen, wie ein Gaynor die Bedeutung der jüdischen Sprache und des jüdischen Theaters hochschätzt. Bürgermeister Gaynor begann seine Rede damit, daß er bedauerte, nicht selbst jüdisch sprechen zu können. Leider sei das Erlernen dieser Sprache sehr schwer, da man zuerst einige andere Sprachen beherrschen müsse, um sie zu verstehen. Er setzte nun fort: „Ihr Juden seid selbst eine dramatische Rasse. Eure ganze Geschichte ist ein Drama und eine Tragödie, seit den Tagen Abrahams bis heute. Welches Volk besitzt eine so erhabene Poesie wie eiure Bibel? Die Literatur der ganzen Welt reicht nicht heran an das alte Testament, das wir eurer Rasse verdanken. Ich gebe aber weiter und erkläre, daß auch das neue Testament von Juden verfaßt ist. Und wenn nun ein Christ die Bibel in die Hand nimmt und dabei doch bedenken muß, daß sie von Juden stammt, wie kann er da den Juden böswillig gesinnt sein? Und doch, nachdem sie von euch die Thora und das Neue Testament behalten haben, haben sie bedauerlicherweise ihre bösen Gesinnungen gegen euch nicht aufgegeben! Das wird aber hoffentlich nicht lange andauern, auch in Rußland nicht." Der Bürgermeister beschäftigte sich dann mit der Vorgeschichte des neuen Theatsrgebäudes und meinte, es sei nur dadurch möglich geworden, weil das jüdische Publikum dazu den festen Willen hatte. Er erklärte dann das Theater für eröffnet. „Haltet das Drama hoch", sagte er, „gebt dem Volke nur reine Kunst, verschließt eure Tore den unanständigen, verwerflichen Theaterstücken. Wohl gibt es Leute, die das Drama in den Kot zerren wollen, aber ich hoffe, daß dies an dieser neuen Kunststätte nicht geschehen wird, solange die East- Seite bleiben wird, wie sie jetzt ist." Mr. Gaynor wurde während und nach der Rede mit ungeheuren Ovationen ausgezeichnet. Er verblieb noch über den ersten Akt des Stückes „Gott, Mensch und der Teufel" von G o r d i n, welches an diesem Abend aufgeführt wurde.

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