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Neue Nationalzeitung · 1911-10-06 · Heft 20 (6.10.1911) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 20 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Neue National-Zeitung" Seite 5 rende Rolle in der terroristischen Bewegung gespielt hat, soll die Ermordung Plehwes vorbereitet haben; er ist an Schwindsucht gestorben. Ihnen folgt nun Bagrow. Er ist der Sohn eines angesehenen Rechtsanwaltes und reichen Hausbesitzers. In seinem väterlichen Hause verkehren die Spitzen der christlichen Gesellschaft. Sein Vater ist der beste Freund des gefürchteten Gendarmerie-Generals Nowicki, So wird er allmählich mit den Chefs der Ochrana intim. Bald wird er in ihr© Geheimnisse eingeweiht. Er erweist ihnen hie und da kleinere Dienste, um ihr Vertrauen ganz zu gewinnen. Er wird der Liebling der Chefs der Kiewer Geheimpolizei. Wer konnte daran denken, daß der Sohn eines reichen und vornehmen Hauses, mit akademischem Grade), in djer Blüte des Lebens, da seine Altersgenossen sich aller Genüsse freuen, die sie sich mit ihren reichen Mitteln verschaffen können, diese ftirchtbare Tat begehen könnte, um dann nicht bloß zu sterben, nein, um den Tod am Galgen zu ertragen. Die Psychologie Bagrows iist noch nicht geschrieben. In der Geschichte der revolutionären Bewegung Rußlands gebührt ihm eine individuelle Beurteilung. Nicht etwa, als ob es sonst in den Reihen der russischen Revolutionäre an akademisch gebildeten und materiell unabhängigen Männern gefehlt hätte, sondern, weil die Motive, welche Bagrow veranlaßt haben, die Beziehungen zur russischen Geheimpolizei zu suchen, durchwegs die Verwirklichung seiner revolutionären Ideale, nicht aber materiellen Gewinn bezweckten. Bagrow ist jeder jüdischen Bewegung ferne gestanden. Diese Tatsache ist nicht besonders auffällig. Die oberen Zehntausend und ein Teil des jüdischen Mittelstandes in Rußland stehen dem Zionismus apathisch oder feindlich gegenüber. Befindet sich ja doch ein großer Teil des jüdischen Proletariates im sozialistischen Lager, auch dort zerklüftet in Parteien und Fraktionen, als russische Sozialdemokraten, Bundisten, S.S.—isten usw. Allein die Pogroms haben jede politische Agilität im jüdischen Lager gelähmt und Individualitäten wie Bagrow sind selbst im jüdischen Proletariat zu einer Seltenheit geworden, Darum hat die Tat Bagrows nicht nur die Machthaber Rußlands, sondern auch die Juden besonders entsetzt. Als der Ruthene Siczynski den galizischen Statthalter Potocki, der doch keinem Ruthenen ein Haar gekrümmt hat, ermordet hat, da wurde er von seinem Volke als Nationalheros gefeiert und seine Begnadigung zu einem ruthenisch-nationalen Postulat erhoben. Der Jude Bagrow, der Mörder Stolypins, wurde von seinen Volksgenossen geächtet, verflucht, in den Bann gelegt, nachdem er den Mann beseitigt hat, der tausende jüdischer Existenzen ruiniert, aus ihrem Heim vertrieben, auf den Bettelstab gebracht hat. Und doch werden die russischen Juden einst, wenn die Sonne der Freiheit endlich auch über Rußland aufgehen wird, in der Liste ihrer Märtyrer auch den Namen Bagrow aufweisen und darauf gestützt einen Platz an der Tafel der russischen Völker verlangen. L. Die Verschleppung der galizischen Hilfsaktion. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, Ende September. Sie wundern sich, daß die galizische Hilfsaktion bereits eingeschlafen ist und verlangen von mir einen Bericht über den Stand der Angelegenheit, ja Sie wundern sich, daß ich dies bisher nicht aus eigener Initiative getan habe. Sie haben wohl recht, aber gestatten Sie mir hinzuzufügen, daß auch ich nicht im Unrechte bin. Leider sind eben die Verhältnisse und die Menschen, also auch die Politiker, bei uns anders als in anderen Ländern. Vor einem halben Jahre wurde bereits in Wien in der von der Pariser JCA einberufenen Konferenz ein Komitee eingesetzt, welches zumeist aus jüdischen Abgeordneten aller Parteien bestehend, die Aufgabe hatte, diese Hilfsaktion zu organisieren respektive den gesetzlichen Rahmen für dieselbe zu schaffen. Es sitzen in diesem Komitee friedlich nebeneinander Dr. Loewenstein und Dr. Diamant, Dr. Groß und Adolf Stand. Als Obmann fungiert Herr Samuel von H o r o w i t z. Und alle diese Herren, die nun so friedlich nebeneinander sitzen, arbeiten alle zusammen gar nichts. Herr Dr. Groß hatte die Aufgabe, die Statuten auszuarbeiten und bei der kompetenten politischen Behörde zu überreichen. Auch das ist nicht geschehen. Man ist darüber, wie ich höre, sowohl in Paris als auch in Frankfurt, von wo aus Justizrat Blau das Zustandekommen der galizischen Hilfsaktion überwachen soll, sehr indigniert. Allerdings sind Justizrat Blau und das Pariser Kuratorium von einer Mitschuld an der Sterilität des Komitees nicht ganz freizusprechen. Die galizische Hilfsaktion wurde von Paris aus mit einem Schleier der Geheimtuerei umgeben. Wiewohl gerade die jüdische Presse die Initiative zur Hilfsaktion gab und nicht die jüdischen Abgeordneten oder sonstigen Kahalmacher ä la Horowitz, hat die JCA, als sie endlich daran ging, diese Hilfsaktion zu inaugurieren, die jüdische Presse ganz ausgeschaltet und dieselbe nicht einmal durch Communiques auf dem Laufenden gehalten. Als sich die JCA entschlossen hat, im Wege eines Fragebogens sich das Material über die wirtschaftliche Notlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens zu verschaffen, wandte sie sich an einige Korporationen und Personen, die gerade am wenigsten geeignet 9ind, ein objektives, fachmännisches Gutachten abzugeben. Diese Gutachten wurden dann „als Manuskript" gedruckt und wiederum der Oeffentlichkeit und der Presse vorenthalten. Offenbar hat die JCA etwas zu verbergen. Wenn wir nun diese 10 Gutachten überblicken, dann finden wir allerdings, daß die JCA G, und genug hat, sich dieser Publikation zu schämen. Kein einziger Rabbiner oder Rabbi, die doch mit dem Volke zusammenleben und die Verhältnisse des Volkes sehr gut kennen, wurde um seine Meinung gefragt, sondern lediglich der Prediger der Kra kauer Reformgemeinde, Dr. Thon.

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